Stand: 16.10.2017 17:10 Uhr

Aufgewachsen unter Neonazis

Ein deutsches Mädchen - Mein Leben in einer Neonazi-Familie
von Heidi  Benneckenstein
Vorgestellt von Yasemin Ergin
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In "Ein deutsches Mädchen - Mein Leben in einer Neonazi-Familie" erzählt Heidi Benneckenstein ihre Geschichte.

Ihr Leben lang war Heidi Benneckenstein Teil der rechten Szene. Vor sechs Jahren schaffte sie den Ausstieg aus dieser Welt, in die sie nicht einfach reingerutscht war, sondern in die sie hineingeboren wurde. Ihr Vater, ein strammer, szenebekannter Nazi, erzog seine Kinder völkisch-nationalistisch. Die Mutter ließ es geschehen. Darüber hat sie jetzt ein Buch geschrieben: "Ein deutsches Mädchen" ist ein erschütternder Insiderbericht aus einer Parallelwelt.

Von klein auf gelernt, dass der Holocaust eine Lüge sei

Jetzt beschäftigt sich die junge Frau mit dem dunkelsten Teil der deutschen Geschichte. Sie besucht zum ersten Mal das NS-Dokumentationszentrum in München. Sie lässt Dinge an sich heran, die sie fast ihr ganzes Leben lang ausgeblendet hat. Diese Gräueltaten, den Holocaust und alle anderen Verbrechen, sagt sie, habe sie damals nicht an sich rangelassen. Sie habe ja von klein auf gelernt, dass das alles eine Lüge ist: "Wenn man dann plötzlich empathisch wird und das an sich ranlässt und Mitgefühl empfinden kann, dann ist das sehr heftig. Ich hatte dann auch ein schlechtes Gewissen, dass ich das, was den Leuten passiert ist, so verhöhnt hab."

Als Kind im Ferienlager der "Heimattreuen Deutschen Jugend"

Heidi Benneckenstein war noch klein, als die Eltern sie in Ferienlager der "Heimattreuen Deutschen Jugend" (HDJ) schickten - eine rechtsextreme, inzwischen verbotene Nachwuchsorganisation. Benneckenstein sagt: "Da musste man strammstehen, musste die Fahne in einer Hand halten und dann einen Treueeid nachsprechen." Nach dem Vorbild der Hitlerjugend wurden hier Hunderte von Kindern militärisch gedrillt und ideologisch geschult. Fast alle sind heute noch in der Szene aktiv. Die Rechtsextremismus-Expertin Andrea Röpke beschäftigt sich seit Jahren mit der Szene. Benneckensteins Insider-Bericht bestätigt ihre Recherchen. Röpke sagt, die Kinder seien antimodern erzogen worden, seien sektenähnlich erzogen worden. "Ganz schockierend für mich ist, dass diese Kinder sehr frühzeitig mit Feindbildern aufwachsen. Sie wachsen immer mit diesem erhabenen Gefühl, zu einer besonderen Volksgemeinschaft, zu einer besonderen Gemeinschaft zu gehören auf, und von der verabschiedet man sich nicht so schnell, im Gegenteil, man bekämpft dann das, was da außen ist."

Heidi Beneckenstein.

Aufgewachsen unter Neonazis

Kulturjournal -

Heidi Benneckenstein wuchs als Neonazi auf, nahm an militanten Ferienlagern teil und trat der NPD bei. Mit 19 stieg sie aus. In "Ein deutsches Mädchen" erzählt sie ihre Geschichte.

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Mit 15 tritt sie dem NPD-Jugendverband bei

Wie Kinder mit allen Mitteln manipuliert werden, das hat Heidi Benneckenstein bei der HDJ früh erlebt: Einmal sei sie nachts vor der Polizei gewarnt worden, woraufhin sie in den Wald geflüchtet sei. Dort sei sie dann auf einen angeleuchteten Schweinekopf getroffen, der mit Ketchup verschmiert war. Benneckenstein sagt: "Ja, das sollte lustig sein. Ich fand das überhaupt nicht lustig, ich hatte wirklich Angst." Doch die Indoktrination wirkt. Mit 15 tritt Heidi dem NPD-Jugendverband bei, ist voller Hass gegen Andersdenkende. Sie wird gewalttätig, prügelt bei einer Nazi-Beerdigung auf einen Antifa-Fotografen ein. Benneckenstein sagt, es sei ja jetzt schon viele Jahre her, aber über einige Sachen würde es ihr immer noch schwer fallen, zu reden. "Weil ich mich dabei einfach so schlecht fühle."

Wollte ihr eigenes Kind anders erziehen

Heidis Weltbild beginnt nach und nach zu bröckeln. Zusammen mit ihrem heutigen Ehemann Felix, damals ein rechter Liedermacher, distanziert sie sich von der Szene. Eine Situation, die man als Schlüsselerlebnis sehen kann, sei die Situation, "dass ich mit 17 Jahren schwanger war und mich damit auseinandersetzen musste, wie ich mein eigenes Kind erziehen möchte und dann schlagartig gemerkt habe, dass das so gar nicht das ist, was ich mir für mein Kind wünschen würde."

Der Ausstieg aus der Neonazi-Szene

Heidi und Felix Benneckenstein werden auf der Gegenseite aktiv. Sie wollen aufklären, andere Aussteiger beraten. Ohne einander hätten sie den Absprung wohl nicht geschafft. Denn wer die rechte Szene verlässt, steht meist völlig alleine da. Die Rechtsextremismus-Expertin Andrea Röpke sagt: "Es bedeutet gerade auch für die Frauen einen totalen Bruch mit der gesamten Familie, es ist ein Ausstieg, nicht so wie oft bei den Männern, einfach die Kameradschaft oder die Partei zu verlassen, sondern es ist wirklich eine radikale Verabschiedung von der ganzen Lebensform, von der ganzen Lebensführung, von den ganzen sozialen Kontakten und daher ist sie natürlich auch wirklich eine der Ausnahmen und es ist umso wichtiger, dass sie eben auch auf die vielen, vielen im Hintergrund hinweist."

Mit ihrem Erfahrungsbericht würde Heidi gerne auch Menschen in der rechten Szene erreichen, die rauswollen, aber nicht wissen wie. Ihr selbst ist es erstaunlich leicht gefallen, ihre alte Identität aufzugeben. Heidi Benneckenstein sagt, das klinge vielleicht schizophren, aber die Person die sie damals war, sei ja eine ganz andere, als sie heute ist."Wie ich mich verhalten habe, ist überhaupt nicht mehr nachvollziehbar für mich." Heidi Benneckenstein liefert erschreckende Einblicke in ein lange unterschätztes rechtsradikales Milieu - und sie erzählt von einem mutigen Neuanfang. Eine beeindruckende Geschichte.

Ein deutsches Mädchen - Mein Leben in einer Neonazi-Familie

Seitenzahl:
252 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Tropen
Preis:
16,95 €

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 16.10.2017 | 22:45 Uhr

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