Stand: 16.02.2019 07:18 Uhr

"Häuptling Abendwind" feiert Premiere in Hamburg

von Katja Weise
Schlagen sich gut, trotz plakativem Gebiss: Sasha Rau, Ueli Jäggi, Josef Ostendorf, Clemens Sienknecht und Marc Bodnar in "Häuptling Abendwind" im Hamburger Schauspielhaus.

Lange war sie in Vergessenheit geraten, die kannibalistische Komödie "Häuptling Abendwind" von Johann Nestroy, uraufgeführt 1862 in Wien, inspiriert von einer Operette von Jacques Offenbach. Der satirische Charakter erschloss sich offenbar nur wenigen. In den vergangenen Jahren jedoch gab es wieder Aufführungen. Im Malersaal, der kleinen Bühne des Hamburger Schauspielhauses, hat sie jetzt kein geringerer als der Schweizer Christoph Marthaler herausgebracht.

Und es ist wie so oft bei Marthaler: Schon der Bühnenraum wirkt leicht aus der Zeit gefallen. Sechs mit gold-glänzendem Stoff bespannte Louis XVI-Sesselchen, dazwischen zierliche Tische mit Blumenschmuck, der Boden: Marmor, an der Decke ein Kronleuchter. Nicht unbedingt ein indianisches Häuptling-Ambiente also. Und die Menschen, die später Platz nehmen auf den Sesselchen, könnten auch Staatsmänner von heute sein - zumindest die beiden in der Mitte. Doch von vorn. Häuptling Abendwind, dunkler Anzug, rote Krawatte, weißblonde Haare, erwartet Staatsbesuch: vom benachbarten Inselbeherrscher, dem großen Biberhahn, Häuptling der Papatutu zwecks großartigem politischen Um- und Aufbruchs.

Menschenfleisch als Festmahl

Dem soll ein Festmahl vorgesetzt werden, Menschenfleisch, wie es der Tradition entspricht. Doch leider sind die Gefangenen alle verspeist. Da kommt der soeben während eines Unwetters von einer großen Welle angespülte Arthur gerade recht. Dumm nur, dass Atala, die Häuptlingstochter, sich sofort in den europäischen Friseur verguckt - und der sich in sie.

Doch das hilft Arthur auch nicht. Der Koch wetzt die Messer, der Häuptling befiehlt die Zubereitung. Menschenfleischfressende Staatsoberhäupter, die nur den eigenen (Insel)Staat und die eigene Meinung gelten lassen: Nestroys Häuptlingsposse ist auch eine scharfe Kritik am Nationalismus, seinen Auswüchsen und der europäischen Selbstherrlichkeit.

Eine herrliche Persiflage

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Plakatives Spiel: Passt zwar gut zur Posse, doch dieser "Häuptling Abendwind" kommt nicht durchgängig in Fahrt.

Marthaler kostet das süffisant aus. Er ergänzt die Vorlage um weitere Texte: Es gibt eine herrliche Persiflage auf eine politische Talkshow, Vorschläge für eine ungewöhnliche, ausgesprochen aktuelle Speisefolge: "Spaghetti Putineska, südenglischer Trennkostteller mit Unterhauspflaumen und frei verhandelbarer Beilage". Wie immer serviert mit viel Musik: Der eine Häuptling präferiert Schlager, der andere Klassik, manchmal verpoppt.

Ein plakatives Spiel

Blut fließt nur in Maßen, obwohl die Inselbewohner alle mit einem mächtigen Gebiss ausgestattet sind, das den Schauspielern das Sprechen schwer macht. Doch sie schlagen sich alle gut, von Marthaler außerdem zu einem plakativen Spiel animiert. Das passt zur Posse, doch da der Regisseur gleichzeitig wie so oft auf Langsamkeit setzt, kommt dieser "Häuptling Abendwind" nicht durchgängig in Fahrt. Dazu tragen auch teilweise die Fremdtexte bei, die sich nicht alle gut einfügen: der Auftritt eines Traumschiffkapitäns, das Zitieren aus Zeitungsausschnitten...

Auch musikalisch gab's von Marthaler schon Eindrucksvolleres. Kein großer Abend also, aber die beiden Häuptlinge Joseph Ostendorf und Samuel Weiss sind ziemlich toll.

"Häuptling Abendwind" feiert Premiere in Hamburg

Lange war der die Komödie "Häuptling Abendwind" in Vergessenheit geraten. Im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses hat Christoph Marthaler sie jetzt herausgebracht.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Kirchenallee 39
20099  Hamburg
Telefon:
040/248710
Preis:
22 Euro
Kartenverkauf:
Kartentelefon: 040/248713

Kartenservice im Schauspielhaus:
Mo - Sa 10 - 19 Uhr geöffnet

An Sonn- und Feiertagen: drei Stunden vor Vorstellungsbeginn geöffnet
An vorstellungsfreien Sonn- und Feiertagen bleibt die Tageskasse geschlossen.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 16.02.2019 | 06:40 Uhr

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