Frau schaut durch Vorhaenge aus einem Fenster © picture alliance / photothek Foto: Ute Grabowsky

Gewalt gegen Frauen: "Die Zahlen steigen jedes Jahr"

Stand: 25.11.2021 15:04 Uhr

Asha Hedayati befasst sich alltäglich mit dem Thema Gewalt gegen Frauen. Die Anwältin vertritt regelmäßig Frauen, die von Partnerschaftsgewalt betroffen sind und spricht immer wieder öffentlich darüber.

Frau schaut durch Vorhaenge aus einem Fenster © picture alliance / photothek Foto: Ute Grabowsky
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Frau Hedayati, viele Ihrer Mandantinnen sind von häuslicher Gewalt betroffen. Was sind das für Geschichten, die Ihnen hier begegnen?

Asha Hedayati: Ich vertrete vor allem von Gewalt betroffene Frauen in ihren familienrechtlichen Verfahren: in Trennungssituationen, in Kindschaftsverfahren, in Scheidungsverfahren. Ich vertrete sie nach der Trennung in Umgangsverfahren, wenn der Ex-Partner versucht, über den Umgang mit dem Kind weiter Gewalt und Druck auf die Betroffene auszuüben. Oder in Scheidungsverfahren, in denen der Ex nicht zustimmt, die Scheidung verzögert, weil er weiter Macht ausüben will. Und dann gibt es Mandantinnen, die ich auch in Gewaltschutzverfahren vertrete. Diese müssen dann entweder schnell in einem Frauenhaus unterkommen, der Partner muss aus der Wohnung weggewiesen werden oder wir brauchen ein Näherungsverbot. Das sind die klassischen Verfahren.

Was sind das für Frauen, die zu Ihnen kommen? Gibt es Parallelen zwischen den Einzelfällen zu erkennen?

Hedayati: Mir ist es immer ganz wichtig zu sagen, dass Gewalt gegen Frauen durch alle sozialen Schichten und Milieus geht. Wir können nicht sagen, dass es nur die sozial benachteiligte, migrantische Frau ist, die betroffen ist, sondern es gibt Gewalt in allen Milieus. Man kann vielleicht schon sagen, dass einige der Betroffenen - und das ist auch durch Studien belegt - selber als Kind Zeuginnen von Partnerschaftsgewalt geworden sind. Oft sind Kinder, die Zeugen von Partnerschaftsgewalt in ihrem Elternhaus werden, im späteren Leben selbst von Partnerschaftsgewalt betroffen. Also wird Gewalt häufig weitervererbt.

Wenden sich diese Frauen in den meisten Fällen selbst an Sie - oder geht das über Dritte?

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Unscharfe Silhouette einer Frau. © photocase.de Foto: IRENE AKSOY

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Es geschieht oft im Verborgenen: Viele Frauen erleiden Gewalt durch ihre Partner. Warum ist das so und was kann dagegen getan werden? mehr

Hedayati: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Frauen, die von den Frauenhäusern geschickt werden, aber es gibt auch Frauen, die den Kontakt über eine Freundin bekommen haben, die sich über dritte Personen an mich wenden oder es sogar selber geschafft haben, im Internet zu googeln und die Nummer anrufen. Besonders sind für mich die Verfahren, in denen die Frauen noch in der Partnerschaft sind und sich erst mal nur beraten lassen möchten. Da muss ich mit meiner Beratung ein bisschen aufpassen. Ich will sie nicht zu der Trennung überreden, es muss ihre Entscheidung sein. Sie kommen dann noch mal und noch mal - und irgendwann schaffen sie den Absprung. Das sind sehr schöne Momente.

Warum fällt es den Frauen so schwer, sich aus diesen gewaltsamen Beziehungen zu lösen?

Hedayati: Weil wir ein strukturelles Problem haben. Es ist mir ganz wichtig, dass wir nicht die Verantwortung bei den Frauen selbst suchen, nicht immer fragen, warum sie sich nicht einfach trennen. Denn das System und die Strukturen erschweren es den Frauen enorm, sich aus so einer Partnerschaft zu lösen. Es gibt Abhängigkeitsverhältnisse. Auch wirtschaftliche Abhängigkeiten spielen eine große Rolle: dieses massive Armutsrisiko für Alleinerziehende oder die Gender-Pay-Gap. Es gibt wahnsinnig viele Baustellen, die letztendlich auch dazu führen, dass Frauen sich schwerer aus diesen Partnerschaften lösen und befreien können. Vor allem, wenn Kinder dabei sind.

Seit acht Jahren arbeiten Sie als Anwältin auf diesem Gebiet. Wie hat sich in dieser Zeit die Lage für die Frauen entwickelt? Gibt es positive Entwicklungen oder eher das Gegenteil?

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Hedayati: Die Zahlen steigen jedes Jahr, was einerseits sicherlich darauf hindeutet, dass es mehr Frauen gibt, die sich auch trauen, Anzeige zu erstatten. Andererseits gehe ich davon aus, dass gleichzeitig mit diesem Hellfeld, was größer wird, das Dunkelfeld auch größer wird. Für mich ist das eher ein Indiz dafür, dass insgesamt auch die Dunkelziffer explodiert. Was ich in der letzten Zeit besonders positiv wahrgenommen habe, ist, dass es während der Corona-Pandemie deutlich mehr Aufmerksamkeit für dieses Thema gegeben hat. Die Medien haben mehr berichtet und es ist ein bisschen mehr in den Mittelpunkt gerückt. Es kam so ein bisschen raus aus diesem privaten, häuslichen Bereich und wurde mehr als ein gesamtgesellschaftliches Problem wahrgenommen. Das ist für mich eine sehr schöne Entwicklung.

Sie leisten selbst auch Öffentlichkeitsarbeit zu dem Thema, rücken immer wieder Einzelschicksale ins Licht der Öffentlichkeit. Warum ist es so wichtig, diese Geschichten zu erzählen?

Hedayati: Weil es einerseits für die Betroffenen wichtig ist, auch von anderen Betroffenen zu lesen und zu sehen: Ich bin nicht allein, ich kann mir Hilfe suchen, ich muss mich nicht schämen, ich muss nicht darüber schweigen, ich werde gehört, ich werde gesehen. Außerdem finde ich es sehr wichtig, dass wir endlich auch gesellschaftlich vorankommen und schauen, wie wir auf der strukturellen Ebene Dinge verändern können, damit es gar nicht erst zur Gewalt kommt. Frauenhausplätze sind super, Hilfe-Telefonnummern sind super und wichtig - aber viel wichtiger ist, dass wir das vielleicht irgendwann gar nicht mehr brauchen, dass wir die Ursachen bekämpfen.

An welchen Stellschrauben müsste da konkret gedreht werden?

Hedayati: Das sprengt jetzt wahrscheinlich den Rahmen. Ich finde es wichtig, dass wir eine Sprache dafür finden, dass es Männergewalt ist, dass auch die Täter benannt werden. Dass es nicht nur Fraueninitiativen gibt, sondern dass auch Männer sich fragen: Was passiert hier? Was ist das Problem? Ist das eine falsch verstandene Männlichkeit? Geht es letztendlich um Geschlechterrollen? Wo können wir frühzeitig ansetzen, die Präventionsmaßnahmen durchzuführen? In der Kita, in der Schule? Müssen wir Fächer wie Gleichberechtigung einführen? Es gibt viele Dinge, die die Istanbul-Konvention, die auch Deutschland unterzeichnet hat, fordert. Aber Deutschland muss sie endlich umsetzen. Damit wäre schon ein wichtiger Schritt gemacht.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 25.11.2021 | 18:00 Uhr

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