Frauenhände nehmen eine Ausgabe des Duden aus dem Regal. © picture alliance/dpa Foto: Wolfgang Kumm

Geschlechtergerechte Sprache: Geht der Duden zu weit?

Stand: 16.02.2021 13:32 Uhr

Die Duden-Redaktion weist neuerdings in ihrer Onlineausgabe die männliche Form eines Nomens als männlich aus und fügt ihr die weibliche Form gleichberechtigt hinzu. Ein Gespräch mit der Chefredakteurin des Dudens, Kathrin Kunkel-Razum.

Frauenhände nehmen eine Ausgabe des Duden aus dem Regal. © picture alliance/dpa Foto: Wolfgang Kumm
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Frau Kunkel-Razum, warum schaffen Sie das generische Maskulinum im Duden ab?

Kathrin Kunkel-Razum: Wir schaffen das generische Maskulinum gar nicht ab. Das können wir als Duden nicht, und das wollen wir übrigens auch gar nicht. Auf Duden online - und das betrifft bisher nur Duden online - haben wir ganz traditionell zwei Einträge: "Arzt, der" und "Ärztin, die". "Ärztin, die" ist aber ein sogenannter Verweisartikel - Sie finden dort keine Definition, keine Beispiele, sondern dort steht nur: "weibliche Form zu Arzt". Während bei "Arzt" genau definiert wird, was ein Arzt ist, was er tut, und es gibt Verwendungsbeispiele. Das ist eine Lösung, die im Online-Zeitalter nicht besonders praktisch ist. Denn wenn man beispielsweise wissen möchte, was eine "Influencerin" ist, dann wird man zu "Influencer" weitergeleitet. Man muss also nochmal klicken, und das mögen die Leute nicht. Das ist die technische Seite des Ganzen.

Kathrin Kunkel-Razum © Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/ZB Foto: Britta Pedersen
"Wir schaffen das generische Maskulinum gar nicht ab", betont Kathrin Kunkel-Razum.

Inhaltlich stellt es sich für viele unserer Nutzerinnen und Nutzer so dar, dass die femininen Formen nicht so viel wert sind wie die maskulinen Formen, weil sie nicht ausgearbeitet sind. Diese Kritik haben wir uns zu Herzen genommen und haben im letzten Jahr begonnen, die femininen Artikel auszubauen.

Kritiker werfen Ihnen vor, mit diesem generischen Maskulinum doch so zu hantieren, als würden Sie es abschaffen. Das wird als "anmaßend", "unwissenschaftlich", "irreführend", "grotesk" und "absolut unverantwortlich" bezeichnet. Das gebe nicht die Sprachwirklichkeit wieder und entspreche nicht dem üblichen Sprachgebrauch. Warum machen Sie das trotzdem?

Kunkel-Razum: Wie gesagt, wir schaffen das gar nicht ab, denn genau diese geschlechtsübergreifende Verwendung zeigen wir weiter. Unter "Arzt" steht das Beispiel "zum Arzt gehen", und damit kann ein Arzt oder eine Ärztin gemeint sein, zu der ich gehe. Es kann aber sogar - und das überwiegt bei dieser Art von Beispielen - die Arztpraxis sein, in die ich gehe. Dann kommt es überhaupt nicht darauf an, welchen Geschlechts die Person ist, die dort arbeitet, sondern es ist schon fast so eine Art abstrakte Lokalbezeichnung: Ich gehe in dieses Geschäft oder in diese Praxis.

Sie bleiben aber im Binären: Es gibt die männliche und die weibliche Form. Es gibt aber gerade bei den Befürwortern des Gendersterns auch das mitgesprochene, nicht definierte Geschlecht. Das kommt in dieser Form zu kurz. Gibt es also gar keine gendergerechte Sprache?

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Kunkel-Razum: Sicher gibt es gendergerechte Sprache, aber Sie haben völlig Recht: Indem wir maskuline und feminine Personenbezeichnungen aufführen, schließen wir eigentlich Menschen mehrerer anderer Geschlechter aus. Dafür gibt es andere Mittel: entweder den Genderstern, den Unterstrich oder den Doppelpunkt. Aber aus unserer Sicht ist das eine sehr verkürzte Diskussion, wenn es um den Einsatz eines bestimmten Zeichens geht, denn die Sprache bietet noch viele andere Möglichkeiten, geschlechtergerecht zu formulieren. Statt "Holen Sie den Rat Ihres Arztes ein", könnte es auch heißen: "Holen Sie ärztlichen Rat ein" - und schon ist die ganze Klippe umschifft.

Sie ernten für diese Offensive auch unter Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftlern massive, teils sogar sehr unflätige Kritik. Können Sie sich das erklären, warum so emotional darauf reagiert wird und gerade in der Fachwelt nicht erstmal objektiv argumentiert wird?

Kunkel-Razum: Wir sehen hier, dass es zwei Schulen innerhalb der Linguistik gibt. Eine Richtung konzentriert sich sehr stark auf das Sprachsystem und die andere Richtung guckt sehr viel stärker auf die Sprachverwendung: Wie ist die aktuelle Verwendung der sprachlichen Einheiten, die wir haben?

Abschließend die Frage: Genderstern - ja oder nein?

Kunkel-Razum: Wir plädieren für einen Mix, also für das Ausschöpfen aller sprachlichen Möglichkeiten, die es gibt. Wenn aber ein Zeichen verwendet werden soll - und dafür gibt es gute Gründe -, dann sehen wir aktuell, dass der Stern am häufigsten verwendet wird, und dann würden wir auch dazu raten, diesen zu benutzen. Aber, wie gesagt, es gibt ganz viele Möglichkeiten, geschlechtergerecht zu formulieren.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 16.02.2021 | 18:00 Uhr