Stand: 04.02.2019 15:31 Uhr

1979: Jahr der Krisen, Aufbrüche und Revolutionen

2019 ist wieder ein Jahr mit herausragenden, runden Kalenderereignissen: 100 Jahre Bauhaus oder 30 Jahre Mauerfall. Als Jahreszahl vielleicht weniger in unserem kulturellen Gedächtnis abgespeichert ist das Jahr 1979. Weltweite Wendepunkte passierten in jenem Jahr, die ebenfalls die Zeitgeschichte verändert haben - sagt der Historiker Frank Bösch und hat darüber ein Buch geschrieben: "Zeitenwende. 1979. Als die Welt von heute begann".

Herr Bösch, Sie sagen, die Welt von heute beginne 1979. Das hätten im letzten Jahr sicher viele behauptet, wenn sie über 1968 sprechen: Umbruch, Wende, Protest, Revolte. Sie sagen 1979 - warum?

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Frank Bösch ist Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam und Professor für Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Universität Potsdam.

Frank Bösch: Wenn wir die deutsche Geschichte betrachten, stehen natürlich die Jahre 1933, 1945 oder 1989 im Vordergrund. Und je nachdem, welches Thema man wählt, können das auch ganz andere Daten sein, wie etwa die 68er, wenn man sich für studentischen Protest interessiert. Mein Anliegen war, aktuell diskutierte Herausforderungen zu thematisieren, sie mit konkreten Schlüsselmomenten zu verbinden und eine globale Perspektive einzunehmen - also nicht allein nur von Deutschland her zu denken. In vielen Ländern ist es so, dass grundlegende Herausforderungen 1979 aufkommen, wie zum Beispiel der radikale Islam mit der iranischen Revolution, der Neoliberalismus mit der Wahl von Thatcher oder die ökonomische Globalisierung mit der Öffnung von China. Wenn man jemanden in China, im Iran oder in Nicaragua fragt, was das Wendejahr war, in dem sich die Welt verändert hat, dann würden die "1979" sagen.

Sie sehen diese politischen Zäsuren, aus denen dann Wendepunkte wurden. Wurde 1979 vieles vorbereitet, das später erst zu einem strukturierten Wechsel geführt hat?

Bösch: Man kann sagen, dass Ende der 70er-Jahre Paradigmen aufkommen, Denkweisen, Sichtweisen auf die Welt, die uns heute beschäftigen. Heute reden viele über Flüchtlinge - die ersten außereuropäischen Flüchtlinge werden 1979 auch in Deutschland aufgenommen, mit den Boatpeople aus Vietnam und einer großen Spendenbereitschaft. Im gleichen Jahr kommt aber auch eine neue Welle von Fremdenfeindlichkeit bei uns auf. Bereits 1980 werden durch einen Brandanschlag in Hamburg zwei dieser Vietnamesen getötet.

Steht das Jahr 1979 dann eher für etwas Prozesshaftes als für ein konkretes Einzelereignis?

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Bösch: Beides. Geschichte vollzieht sich grundsätzlich immer in Prozessen, egal was wir betrachten. Alles hat eine Vorgeschichte. Aber es gibt Momente, in denen sich Geschichte verdichtet - das ist das, was wir Ereignisse, Zäsur nennen. 1979 haben wir viele Revolutionen, viele grundlegende Neuanfänge, die auftreten. Insofern ist es ein Prozess und ein Kippmoment bei vielen Themen. Das gilt natürlich nicht für alle Themen.

Auch auffällig - das schreiben Sie ebenfalls in ihrem Buch - sind konservative Revolutionäre: Khomeini mit der Iranischen Revolution, Johannes Paul II., der Papst mit seinem Besuch in Polen, Thatchers Neoliberalismus. Ist das eher Zufall oder erkennen Sie darin auch eine bestimmte Logik?

Bösch: Wenn man fragt, warum überhaupt so viele wichtige Ereignisse auftreten, muss man zunächst auf die 70er-Jahre gucken. Die 70er-Jahre sind einerseits ein Krisendiskurs. Überall wird Stagnation ausgemacht, eine gewisse Utopielosigkeit. Und plötzlich treten neue Heilsfiguren auf, die ganz neue Wege versprechen: den Gottesstaat, den Neoliberalismus, und auch die Grünen werden gegründet und der Begriff der Energiewende kommt auf. Zugleich sind viele dieser radikalen Reformen durchaus konservativ, und das erklärt sich als Reaktion auf die Liberalisierung der 70er-Jahre. In den 70er-Jahren haben wir viele liberale Reformen, vor allen Dingen Frauenrechte, das Recht auf Abtreibung, auch die Sexualität liberalisiert sich, und dagegen treten nun auch eher konservative Reformer auf, die stärker auf traditionelle Werte setzen.

Haben Sie trotzdem eine Erklärung für diese Häufung der sich vorbereitenden Ereignisse? Stichwort Digitalisierung: Hat sich das womöglich folgenreich angekündigt?

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"Zeitenwende. 1979. Als die Welt von heute begann" ist im C.H. Beck Verlag erschienen und kostet 28,00 Euro.

Bösch: Tatsächlich spielen Medien eine große Rolle dabei. Alle Haushalte haben in den 70er-Jahren Fernsehen, welches jetzt auch live sendet: Über Satelliten können Menschen direkt miterleben, wie sich Geschichte vollzieht. Das erklärt, dass Ereignisse, die irgendwo in Afghanistan oder Nicaragua passieren, in Ländern, die kaum jemand kennt in dieser Zeit, mit so einer großen Anteilnahme verfolgt werden. Auch durch engagierte Bildreporter, die oft an den gleichen Hotspots der Welt berichten, kommen entsprechende moralisch aufgeladene Bilder auf, die mobilisieren, egal ob es um ertrinkende Menschen im Südchinesischen Meer geht oder um die erfolgreichen Sandinisten, die einen Diktator vertreiben. Das Internet kommt in dieser Zeit auf, und zwar wird 1979 auch das Usenet entwickelt, also die erste öffentlich frei zugängliche, privat getragene Form des Internets in dieser Zeit. Aber das spielt keine Rolle dafür, dass diese Ereignisse so eine Wirkmacht entfalten.

Historiker-Kollegen, Philosophen, Soziologen wie Jürgen Habermas, Claus Leggewie oder Peter Sloterdijk haben sich ebenfalls mit dem Jahr 1979 beschäftigt. Sie sprechen von der "neuen Unübersichtlichkeit" (Habermas), von dem "Beginn der multipolaren Welt von heute" (Leggewie) oder dem "Schlüsseldatum des 20. Jahrhunderts" (Sloterdijk). Unter welche Chiffre würden Sie das Jahr 1979 fassen?

Bösch: Ich habe den allgemeinen Begriff der "Zeitenwende" gewählt. Wenn wir die Namen genauer anschauen, dann versteckt sich dahinter Unterschiedliches. Wir haben einerseits zeitgenössische Beobachter Ende der 70er-Jahre, die das Ende der Moderne proklamieren, und das finde ich als zeitgenössischen Begriff ebenfalls sehr wichtig. Liotard, der französische Sozialphilosoph, spricht 1979 von der Postmoderne, die begonnen habe. Für mich ist aber auch der "Beginn einer multipolaren Welt" ein wichtiger Begriff, denn wir haben 1979 einerseits einen neuen Höhepunkt des Kalten Krieges, aber gleichzeitig verändert sich seine Konstellation. Das binäre denken in Ost und West wird aufgebrochen, es kommen ganz neue Spieler rein. Der Nahe Osten, Staaten, die islamisch geprägt sind zum Beispiel, passen nicht in die Schublade "kapitalistisch-kommunistisch". Und selbst China, das hier die politische Bühne betritt, ist schwer einzuordnen: ein kommunistisches Land, das einen Staatskapitalismus betreibt und mit dem Westen enge Joint Ventures aufbaut - das passt nicht mehr in die alten Schubladen. Das sind gewisse Paradigmen, die bis heute nachwirken. Deswegen finde ich es auch so interessant, diese Themen in die Zeitgeschichte reinzuholen, um etwas von den sehr vertrauten Themen wie 1968, Kriegsende und Mauerfall wegzukommen, die alle ganz wichtig sind, aber die oft schon beschrieben wurden.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Frank Bösch © ZZF-Potsdam

Weltweite Krisen, Aufbrüche und Revolutionen

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Im Jahr 1979 passierten Wendepunkte, die die Zeitgeschichte verändert haben - das schreibt der Historiker Frank Bösch in seinem Buch "Zeitenwende. 1979". Auf NDR Kultur spricht er darüber.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.02.2019 | 19:00 Uhr

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