Leere Barhocker stehen im geschlossenen Club Index in Schüttorf (Niedersachsen) auf den Tischen ©  Foto: Lino Mirgeler/ dpa-Bildfunk Foto: Lino Mirgeler

Clubbetreiber zu OVG-Urteil: "Wir sind keine Pandemietreiber"

Stand: 03.08.2021 18:26 Uhr

Das OVG Lüneburg hat geurteilt, dass die Schließung von Diskotheken bei einem Inzidenzwert von über zehn rechtswidrig ist. Ein Gespräch mit Holger Bösch, dem Inhaber der Disco Index in Schüttorf.

In Schüttorf in der Grafschaft Bentheim steht eine der größten Diskotheken Deutschlands. Fast 5.000 Quadratmeter ist das Index groß. Seit Juni hat es mit einem ausgeklügelten Hygienekonzept wieder öffnen dürfen. Und nun sollte schon wieder Schluss sein. Das Land Niedersachsen hat Tanzveranstaltungen in Kreisen mit einem Inzdenzwert über zehn verboten. Die Betreiber haben sich gegen die erneute Schließung gewehrt. Und das mit Erfolg: Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hat entschieden, dass die Schließung von Diskotheken, Clubs und Shisha-Bars ab einem Corona-Inzidenzwert von mehr als 10 in Niedersachsen rechtswidrig ist.

Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hat zu Ihren Gunsten entschieden. Was geht Ihnen durch den Kopf?

Clubbetreiber Holger Bösch steht vor seinem Club "Index" in Schüttorf, Niedersachsen ©  Lino Mirgeler/dpa +++ dpa-Bildfunk + Foto: Lino Mirgeler
Clubbetreiber Holger Bösch steht vor seinem Club "Index" in Schüttorf.

Holger Bösch: Mir ist wirklich ein Stein vom Herzen gefallen, als ich mitbekommen habe, dass das Oberverwaltungsgericht diese Verordnung außer Kraft gesetzt hat und wir am Wochenende wieder öffnen können.

Wie haben Sie gegenüber den Richtern argumentiert?

Uns wurde unterstellt, dass wir Pandemietreiber sind. Und das war absolut nicht faktenbasiert. Wir haben schon seit acht Wochen mit über 30.000 Besuchern wieder geöffnet gehabt. Und bei uns hat es keine Cluster von Infektionen gegeben und auch auf Nachfrage bei vielen Diskotheken in Niedersachsen hat es nirgendwo eine Clusterbildung von Infektionen gegeben. Das kann nicht richtig sein, uns als Pandemietreiber zu bezeichnen, wenn es überhaupt keine Grundlage dafür gibt. Das Verwaltungsgericht hat uns auch Recht gegeben, dass diese schweren Eingriffe in die Grundrechte - die freie Berufsausübung ist auch ein Grundrecht - nicht gerechtfertigt sind. Da wird leichtfertig einfach gesagt, ab zehn sollt ihr schließen. Und unserer Meinung nach ungerechtfertigt eine neue Verordnung rausgebracht, die uns zum Schließen gezwungen hat. Aber wir dürfen wieder aufmachen.

Eine Party in einem Club, ein bisschen kontrollierte Entgrenzung und Hygienekonzepte. Wie gelingt Ihnen, das alles unter einen Hut zu bringen?

Bösch: Wir machen eigentlich mehr als die Verordnung von uns verlangt. Die Verordnung sagt, dass alle, die den Club betreten wollen, entweder geimpft, genesen oder getestet sein müssen. Wir haben von uns aus gesagt, dass wir jeden frisch testen, der bei uns in den Club will. Das heißt, wir haben eine Teststation auf unserem eigenen Gelände, wo wir wirklich alle Leute testen. Unabhängig davon, ob sie geimpft, genesen oder woanders getestet worden sind. Und diese Vorgehensweise hat uns auch wirklich recht gegeben. Wir haben nicht viele, aber einige Leute rausgefischt, die schon geimpft waren und trotzdem infektiös. Und auch Gäste, die sich morgens haben testen lassen, und wir haben noch einmal getestet und und die waren infektiös. Und wir haben sie nicht reingelassen. Zudem haben wir ein ganz ausgeklügeltes Lüftungssystem, wie eigentlich alle Clubs in Niedersachsen, das mit einem enormen Frischluftanteil fährt. Innerhalb von einer Stunde können wir zwölf Mal die gesamte Luft austauschen. Und dann eben weitere Maßnahmen, die bekannt sind: Desinfektion und auch die digitale Erfassung aller Gäste. Da ist also auch eine Benachrichtigung über die Luca-App, ein einfaches für die Gesundheitsämter. Alle diese Sachen haben dazu geführt, dass wir nach acht Wochen Betrieb eben keine Pandemietreiber sind, sondern verantwortungsvoll geöffnet haben.

Nach einer Party in Osnabrück in einer Diskothek mussten 300 Menschen in Quarantäne und in Hamburg gab es einen ähnlichen Fall. Wie gehen Sie denn damit um einmal feiern und dann zwei Wochen Zwangsurlaub?

Bösch: Das ist das ganz große Problem. Die Gesundheitsämter in Niedersachsen haben sich nicht abgesprochen. Jedes Gesundheitsamt entscheidet eigenmächtig, wie sie mit einer Kontaktnachverfolgung in einen Club umgeht. Einige Gesundheitsämter sehen den Clubbesuch nicht als Kontakt ersten Grades und ordnen zum Beispiel nur einen PCR-Test an. Andere Gesundheitsämter geben nur eine Information an die Gäste weiter, dass ein Vielleicht-Infizierter in dem Club gewesen ist. Man muss sich ja vorstellen: Alle werden getestet und vier Tage später ist einer von den meinetwegen 3000 Gästen positiv und gibt an, wo er gewesen ist. Im Freibad, beim Einkaufen, im Bus, in der Schule und im Club. Wenn dann natürlich das Gesundheitsamt, wie in Osnabrück, bei einem Clubbesuch einfach sagt: Clubbesuch, da ist ganz enger Kontakt, Kontakt ersten Grades - alle in Quarantäne, dann gibt es natürlich einen riesengroßen Aufschrei in der Presse. Die Bevölkerung oder die Politiker lesen, dass 400 Menschen in Quarantäne sind. Aber diese 400 in Quarantäne, das heißt nicht, dass 400 Leute infiziert waren, sondern die wurden einfach in Quarantäne geschickt. Unabhängig davon, ob sie genesen oder geimpft sind. Da hilft es dann auch nicht mehr, dass man sagt, man sei durchgeimpft. Das geht natürlich überhaupt nicht, weil das ist auch eine Rufschädigung für die Clubs. Dadurch, dass kein Cluster entstanden ist, sieht man ja, dass das Hygienekonzept auch dort funktioniert hat.

Das Gespräch führte Mischa Kreiskott.

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Mehrere Menschen tanzen in einer Diskothek. © picture alliance/dpa Foto: Horst Ossinger

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 03.08.2021 | 16:20 Uhr