Stand: 17.08.2020 17:47 Uhr

Die Welt des Philosophen Georg W. F. Hegel

Wie kann man begreifen, was in der Weltgeschichte passiert? Welche Gründe gibt es für weltpolitisch relevante Entscheidungen? Kann man im Laufe der Zeit Muster erkennen, die sich wiederholen? Was wäre von ihnen zu lernen? Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat sich Zeit seines Lebens mit solchen Fragen beschäftigt. Am 27. August 1770 geboren, erlebte er wichtige Epocheneinschnitte und markante historische Ereignisse. Jürgen Kaube, Herausgeber der "FAZ", hat sich mit Hegel befasst und ein umfangreiches Buch über ihn geschrieben: "Hegels Welt".

Herr Kaube, Hegel gehört zu den kompliziertesten, höchst anspruchsvollen Denkern der Philosophiegeschichte. Zumindest sind seine Texte immer wieder sehr voraussetzungsreich, sehr komplex, sehr schwierig. Wie ist es Ihnen bei der Lektüre der Texte ergangen? Wie lesen Sie Hegel?

Jürgen Kaube © picture alliance Foto: Jan Haas
Jürgen Kaube hat sich in seinem Buch "Hegels Welt" mit dem Philosophen Georg W. F. Hegel befasst.

Jürgen Kaube: Das ist ganz unterschiedlich, je nachdem, aus welcher Periode seines Nachdenkens die Texte stammen. Er fängt an mit sehr verständlichen Texten zur Religionsgeschichte - das ist alles sehr verständlich, aber sehr fragmentarisch. Dann kommt die Phase, in der er beschließt, Philosoph zu werden. Es wird sehr dicht und mitunter sehr kryptisch. Spezialthemen der idealistischen Erkenntnistheorie werden behandelt. Da geht einem manchmal die Puste aus.

Gegen Ende seines Lebens geht es um seine Vorlesungen zur Kunst, zur Geschichte, zur Religion, zum Recht und zur Geschichte der Philosophie. Die sind außerordentlich verständlich. Er wendet sich dort an ein "preußisches Beamtenpublikum". Auch da gibt es Durststrecken und schwierige Passagen, aber alles in allem doch verständlich, sehr lehrreich und sehr an den Sachen orientiert und nicht nur an Begriffen.

Hegel hat versucht, mit der Philosophie die Wirklichkeit zu erkennen und zu erklären. Er entwickelte Konzepte, die bleibend aktuell sind. Welche Ideen davon sind die wichtigsten?

Buchtipp

Hegels Welt
von Jürgen Kaube
Rowohlt Verlag
Seiten: 480 Seiten
ISBN: 978-3871348051
Preis: 28,00 Euro

Kaube: Er hatte so eine Art, bestimmten Phänomen seiner Umwelt gedankliche Weltanschauung zuzuordnen. Nehmen wir mal die Aufklärung: Was ist das, Aufklärung? Was sind die Einsichtpotenziale einer Weltsicht, die materialistisch ist und die versucht herauszufinden, was hinter den Dingen steckt? Hegel fragt: Was ist das für ein Konzept? Es gibt Dinge, und es steckt etwas dahinter - Wesen und Erscheinungen. Er ist sehr an Begriffen orientiert, aber auf eine sehr anschauliche Art, indem er entfaltet, was das Potenzial solcher Begriffe ist und was auch die blinden Flecken sind, wenn man sich ganz auf diese Begriffe verlässt.

1806 begegnet Hegel Napoleon. Er erlebt hautnah den Krieg, die Schlacht bei Jena und Auerstedt. Hegels Hauptwerk "Phänomenologie des Geistes" erscheint 1807. Hatten die unmittelbaren Erlebnisse, die praktischen Beispiele für seine Theorie, eine besondere Relevanz?

Kaube: Die Französische Revolution ist auch in seinem Leben die Epochenzäsur. Es ist bekannt, dass er den Tag des Sturms auf die Bastille jedes Jahr im kleinen Kreis gefeiert hat. Er war der Überzeugung, dass eine Revolution keine permanente Revolution sein kann, dass sie beruhigt werden muss. Und da war Napoleon die wichtige Figur für ihn. Später dann aber Preußen, das wiederum das napoleonische Regime ablöste.

So gehen die Dinge in seine Theorie ein - nicht in einer Chronologie, nicht in einem Fortschrittsgedanken, sondern immer durch die Frage nach der Essenz: Was ist die Essenz von jemandem wie Napoleon, den er mal den großen Staatsrechtslehrer in Paris genannt hat, weil er den Code civil in Gang brachte? Hegel sucht die Wirklichkeit immer danach ab, was der Beitrag von irgendetwas zum Denken ist, zu den Kategorien und zu dem, wie wir uns die Welt vorstellen müssen.

Glaubenssachen
Statue von Georg Wilhelm Friedrich Hegel © imago

Es ist ein höherer Geist darin

Der Weltgeist, der sich offenbarende Gott, das Absolute, Freiheit, Dialektik: Sie gehören zu den zentralen Begriffen des von Georg Wilhelm Friedrich Hegel entwickelten Philosophiekosmos. mehr

Holen wir Hegel in die Gegenwart. Er hat immer bedeutende Umbrüche thematisiert. Welche Gedanken hätte Hegel heute? Wie würde er zum Beispiel über die Digitalisierung nachdenken? Gibt es so etwas wie einen digitalen Weltgeist bei Hegel?

Kaube: Er hätte sicherlich so reagiert, wie er auch in seinem Werk durchweg reagiert, nämlich durch Aneignung von Spezialistenwissen. Das war damals noch nicht so hoch spezialisiert wie heute. Heute würden wahrscheinlich gewisse Grenzen der Ambition gesetzt, sich gleichzeitig in der Wirtschaft, in der Technologie, in der Politik, im Recht und in der Religion auszukennen. Aber das war sein Zugang. Er war ein sehr enzyklopädischer Geist und hat beim Denken nicht auf eine Karte gesetzt.

Ein zweiter Punkt wäre sicherlich, dass Hegel ein Denker war, der das Motto hatte: Nur nicht die Nerven verlieren. Also nicht zu schwankend argumentieren und sich nicht von jeder Mode in eine andere Richtung treiben lassen. Er war ein sehr kontinuierlicher, arbeitsamer, zäher Denker. Das ist vielleicht auch eine Lektion für unsere Gegenwart, die sich von vielem sehr nervös machen lässt. Er hätte, glaube ich, ein Spannungsverhältnis zwischen Nervosität und Erkenntnis behauptet.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 17.08.2020 | 19:00 Uhr

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