Stand: 21.02.2020 15:54 Uhr  - NDR Kultur

Die Angst vor dem Weltuntergang

von Sebastian Friedrich

Nicht erst seit "Fridays for Future" und "Extinction Rebellion" ist das angebliche Ende der Welt in aller Munde. Apokalyptisches Denken kann es aus dem rechten Spektrum geben, aber ebenso aus dem linken. Doch wie viel Utopie steckt in der Dystopie? Brauchen wir so viel Hoffnungslosigkeit wie möglich, um wirklich umzudenken? Oder führt dystopisches Denken eher in den Abgrund, weil wir die Augen vor dem Denk- und dem Machbaren verschließen? Und warum können wir uns eigentlich eher ein Ende der Welt als ein Ende des Kapitalismus vorstellen? Gilt das Prinzip Hoffnung oder ist kein Licht am Ende des Tunnels?

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Sebastian Friedrich

Ein voll besetzter Zug. Wenige sitzen in der ersten Klasse, ein paar mehr in der zweiten, die meisten in der dritten. Für die in der ersten Klasse ist das Besteck aus Silber und das Personal freundlich - dennoch ist die Stimmung miserabel: Denn es macht das Gerücht die Runde, der Zug könnte entgleisen, weil die Lok immer schneller wird. Die Gleise könnten den Zug und die Waggons bald nicht mehr halten.

Diejenigen, die im Zug sitzen, bilden die Menschheit. Der Zug selbst ist die Vorstellung vom ewigwährenden Fortschritt - der großen Erzählung der Moderne. Durch die Schriften von Hegel war auch Karl Marx vom Fortschrittsdenken beeinflusst, als er von Revolutionen als "Lokomotiven der Weltgeschichte" sprach. Daraus entwickelte so manche Strömung des Marxismus später ein vulgäres Verständnis vom Sozialismus: Sozialismus als bloße Ablösung eines ins Stottern geratenen kapitalistischen Triebfahrzeugs, wodurch sich weder die Fahrtrichtung änderte noch Reisende oder Personal groß etwas von der Veränderung an der Spitze des Zugs bemerkten.

Die menschliche Lust an Untergangsphantasien

Die Geschichte vom ewigen Fortschritt erzählen sich heute immer weniger. Weltkriege, Atombomben, der Holocaust setze dem Fortschrittsglauben schon länger zu. Die postmoderne Philosophie erklärte das Ende der großen Erzählungen und erschütterte das Fortschrittsdenken zusätzlich. Der drohende ökologische Kollaps versetzt ihm nun möglicherweise den Todesstoß - und er reaktiviert das apokalyptische Denken.

Die Vorstellung einer Apokalypse findet sich seit Jahrtausenden in vielen Kulturen und Gesellschaften. Das Christentum übersetzt das griechische Wort "apokalpysis", das "Enthüllung" bedeutet, als Offenbarung: Es geht um "Gottes Gericht", um "Weltuntergang", um ein katastrophales "Ende der Geschichte". Doch auch bei jenen, die keinen religiösen Bezug haben, hat sich die Angst vor dem Weltuntergang tief ins Bewusstsein eingeprägt.

Auf dem Buchmarkt boomen dystopische Romane, Endzeitfiktionen einer gar nicht so entfernten Zukunft. Auf den Kinoleinwänden geht es immer wieder um menschheitszerstörende Killerviren, Riesenasteroiden, die auf die Erde zurasen, und gigantische Naturkatastrophen. Die dieser Tage teils erregt geführte Debatte über eine mögliche neue Pandemie, ausgelöst durch das Coronavirus, verdeutlicht die bisweilen vorhandene menschliche Lust an Untergangsphantasien. Wir können uns, so die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn, die Zukunft vor allem als Katastrophe vorstellen. Eine Vorstellung, die manche zu begrüßen scheinen: "Hurra die Welt geht unter", heißt etwa das erfolgreichste Album des Berliner Rap-Trios K.I.Z., das 2015 die Charts stürmte.

Eine katastrophale Zukunft vor Augen

Seit gut einem Jahr sind Warnungen vor Katastrophen, Dystopien oder einem apokalyptischen Zustand auch auf den Straßen zu hören. Die neue Klima-Bewegung hat nicht nur eine katastrophale Zukunft vor Augen, sondern auch das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Eindringlich sprach Greta Thunberg im vergangenen Herbst vor den Vereinten Nationen mit Tränen in den Augen vom Anfang eines "Massenaussterbens". Ähnlich klingt dies bei der umstrittenen klimapolitischen Gruppe "Extinction Rebellion", die vor dem Aussterben von Pflanzen, Tieren und der Menschheit selbst warnt.

Für diese apokalyptische Erzählung bekommt die Klima-Bewegung viel Gegenwind. Meist von rechts wird ihr vorgeworfen, hysterisch zu sein. Aber auch von links gibt es Kritik. So manche Autorin und so mancher Aktivist rückt diejenigen, die vor einer Klimakatastrophe warnen, in eine rechte Ecke.

Die Apokalypse ist mehr Form als Inhalt

Das apokalyptische Denken tritt in unterschiedlicher Weise in der Gesellschaft auf; es ist damit noch keine einheitliche Erzählung. Vielmehr ist apokalyptisches Denken eine Erzählstruktur - eine Form, mit der verschiedene apokalyptische Geschichten erzählt werden können. Und weil die Apokalypse eben mehr Form als Inhalt ist, machen es sich die linken Kritikerinnen zu einfach, wenn sie jenen, die vor dem Ende der Menschheit warnen, unterstellen, rechtem Denken anheimzufallen.

So gibt es drei apokalyptische Erzählungen, die sich dem Inhalt nach stark unterscheiden. Da ist zunächst die christlich-konservative Variante, die auf die Bewahrung der Schöpfung zielt und auf einen Heiland setzt, der die Sache regeln möge - hoffentlich.

Daneben gibt es die reaktionäre Erzählung vom Untergang: Sie handelt weniger von einer Apokalypse der ganzen Menschheit als vom drohenden Ende eines wie auch immer definierten Volkes. Oswald Spengler goss diese Erzählung vor etwa 100 Jahren in Buchform und schrieb mit "Der Untergang des Abendlandes" eines der meistverkauften Sachbücher der Weimarer Republik. Die Angst vor dem Untergang des Abendlandes geriet nach der Niederlage der Nationalsozialisten und ihrer Verbrechen in Verruf. Spätestens mit Thilo Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" aber konnte sie reaktiviert werden. Heute versuchen sich die Björn Höckes des Landes als neue Führer in Stellung zu bringen und nennen ihre AfD die "letzte evolutionäre Chance" für das deutsche Volk.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 23.02.2020 | 19:05 Uhr

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