Stand: 22.03.2019 11:58 Uhr

Deutsche Sprache: Großes Online-Wörterbuch geplant

von Eva Werler
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Die deutsche Sprache auf einen Blick: Ein Online-Lexikon soll irgendwann den gesamten deutschen Wortschatz abbilden.

Wissenschaftler der Universitäten Berlin, Göttingen, Leipzig und Mainz haben sich ein ehrgeiziges Projekt vorgenommen: Sie wollen den deutschen Wortschatz im größten digitalen Wörterbuch erfassen. "Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache" heißt das Projekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit elf Millionen Euro gefördert wird. Anfang 2019 haben Forscher in Berlin und Göttingen ihre Arbeit begonnen. Das Online-Wörterbuch soll sich stark von anderen Nachschlagewerken abheben. Denn die Wissenschaftler werden zu jedem Begriff einen Artikel über Bedeutung und Verwendung des Wortes schreiben.

Computertastatur mit eingefärbter Taste in den Farben schwarz, rot, gold. © Fotolia Foto: VRD

Digitales Wörterbuch soll "Lücke" schließen

NDR Kultur -

Den deutschen Wortschatz umfassend und verlässlich beschreiben - das ist das Ziel des Zentrums für digitale Lexikographie der deutschen Sprache. Ein Gespräch mit Mitbegründer Andreas Gardt.

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Erster Schritt: Auswahl der Wörter

Zunächst einmal dreht sich alles um eine Frage: Welches Wort findet einen Eintrag im größten Online-Wörterbuch, und welches muss draußen bleiben? Diese Entscheidung wird nicht willkürlich getroffen, sondern auf Basis umfangreicher Text- und Literaturrecherchen, erläutert der Göttinger Lexikograf Volker Harm: "Wir denken uns unsere Bedeutungs-Beschreibungen ja nicht aus, sondern wir sind ein wissenschaftliches Wörterbuch und deswegen brauchen wir eine empirische Grundlage. Und diese Grundlage ist das, was Sie in diesem Zettelkasten sehen: Das sind Textausschnitte aus 1.200 Jahren deutscher Wortgeschichte, die hier auf Zettel geschrieben worden sind. Stand: 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts, übrigens in Ostberlin gemacht."

Bedeutungswandel von Wörtern erfassen

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Ein Wort - zwei Bedeutungen: Teil des Lexikons sollen Erklärungen zum Bedeutungswandel von Wörtern sein.

Was dort als Relikt alter Zeiten auf Zetteln steht, ist heute im Rechner digitalisiert. Und nicht nur das: Im Computerzeitalter gibt es viel mehr Texte, die irgendjemand einmal online gestellt hat. Daher haben die Wissenschaftler in Göttingen eine spezielle Software, um die Daten- und Informationsmengen zu bändigen. Sprachwissenschaftler Nico Dorn erklärt seine Literaturrecherche für das Lexikon am Beispiel des Wortes "Luxus": "Ich versuche, herauszufinden, wie die einzelnen Bedeutungen von Luxus sind und wie sie sich historisch verändern. Im 16. Jahrhundert wird es teilweise noch mit Wolllust assoziiert, weil Luxoria eine der Todsünden gewesen ist. Das geht dann langsam über in Wohlstand. Genau diesen Wandel versuchen wir herauszuarbeiten."

Krücke oder Unterarmstütze?

Genauso ist auch Dorns Kollegin Ulrike Ströwer vorgegangen. Die Fragestellung: Warum sagen Mediziner und Therapeuten heute nicht mehr Krücke, sondern Unterarmstütze? Ströwer beginnt ihre Detektivarbeit im 18. Jahrhundert. Hier ist die Krücke in der Literatur noch positiv konnotiert. Anders dagegen im Jahr 1980: "Das hat bei mir sofort leuchtende Augen hervorgerufen: lahme Krücke mit 160 PS. Hier wird das Wort im negativen Sinne gebraucht. Es ist deutlich geworden, dass Krücke mit Wörtern wie dürftig benutzt wird, da wird schon klar: Man will etwas negativ bewerten." Die Forscherin schreibt nun an ihrem Artikel über den Wandel des Begriffes Krücke, der dann ins Online-Lexikon kommt.

Vorteile: Mehr Platz und keine feste Reihenfolge

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"A bis Z" oder mehrere Bände gibt es nicht mehr - online ist alles gleichzeitig verfügbar.

Auch wenn es den Duden bereits digital gibt: Ein umfangreiches Wörterbuch wie das, das hier gerade entsteht, gebe es so noch nicht, sagen die Göttinger Wissenschaftler. Auch der Vorteil gegenüber Lexika in gedruckter Form liegt auf der Hand: Online gibt es viel mehr Platz. Außerdem bedürfe es nicht der klassischen, alphabetischen Reihenfolge, erklärt der Göttinger Projektleiter Andreas Gardt. Er ist der Präsident der Akademie der Wissenschaften. "Wenn sie digital arbeiten, haben Sie den Vorteil, dass Sie nicht mit 'A' wie 'Aal' anfangen müssen, und dann mit 'Abenteuer' weitermachen. Stattdessen können Sie die Wörter bündeln und alles zu einem Inhaltsbereich schreiben. Denn es wird nicht ein Band von A bis F gedruckt und dann kommt der nächste, sondern Sie können im Internet ja hin und her springen."

Aktuelle Sprachentwicklungen aufgreifen

Der Wandel der Wörter soll durch Grafiken und Verlaufskurven visualisiert und verdeutlicht werden. Schüler, Studenten, Lehrer, Journalisten und Wissenschaftler - sie alle sollen künftig von dem kostenlosen Online-Lexikon profitieren. Anders als gedruckte Wörterbücher kann ein Online-Lexikon flexibel auf aktuelle Sprachentwicklungen reagieren. Aufgrund der Fülle des Materials konzentrieren sich die Universitäten auf unterschiedliche Themenbereiche: Die Göttinger Wissenschaftler sind für historische Wörter und solche mit einer kulturellen Bedeutung wie Heimat oder Freiheit zuständig, die Berliner Kollegen für das Neuzeitliche.

Ein Projekt für die Ewigkeit

In acht Jahren wird die Vorbereitungsphase abgeschlossen sein. Dann sollen erste Artikel online gehen. Im Moment ist die Förderung noch zeitlich begrenzt. Doch für den Göttinger Leiter ist das Online-Wörterbuch ein Projekt für die Ewigkeit: "Weil die Sprache sich immer wandelt, darf das Projekt nicht abgeschlossen sein", meint Harm. "Denken sie an die Modewörter: Wenn sie ein Wort wie Stress nehmen, das ist heute ein Alltagswort geworden. 1950 gab es das Wort nicht im Sprachgebrauch. Entweder hatten die Leute keinen Stress, oder sie haben nicht darüber geredet."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 22.03.2019 | 10:55 Uhr

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