Eine Benin-Bronze aus Afrika im Museum für Völkerkunde Dresden © IDA/NDR

Doku "Der weiße Blick": Die Expressionisten und die Südsee

Stand: 12.11.2021 16:42 Uhr

Der Regisseur Wilfried Hauke spricht im Interview über seinen Dokumentarfilm "Der weiße Blick - Expressionismus und Kolonialismus". Arte sendet die Doku am Sonntag um 16.10 Uhr.

Eine Benin-Bronze aus Afrika im Museum für Völkerkunde Dresden © IDA/NDR
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Die Malerei des Expressionismus erfreut sich seit Jahrzehnten größter Beliebtheit: alles so schön bunt, so ausdrucksstark - expressiv eben. Besonders bunt wurde es, wenn Emil Nolde oder seine "Brücke"-Kollegen Max Pechstein und Ernst-Ludwig Kirchner ins Exotische abschweiften: Süd- statt Nordsee. Dass dieser "weiße Blick" auf das ozeanische Pseudoparadies gänzlich dem Kolonialismus der Kaiserzeit untergeordnet ist, zeigt jetzt eine NDR-Doku von Wilfried Hauke.

Herr Hauke, woher rührte das Interesse der deutschen Künstler an der exotischen Welt?

Wilfried Hauke: Das ist nicht nur ein Interesse der deutschen Künstler gewesen. Gauguin war schon einige Jahre vor Nolde und Pechstein in der Südsee. Aber daher haben sie auch eine Inspiration bekommen, wie es da aussehen könnte. Und sonst ist das Interesse hauptsächlich diesen explodierenden Ausstellungen in den deutschen ethnologischen Museen in der Zeit des Kaiserreiches geschuldet: all diese Schätze, die aus den Kolonialgebieten mitgebracht wurden. Nolde und Pechstein, die dann auf der Suche nach einem neuen künstlerisch Stil waren, mit dem sie die Malerei revolutionieren könnten, fanden dort die Vorbilder in der Kunst der indigenen Völker.

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Die Dokumentation heißt nicht umsonst: "Der weiße Blick". Was macht ihn denn zu einem "weißen Blick"?

Hauke: Naja, sie waren natürlich weiß. Dass sie Männer waren, spielt gar keine Rolle, denn auch Frauen haben zu der Zeit einen "weißen Blick" gehabt. Sie sind hingefahren und wollten sich inspirieren lassen, haben sich aber dabei etwas angeeignet: Sie haben dort schon eine zerstörte Welt vorgefunden. Palau, wo Pechstein war, sah damals schon aus wie ein löcheriger Schweizer Käse. Es wurde dort von Hamburger und Bremer Konsortien Phosphat abgebaut, Krankheiten haben sich ausgebreitet. Nolde war Teil einer medizinisch-demographischen Expedition des Kolonialreiches. Sie sind also nicht ganz alleine dahingekommen. Sie haben die Struktur des Kolonialismus benutzt, um dorthin zu reisen. Und dann haben sie sich diese Welt angeeignet, so wie sie sie für ihre Malerei brauchten. Das nennen wir den "weißen Blick": Sie arbeiteten als Künstler an der Konstruktion eines außereuropäischen Anderen, immer mit dem Bewusstsein der eigenen Überlegenheit. Sie haben sich das an "Material" genommen, was sie für ihre pseudoromantischen Bilder brauchten und haben es mit nach Hause gebracht. Damit haben sie wiederum im deutschen Kaiserreich das Bild von der Südsee als Idylle verklärend dargestellt und damit indirekt zur weiteren Bestätigung des Kolonialismus beigetragen.

Inwiefern war dieser "weiße Blick" aber ein besonders männlicher Blick? Denn auffallend ist doch, dass auf diesen Bildern sehr viele entkleidete Frauen zu sehen sind.

Hauke: Das ist auch der Zeit geschuldet. Wenn wir uns in unserer heutigen Welt umschauen, sehen wir auch, dass mit halb oder ganz entblößten Frauen immer noch Reklame gemacht wird - für Wäsche, für Mode und so weiter. Das begleitet auch unsere beiden Männer, die in die Südsee gefahren sind und schon im Blick hatten, was sich auf dem Kunstmarkt in Deutschland gut verkaufen lässt. Und das ist diese besondere Form von Exotik, von Nacktheit, das Schöne des "Primitiven", das sich durch an die Malerei angelehnte Aktstudien ausdrücken lässt. Sie stehen da schon in der Tradition der europäischen Malerei.

Auf der Expedition von Pechstein gab es eine Zeichnerin, die mitgereist ist. Es ist die Frau eines Anthropologen und Ethnologen, der in dieser anzüglichen Weise Fotos von den Frauen und Männern der indigenen Völker vor Ort gemacht hat. Sie schafft es aber als Frau, tatsächlich mehr Realismus reinzubringen. Man hat nicht das Gefühl, dass sie sich das so aneignet, dass es für ein Publikum gedacht ist.

Aber das ist der spannende Aspekt hinter dieser sehr komplexen Geschichte von Expressionismus und Kolonialismus, dass es auch eine Kunstmarkt-Geschichte in Zeiten des Kolonialismus in Deutschland ist.

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Was ändert das an unserer Wahrnehmung dieser Bilder? Sie sind ja sehr beliebt, jedes Museum schmückt sich gern mit diesen expressionistischen Bildern. Müssen wir die heute anders wahrnehmen, womöglich abnehmen?

Hauke: Ich denke schon, dass wir sie anders wahrnehmen müssen. Dazu dient ja auch so ein Filmprojekt. Es ist eine Kontextualisierung, und das ist wichtig, um zu sehen, in welchem Zusammenhang solche Bilder entstehen: dass sie zum großen Teil nicht auf Freiwilligkeit der Objekte, der Models, passiert sind. Nolde war bei Krankenvisiten dabei und hat Menschen gemalt, die dort in ärztlicher Behandlung waren, die nicht gefragt wurden, ob sie sich malen lassen wollen. Dasselbe betrifft die Fotografie der Ethnologen, die auch als Dokumentation dieser Kulturen gilt. Tausende Glasplatten gibt es davon in unseren Museen, und auch dort wurden die Menschen nicht gefragt, ob sie das so machen wollten. Sie wurden zum Teil so positioniert. Das ist alles ganz wichtig, um die Kunst der Expressionisten heute einzuschätzen.

Ob man sie abnehmen soll - diese Debatte ist sicherlich ganz wichtig. Ich habe mit den Kuratorinnen in Kopenhagen darüber gesprochen. Es ist gar nicht möglich, diese Zusammenhänge von Kunst, Politik, Ausbeutung und Rassismus zu erzählen, wenn man diese Werke nicht zur Anschauung bekommt. Man kann sie nur nicht einfach so in einer hübschen, idyllischen Südseeausstellung aufhängen. Man muss auch andere Objekte dazu bringen, zeithistorische Dokumente, um diese ganzen Zusammenhänge darzulegen.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 12.11.2021 | 18:00 Uhr