Felix Klein © picture alliance/dpa Foto: Britta Pedersen

Antisemitismus: "Wir müssen als Gesellschaft wehrhaft werden"

Stand: 06.10.2021 16:33 Uhr

Ist das, was dem Sänger Gil Ofarim an der Rezeption eines Leipziger Hotels passiert sein soll, eine antisemitische Eskalation? Oder einfach "nur" öffentlich gemachter Alltags-Antisemitismus, wie Jüdinnen und Juden ihn hierzulande häufiger erleben müssen?

Felix Klein © picture alliance/dpa Foto: Britta Pedersen
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Der Sänger Gil Ofarim hat am Dienstag bei Instagram ein Video gepostet, in dem er behauptet, an der Rezeption eines Leipziger Hotels zunächst länger nicht berücksichtigt und dann von einem Mitarbeiter des Hotels aufgefordert worden zu sein, seine Kette mit einem Davidstern einzupacken - erst dann dürfte er einchecken. Ein Gespräch mit dem Bundesbeauftragten für jüdisches Leben in Deutschland, Felix Klein.

Herr Klein, wie schätzen Sie den Fall ein: antisemitischer Alltag oder eine Ausnahmesituation?

Felix Klein: Es passt ins Bild, es passt zu dem, was ich immer wieder von Mitgliedern der jüdischen Community höre: Sie werden angegriffen und angefeindet, im Fußballstadion, in der Schule, teilweise auch am Arbeitsplatz. Deswegen wundert es mich nicht, dass so ein Fall aufgetreten ist. Natürlich geht es jetzt erst mal darum, aufzuklären, was tatsächlich passiert ist. Die Mitarbeiter des Hotels erzählen eine andere Version, aber ich halte es für sehr glaubwürdig, was Herr Ofarim geschildert hat. Sehr wichtig - und das steht bei mir im Vordergrund - ist, dass er den Fall öffentlich gemacht hat. Denn das, was ihm passiert ist, erlebt die jüdische Gemeinschaft ganz oft, und oftmals wird es nicht angezeigt oder in die Öffentlichkeit gebracht, weil alle denken, dass es sich nicht lohnt, dass sich sowieso nichts ändert. Und das sollten wir nicht hinnehmen.

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Sehr schlimm an der Schilderung von Herrn Ofarim finde ich - neben dem Verhalten des Mitarbeiters und womöglich auch seiner Kolleginnen und Kollegen -, dass die meisten in der Schlange geschwiegen haben. Ist das so ein stillschweigendes Übereinkommen?

Klein: Das bedrückt mich sehr. Denn oftmals finden Opfer genauso schlimm wie die Aggressionen die Tatsache, dass sie sich alleine fühlen und niemand Partei für sie ergreift. Das erschreckt mich, und das muss uns zu denken geben, dass wir als Gesellschaft wehrhaft werden müssen. Wir sollten solche Dinge nicht hinnehmen und müssen dafür sorgen, dass diese Solidarität tatsächlich stattfindet. Denn es war jetzt ein jüdisches Opfer, das angegriffen wurde, aber letztlich sind wir alle angegriffen. Jeder kann solche Erfahrungen machen, und da wünschen wir uns alle die Solidarität aller Leute, die da zum Beispiel in einer Hotelschlange stehen.

Wir müssen natürlich abwarten, was wirklich vorgefallen ist. Der Hotelmitarbeiter hat mittlerweile Anzeigen wegen Verleumdung und wegen Bedrohung erstattet. Es muss in den sozialen Netzwerken so sehr gegen ihn, gegen seine Kolleginnen und Kollegen und gegen das Hotel Front gemacht worden sein, dass er sich bedroht fühlt. Kippt da die wohlmeinende Solidarität in ihr Gegenteil?

Klein: In der Tat stellen wir fest, dass es eine Verrohung gegeben hat. Die Corona-Proteste haben auch dazu beigetragen. Gerade die sozialen Medien, das Internet, sind Brandbeschleuniger, die auch dafür sorgen, dass Menschen, die sich solidarisch zeigen, auch in dieser nicht akzeptablen Weise reagieren. Es kann nicht sein, dass Menschen, die beschuldigt werden, etwas getan zu haben, auf diese Weise vorverurteilt werden. Da müssen wir zur Mäßigung aufrufen und vor allem erst einmal klären, was passiert ist. Ich finde es gut, dass sich die Polizei um den Fall kümmert, dass sie das Video gesichert hat und dass jetzt Vernehmungen stattfinden.

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Diese Woche jährt sich der missglückte Attentatsversuch von Halle, als ein Amokläufer versucht hat, an Jom Kippur in die Synagoge einzudringen und ein Massaker anzurichten. Er hat dann zwei Zufallsopfer ermordet. Das hat uns alle sehr erschüttert. Aber ist die Nachhaltigkeit dieser Wirkung verflogen?

Klein: Ich hätte mir gewünscht, dass wir jetzt sagen können, dass Halle einen Wendepunkt bedeutet hat. Das ist leider nicht der Fall. Nach Halle kann die tödliche Dimension, die von Antisemitismus ausgeht, von niemandem mehr bestritten werden. Und Halle hat auch gezeigt, dass Todesopfer jeder und jede werden kann, auch wenn man nicht jüdisch ist. Denn die Todesopfer von Halle waren ja bekanntlich nicht jüdisch. Das ist in der Tat erschreckend, dass sich die Gesellschaft offenbar weiterhin damit abgefunden hat, dass Menschen sich weiterhin im Internet radikalisieren und zu schlimmsten Handlungen und Beleidigungen fähig sind. Im Wahlkampf haben das vor allem Kandidatinnen miterlebt. Hier müssen wir die Maßnahmen, die die Bundesregierung im Nachgang der Attentate von Halle und Hanau ergriffen hat, die im Kabinettsausschuss beschlossen wurden, jetzt wirklich auch umsetzen. Dazu gehört ein wehrhaftes Demokratiegesetz, das jetzt diskutiert und möglichst schnell verabschiedet werden soll, um die Präventionsarbeit zu stärken. Denn der Staat kann viel in der Repression und in der Präventionsarbeit machen, aber ohne eine wachsame, mutige Zivilgesellschaft wird es nicht gehen.

Dazu könnte beitragen, was Sie für Donnerstag initiiert haben, nämlich einen Thementag, wo Expertinnen und Experten zum Thema "Medienbild im Wandel: Jüdinnen und Juden in Deutschland" diskutieren. In welche Richtung sehen Sie einen Wandel im Medienbild?

Klein: Ich sehe da großen Handlungsbedarf. Denn viele Menschen denken, wenn sie das Wort "Jude" oder "jüdisch" hören, an den Holocaust, an den Nahost-Konflikt oder auch an antisemitische Vorfälle. Das ist nur ein Teil der Realität, denn die sieht so aus, dass jüdisches Leben zu Deutschland gehört, dass Jüdinnen und Juden in ganz starker Weise zur kulturellen Bereicherung unseres Landes beigetragen haben und dies tun. Dass jüdisches Leben keineswegs selbstverständlich ist nach der Shoah. Ganz wichtig erscheint mir auch, zum Ausdruck zu bringen, dass "Jude" und "Israel" verschiedene Dinge sind. Ich fand es einerseits sehr schön, dass Angestellte des Hotels in Leipzig Solidarität mit dem Opfer zeigen wollten und das zum Ausdruck gebracht haben, indem sie eine israelische Fahne und einen Halbmond gezeigt haben. Das ist zwar nett gemeint, aber es zeigt, dass da noch viel zu tun ist. Denn Herr Ofarim reden ist kein israelischer Staatsbürger, sondern deutscher Staatsbürger. Diese Gleichung "Jude ist gleich Israel" wird viel zu oft angenommen, und hier haben die Medien eine wichtige Aufgabe, diese Differenzierung zu zeigen.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

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NDR Kultur | Journal | 06.10.2021 | 18:00 Uhr