Die Hamburger Denkmalschützerin Kristina Sassenscheidt © NDR Kulturjournal

"Denkmalschutz hat die Aufgabe, dem Zeitgeist voraus zu sein"

Stand: 09.06.2021 17:39 Uhr

Beim Thema Denkmalschutz spielen die Bausünden des Brutalismus, also gigantischen Betonklötze, oft keine Rolle. Denkmalexpertinnen und -experten sehen das aber durchaus anders, zum Beispiel Kristina Sassenscheidt, Geschäftsführerin des Denkmalvereins in Hamburg.

Die Hamburger Denkmalschützerin Kristina Sassenscheidt © NDR Kulturjournal
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Frau Sassenscheidt, Sie wollen doch nicht allen Ernstes den Brutalismus verteidigen, oder?

Kristina Sassenscheidt: Ja. Ich bin auch nicht die einzige. Es gibt inzwischen immer mehr Menschen, die solchen Gebäuden auch etwas abgewinnen können. Generell ist es auch so, dass Denkmalschutz nicht nur die historischen Kathedralen, Schlösser oder Rathäuser unter Schutz stellt, sondern Denkmalschutz entwickelt sich mit der Zeit auch weiter. Denkmalschutz hat den Anspruch, aus jeder Zeit die wichtigsten und geschichtlich bedeutendsten Gebäude unter Schutz zu stellen. Das ist immer nur eine kleine Auswahl, niemand hat vor, die gesamte Nachkriegsepoche unter Schutz zu stellen. Das sind nur etwa zwei bis drei Prozent, die nach sehr strengen Kriterien unter Schutz gestellt werden. Das muss man vorneweg sagen, und dann können wir uns über den Zeitgeist streiten.

Oft tun diese Bauten aus der Nachkriegszeit, der Wiederaufbauzeit, als man sie für modern und zeitgemäß hielt, unserem ästhetischen Empfinden heute weh. Ist es das wert, so etwas entstehen zu lassen?

Sassenscheidt: Auch da würde ich gern erstmal einen Schritt zurücktreten. Der Denkmalschutz hat ja die Aufgabe, ein Stück weit seiner Zeit und auch dem Zeitgeist voraus zu sein. Denkmalschutz muss dafür sorgen, das zu bewahren, was der heutige Zeitgeist noch nicht annehmen kann, aber was vor 30 Jahren gemocht wurde und vielleicht in zehn Jahren wieder gemocht wird. Gerade der Brutalismus und auch die noch jüngeren Gebäuden, die Postmoderne, rücken jetzt auch in den Fokus der Denkmalpflege, weil man immer 30 Jahre Abstand braucht, um von einer abgeschlossenen Epoche zu sprechen. Und die ist uns naturgemäß noch sehr nah, und deswegen gefällt sie vielen noch nicht so. Aber wenn man sich zurückversetzt in die jeweilige Zeit, als diese Gebäude entstanden sind, dann versteht man sehr viel mehr, warum sie so gebaut wurden und nicht anders.

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Wie viel muss bewahrt werden, damit wir eine eigene Identität entwickeln können, und wie viel Wandel braucht es, damit man Platz für Neues schaffen kann?

Sassenscheidt: Denkmalschutz bewahrt immer nur eine Auswahl. Ich werde nicht müde zu betonen, dass es zwei bis drei Prozent sind. Es ist weit davon entfernt, dass Städte oder Kulturlandschaften zu Museen werden. Alle Bundesländer haben unterschiedliche Denkmalschutzgesetze, aber die haben sehr ähnliche Kriterien. Es geht in erster Linie nicht um Schönheit, sondern das allerwichtigste ist die geschichtliche Bedeutung. Ein weiteres ist die künstlerische Bedeutung, und da nähern wir uns schon dem Brutalismus, wo es oft um eine besondere Architektur geht, eine künstlerische Bedeutung und Qualität. Das dritte Kriterium ist die mögliche wissenschaftliche Bedeutung. Und das vierte Kriterium ist, wenn Gebäude oder Bauwerke prägend für die charakteristischen Eigenschaften des Stadtbildes sind. Darüber kann natürlich immer sehr intensiv diskutiert werden. In den Gesetzen ist also sehr klar benannt, was Denkmalschutz schützen kann und was nicht. Und es ist immer nur eine kleine Auswahl des Wichtigsten und Qualitätvollsten.

Es gibt Menschen, die alte Gebäude übernommen haben, um sie zu restaurieren, und dann von den Denkmalämtern sehr enge Grenzen dargeboten bekommen. Wie weit darf Denkmalschutz da gehen?

Sassenscheidt: Es ist ganz schwer, da Pauschalaussagen zu treffen, denn tatsächlich muss man da immer wieder den Einzelfall betrachten. Und da würde ich am liebsten an das staatliche Denkmalschutzamt verweisen, denn nur das Denkmalschutzamt ist zuständig für die fachliche Betreuung. Ich spreche für den Denkmalverein Hamburg, und wir versuchen in erster Linie dafür zu werben, zum Beispiel Bauten des Brutalismus oder der Nachkriegszeit generell stärker wertzuschätzen. Und beim Thema Brutalismus ist es wichtig, auf den Ursprung des Wortes "Brutalismus" hinzuweisen. Das kommt nämlich nicht, wie viele annehmen, von "brutal", sondern aus dem Französischen: "Béton brut" bedeutet "roher Beton". "Brut" hat auch die Bedeutung "hart" und "ehrlich", weil diese Bauten des Brutalismus sehr oft mithilfe von Sichtbeton gebaut wurden.

Das Postamt 60 in Hamburg etwa ist ein wichtiges Gebäude aus den 70er-Jahren von dem Ehepaar Spengelin - das war ein sehr renommierten Architektenbüro -, deren Werk gerade wiederentdeckt wird. Einiges ist davon leider schon verloren gegangen. Die haben beim Postamt 60 sogar Waschbeton benutzt. Waschbeton ist ein Material, was etwas polarisiert, weil es für eine Zeit steht, in der der Städtebau etwas anders verstanden wurde, als wir ihn heute verstehen. Aber gerade in dieser Andersartigkeit sind solche Gebäude - oder zumindest die wichtigsten von ihnen - auch sehr erhaltenswert.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.06.2021 | 18:00 Uhr