Stand: 28.07.2020 16:07 Uhr  - NDR Kultur

Das Comeback der Kassette

von Susanne Birkner

Endloser Bandsalat, den man mit dem Bleistift wieder reingefummelt, Mixtapes, die man für den Liebsten oder die Liebste aufnimmt: In den 80ern war die Kassette das Medium der Stunde. Dann kam die CD. Und spätestens als vor zehn Jahren das letzte norddeutsche Kassettenwerk schloss, schien bei uns die Musikkassette tot zu sein. Doch die Verkaufszahlen steigen wieder, in den USA, in England und auch in Deutschland. Selbst Popstars wie Lady Gaga oder Dua Lipa veröffentlichen ihre neuen Alben auch auf Tape. Zeitweise wurde sogar der Rohstoff für die Tonbänder knapp.

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In den 80er-Jahren waren Kassetten das Medium der Stunde.

Nostalgiker wie der Musiker Bryan Ferry sind unter den Kassettenfans: "Ich habe noch einen alten Kassettenrekorder. Mit dem nehme ich auf, wenn ich eine Idee habe und mich an den alten Steinway setze. Ich bin eben old school. Ich mag Kassetten, weil ich da sehen kann, wie sich die Räder drehen." Oder Bands aus der Subkultur, die ihre nischige Musik einfach selber draufspielen und dann bei Konzerten verkaufen können.

Hamburger Label Tapete Records produziert auch Kassetten

Marcel Gein arbeitet bei Tapete Records. Das Hamburger Label veröffentlicht immer mal wieder auch Musik auf Kassette. "Der Reiz daran ist, dass es nicht so teuer in der Herstellung ist und man Kleinauflagen herstellen kann", sagt Gein. "Man hat keine Mindestauflage von 500 Stück wie bei einer Schallplatte. Da sind gleich mal ein paar Tausend Euro weg." Musikfans, die alles von einer bestimmten Band sammeln, liebten das Besondere daran, so Gein - und auch, dass man die Kassette im Gegensatz zu gestreamter Musik wirklich in der Hand halten kann.

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Marcel Gein hat seine eigene Musik selbst auf Tape aufgenommen: "Wir haben die beim Konzert für fünf bis sechs Euro verkauft. Herstellung mit Cover, 50 Stück, da kommt man vielleicht auf 2,50 Euro bis 2,80 Euro, das ist der Stückpreis." Und fünf bis sechs Euro geben Konzertbesucher auch eher mal für eine unbekannte Band aus. "Bei Konzerten habe ich gemerkt, dass es häufig Leute sind, die noch einen alten Golf und ein Taperadio haben. Die freuen sich, dass sie da was Neues reinschieben können", berichtet Gein.

Wachstum in einer kleinen Nische

Autoradios, alte Kinderkassettenrekorder oder Geräte vom Flohmarkt - in vielen Haushalten gibt es sie eben doch noch. Tatsächlich werden auch wieder Walkman-artige Geräte verkauft, die die Kassetten gleichzeitig auch in eine Mp3-Datei umwandeln können. Es gibt TJs - also DJs - die nur Tapes auflegen. Künstlerinnen und Künstler, die ihre Debüts auf Kassette herausbringen. Der Markt wächst. "Im Umsatzbereich sind wir bei plus 51 Prozent, das ist gar nicht so wenig. Absatz 36,8 Prozent. Allerdings auf einem sehr niedrigen Niveau, wir sprechen da von Wachstum in einer sehr kleinen Nische," sagt Sigrid Herrenbrück vom Bundesverband Musikindustrie.

Verkaufsstar der Kassetten: "Die drei Fragezeichen"

Es handelt sich um einen Anstieg von 117.000 auf 160.000 Stück von 2018 auf 2019. Mit einem Umsatz von dann eine Million Euro. Zum Vergleich: Bei Vinyl - dem wirklichen Comeback-Medium - waren es im vergangenen Jahr 79 Millionen Euro Umsatz. Aber, dass die Kassette weiterhin ihren Platz hat, dafür sorgen auch diese drei: Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews.

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"Die Drei Fragezeichen" ist das einzige Hörspiel, das bei Sony noch als Kassette herausgegeben wird.

Jede zwanzigste Kassette, die in Deutschland im vergangenen Jahr verkauft wurde, ist eine von den Drei Fragezeichen. "Es wird nachgefragt. Wir sehen das auch in den sozialen Medien, dass die Leute sich freuen, wenn die Kassette da ist", so Meike Müller. Sie betreut die Reihe für das Sony-Label Europa. Es ist das einzige Hörspiel, das dort noch als Kassette herausgegeben wird - wegen der vielen Sammlerinnen und Sammler. "Wir hatten ja im letzten Jahr Lieferschwierigkeiten," so Müller. "Wir mussten gucken, wann wir die Kassette rausbringen können. Da ging es um das Bandmaterial der Kassetten. Es gab ziemlich viele Nachfragen, so dass wir wissen, die Leute warten darauf."

Fazit: Schallplatten klingen besser. Streams sind praktischer. Aber: Kassetten sind robust, irgendwie auch ziemlich retro-cool. Wenn es nach Marcel Gein geht, sind sie auch nachhaltig: "Wenn einem die Sache nicht mehr gefällt, die drauf ist, dann wird sie einfach überspielt."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 28.07.2020 | 06:40 Uhr

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