Stand: 19.08.2020 16:03 Uhr  - NDR 90,3

Corona: Leben zwischen Nähe und Distanz

von Stefanie Wittgenstein

Haben Sie das gerade auch jeden Tag ein paar Mal? Diese Verunsicherung bei der Begrüßung - mit Kollegen, Freunden, Familie? Nur lächeln, Ellbogencheck - oder doch mal wieder drücken? Seit dem Beginn der Corona-Pandemie hat sich Unsicherheit breit gemacht - nicht nur in Sachen Begrüßung. Stefanie Wittgenstein hat darüber mit einem Experten gesprochen - und Hamburger befragt.

VIDEO: Corona: Auswirkungen auf die Menschen (3 Min)

Alle halten noch Distanz, aber jeder hält es eben auch ein bisschen anders. Die Unsicherheit ist in der jetzigen Phase der Pandemie groß: Darf ich die Schwägerin, die ich lange nicht gesehen habe, doch wieder drücken? Ist der Hintermann an der Supermarktkasse nicht eigentlich zu nah? Möchte die Nachbarin wegen steigender Fallzahlen direkten Kontakt lieber vermeiden wie damals im März?

Zwei Schüler begrüßen sich mit einem Ellenbogen-Kick. © Colourbox Foto: Volurol
Mundschutz und Ellenbogen-Check - in der Corona-Pandemie versuchen wir auf andere Formen der Begrüßung auszuweichen.

Auch die Menschen im Hamburger Grindelviertel geben darauf ganz unterschiedliche Antworten. Während einige den Freundeskreis wieder normal begrüßen, versuchen andere noch innerhalb der Familie, den Abstand zu wahren.

Die Suche nach dem richtigen Umgang

Wir sind noch auf der Suche nach dem richtigen Umgang mit Nähe und Distanz im Alltag. "Es hängt davon ab, wie lange die Pandemie unser Alltagsleben bestimmt", sagt Sighard Neckel -Professor für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel an der Uni Hamburg. "Ich würde davon ausgehen, dass sich mittelfristig das Alltagsleben in dieser Hinsicht verändern wird. Auch wenn die Pandemie vorbei sein sollte, werden wir mehr auf Abstand achten, und möglicherweise den körperlichen Kontakt zu Menschen meiden, die wir nicht so gut kennen."

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Corona stellt Sicherheiten in Frage

Doch nicht nur in Sachen Begrüßung sind wir im Moment stark verunsichert. Das Gefühl ist allumfassend. Rituale verschwinden und Regeln werden immer wieder umgeschrieben. Corona sorgt für Ungewissheit. "Unser ganzes modernes Leben ist eigentlich darauf abgestellt, möglichst berechnend, risikoarm unser Leben zu führen und das ist im Augenblick nicht möglich", schildert der Soziologe. "Dagegen gibt es vielen emotionalen Widerstand, weil das natürlich ein großer Stressfaktor ist." Angst vor dem Verlust des Jobs, der Schließung von Schule oder Kita wegen neuer Verdachtsfälle.

Pandemie wird sich ins kollektive Gedächtnis einprägen

Noch nicht einmal die nächste Woche scheint planbar zu sein. Sighard Neckel glaubt, dass jede Generation anders damit umgehen wird. Gerade bei den jungen Leuten zwischen 14 und Mitte 20 werde sich die Erfahrung wohl dauerhaft ins kollektive Gedächtnis einschreiben. "Es könnte gut sein, dass die Corona-Generation eine sein wird, die die Ungewissheit, das Changieren zwischen Sicherheit und Unsicherheit, mitnehmen wird als eine prägende Erfahrung", sagt Neckel. "Bei anderen Generationen kann das eine Erfahrung sein, die sich mit anderen wieder vermischt, sollte die Krise in absehbarer Zeit bewältigt werden, aber auch das kann niemand sagen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 19.08.2020 | 19:00 Uhr

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