Stand: 27.03.2020 18:12 Uhr  - NDR Info

Kommentar zur Corona-Krise: Solidarität und Verantwortung

Seit rund einer Woche gilt in Deutschland die von der Regierung erlassene Kontaktsperre. Die meisten Geschäfte sind geschlossen, ebenso Gaststätten und Restaurants. Das soziale Miteinander wird einem harten Stresstest unterzogen, um Zeit in der Corona-Krise zu gewinnen. Derzeit werden aber auch Stimmen laut, die von der Politik einen Ausblick fordern, unter welchen Bedingungen die Alltagsbeschränkungen wieder gelockert werden könnten. Nun hat der Ethikrat im Auftrag der Bundesregierung ein Empfehlungspapier vorgelegt mit dem Titel "Solidarität und Verantwortung in der Corona-Krise". Wie kann der und die Einzelne, die Gesellschaft und der Staat der Krise am wirkungsvollsten begegnen?

Ein Kommentar von Florian Breitmeier

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Florian Breitmeier leitet die Redaktion "Religion und Gesellschaft" im NDR.

Die wichtigste Ressource in der gegenwärtigen Krise ist die Solidarität. Sie wirkt wie ein unsichtbares Band zwischen Menschen, die in Zeiten von Corona bewusst auf Abstand zueinander gehen, um als Gesellschaft nah beieinander zu bleiben. Nicht weil das ein dauerhaft erstrebenswerter Zustand des sozialen Miteinanders wäre, sondern weil es derzeit Menschenleben schützt. Der Staat kann vieles leisten in der Krise; er kann Freiheitsbeschränkungen erlassen, Rettungsschirme spannen, Konjunkturhilfen anschieben. Eines kann er aber nicht: Solidarität per Gesetz verordnen. Diesen lebensnotwendigen Wärmestrom der Solidarität können nur wir gemeinsam erfahrbar machen und im Fluss halten. Das ist die Verantwortung jedes Einzelnen.

Und der Staat soll seinerseits dafür die Fundamente der Rechtsordnung sichern. Das bedeutet, dass er aber nicht nur Gesetze verabschiedet, sondern ganz dringend auch Perspektiven eröffnet, zum Beispiel wann unter welchen Voraussetzungen die aktuellen Freiheitsbeschränkungen auch wieder enden können. Der Staat muss seine Entscheidungen ausführlich erklären und gut begründen. Er muss auch Kontrolle und Kritik am Ausnahmezustand zulassen. Andernfalls zerreißt das in der Corona-Krise existentielle aber keinesfalls endlos strapazierbare Band der Solidarität. Das ist die mahnende Kernbotschaft der Empfehlungen des Ethikrats.

Die Experten machen eindrucksvoll klar, dass die im Sinne des Grundgesetzes verankerte Garantie der Menschenwürde nur dann gewährleistet ist, wenn eine Be- oder gar Abwertung menschlichen Lebens verboten bleibt. Das gilt in politischer und auch medizinethischer Hinsicht. Es wäre inakzeptabel und untergrübe auf verantwortungslose Weise das Fundament der Solidarität, sollte hierzulande beispielsweise das Alter oder die soziale Situation im Falle einer medizinischen Notversorgung als entscheidende Kriterien gelten.

Das Virus wird nicht das letzte Wort haben

Die Corona-Pandemie verursacht enorme Verluste: menschliche, materielle, immaterielle. Und niemand weiß, welchen Verlauf die Krise noch nimmt. Wichtig ist, in dieser Situation, wie der Ethikrat schreibt, den notwendigen Schutz menschlichen Lebens nicht als einen absoluten Wert zu begreifen, dem sich alle anderen Freiheits- und Mitspracherechte oder Wirtschafts- und Kulturrechte stets unterzuordnen haben. Zu recht stellt der Ethikrat fest, dass ein allgemeines Lebensrisiko von jedem zu akzeptieren sei.

Ein Urvertrauen aber in die Kraft, Kreativität und Schönheit des Lebens sollten wir uns gerade in der Krise erhalten. Das Virus wird nicht das letzte Wort haben. Alles hat seine Zeit. Auch sich in Freiheit selbstbestimmt an das Wohl des Anderen und an das Wohl der Gemeinschaft zu binden. Kurzum: eine solidarische Ethik des Alltags verantwortungsvoll zu leben.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | 27.03.2020 | 18:40 Uhr