Schild mit der Aufschrauf Impfpflicht lehnt an einem Mülleimer © picture alliance/dpa/APA | Fotokerschi.At / Kerschbaummayr

"Für mich wäre eine Impfpflicht das letzte Mittel"

Stand: 22.11.2021 19:00 Uhr

Mit den rapide anwachsenden Inzidenzen steigt auch die Temperatur der Debatten um eine Impfpflicht und um die Kinderimpfung. Ein Gespräch mit der Medizinethikerin Sabine Salloch.

Ein Mädchen wird geimpft © picture alliance / ROLAND SCHLAGER / APA / picturedesk.com
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Frau Salloch, "Schluss mit Gequatsche, Schluss mit Rücksicht auf Unvernünftige, Schaden-Zufügende und Unsolidarische. Mehrheit will #impfpflichtjetzt #HandelnSofort!" - diese deutlichen Worte hat der frühere Ethikrats-Chef Peter Dabrock heute bei Twitter gefunden. Stimmen Sie ihm zu?

Sabine Salloch: Das ist natürlich eine Position, die hier sehr auf den Punkt gebracht wurde. Wenn man den Begriff Impfpflicht hört, stellt man sich vielleicht etwas ganz anderes vor, als was da letztlich im Detail gemeint ist. "Impfpflicht" klingt fast so, als würde man auf der Straße eingesammelt und gegen den eigenen Willen zwangsgeimpft. So etwas hat ja niemand im Blick. Sondern wenn wir uns über eine Impfpflicht unterhalten, geht es darum, sehr differenziert zu gucken, wer gegebenenfalls betroffen wäre, wie die Sanktionen aussehen würden und was die Folgen wären, wenn man sich nicht impfen lassen möchte. Für mich wäre eine Impfpflicht das letzte Mittel, was man ergreifen kann, nachdem alles andere wirkungslos geworden ist. Und dann muss man sehr differenziert überlegen, welche Gruppen es betreffen könnte und was die Folgen wären - sowohl für die, die nicht bereit sind, sich impfen zu lassen, als auch die Folgen der Einführung einer Impfpflicht.

Aber bis eine Impfpflicht tatsächlich greift, dauert es auch noch mal zwei Monate. Da gibt es doch einige, die jetzt schon ganz schön Druck machen - nicht zurecht?

Salloch: Ich verstehe das emotional total. Trotzdem müssen wir alle einen kühlen Kopf bewahren und überlegen, ob wir mit einer Impfpflicht wirklich das erreichen, was wir hoffen damit zu erreichen. Gruppen, die jetzt in der Diskussion sind, sind das Krankenpflegepersonal, das Altenpflegepersonal und das ärztliche Personal. Und da wäre die Frage, ob die Zustände wirklich besser werden, wenn zum Beispiel die Regel eingeführt wird, dass nicht geimpftes Krankenpflegepersonal nicht mehr am Patienten oder an der Patientin tätig sein darf. Das könnte die Krise in in den Krankenhäusern und in den Einrichtungen der Langzeitpflege noch verschärfen.

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Es gibt da auch andere Vorschläge. Der Philosoph Julian Nida-Rümelin zum Beispiel hat ein paar Vorschläge zur Güte gemacht - so nennt er es: Die Impfpflicht für Risikogruppen ist eine seiner Ideen. Könnten Sie sich dies oder ähnliche Kompromisse vorstellen?

Salloch: Impfen als ein Eingriff in die körperliche Integrität - da ist die Selbstbestimmung sehr, sehr hoch angesiedelt. Das heißt, dass wir erst auf allen anderen Wegen versuchen müssen, Menschen zu überzeugen, und zwar gerade die Menschen, die besonders gefährdet sind. Das sind zum einen Menschen, die chronisch krank sind, zum anderen aber auch sozial benachteiligte Menschen. Es hängt zusammen mit dem Wohnumfeld, manchmal damit, dass es Menschen mit Migrationshintergrund sind, denen deutsche Sprachkenntnisse fehlen. Ich sehe da noch eine ganze Menge Stellschrauben, dass wir insbesondere für sozial benachteiligte Menschen versuchen sollten, den Zugang zu den Impfungen zu vereinfachen und diese Gruppen noch stärker zu motivieren.

Die Impfpflicht sei ein Eingriff in die persönliche Unversehrtheit - so wird oft argumentiert. Allerdings kann man das auch andersherum sehen: dass die Entscheidung gegen eine Impfung nicht nur eine für mich persönlich ist, sondern auch meine Mitmenschen betrifft, wenn ich sie potenziell anstecke, oder?

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Salloch: Das ist tatsächlich so. Das unterscheidet die Impfung von anderen medizinischen Eingriffen: dass es nicht nur um meinen Körper geht, sondern dass es um die Gesundheit anderer Menschen geht. Der Gedanke der Solidarität wird häufig eingeführt und ich glaube tatsächlich, dass das eines der tragenden ethischen Prinzipien in der Pandemie ist oder sein sollte. Es ist aber schwierig, Menschen zur Solidarität zu zwingen - so ist dieses Prinzip nicht gedacht. Wohl kann man Regeln erlassen, die verhindern, dass ich das Wohl und die Gesundheit anderer gefährde. Und vor diesem Hintergrund ist die Impfpflicht auch in der Diskussion: dass meine Freiheit, wenn ich mich nicht impfen lassen möchte, zwar sehr weit reicht, dass sie aber letztlich da endet, wo ich die Freiheit und das Wohlergehen anderer gefährde. Und wenn jemand als Krankenschwester oder Krankenpfleger nah am Patienten arbeitet und sich nicht impfen lässt, ist da tatsächlich ein Punkt, wo wir anfangen können, darüber zu sprechen, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft sind.

In dieser Woche soll entschieden werden, ob auch Kinder bereits ab fünf Jahren mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft werden dürfen. In den USA und Israel ist er bereits für Kinder unter zwölf Jahren zugelassen. Seitens der Politik - etwa von Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne - wird mehr Tempo bei der Zulassung und eine schnelle Entscheidung der Ständigen Impfkommission gefordert. Finden Sie diesen Druck angemessen?

Salloch: Die Frage, ob Kinder geimpft werden, muss man in Ruhe und von vielen verschiedenen Seiten betrachten. Wir rechnen in Kürze mit der Zulassung des ersten Impfstoffs für Fünf- bis Elfjährige durch die europäische Zulassungsbehörde. Im Anschluss werden alle sehr gespannt darauf warten, was die STIKO sagt. Das ist das Expertengremium in Deutschland, das generelle Empfehlungen ausgibt, ob bestimmte Gruppen - in dem Fall alle Kinder von fünf bis elf Jahren - die Empfehlung bekommen sollen, geimpft zu werden, ob es vielleicht eine Empfehlung nur für bestimmte Gruppen von Kindern geben soll oder vielleicht gar keine Empfehlung. Das bleibt abzuwarten.

Verschiedene Fehler darf man jetzt nicht machen. Einer der größten Fehler wäre, zu erwarten, dass durch die Zulassung der Impfung für Kinder die Impflücke geschlossen werden kann, also damit zu rechnen, dass wir viele Probleme sehr schnell in den Griff kriegen, wenn die Fünf- bis Elfjährigen geimpft werden. Diese Überlegung ist aus verschiedenen Gründen nicht richtig. Zum Ersten sagen führende Expertinnen und Experten, dass, obwohl diese Altersgruppe noch nicht geimpft ist, das keinen wesentlichen Einfluss auf das Pandemiegeschehen in Deutschland hat. Zweitens haben wir Angst vor der Überlastung des Gesundheitssystems, dass die Schwerkranken nicht mehr versorgt werden können. Nicht vorerkrankte Kinder haben nur ein ganz kleines Risiko, schwer an Covid19 zu erkranken. Das Dritte wäre noch ein starkes ethisches Argument: Bei den Fünf- bis Elfjährigen haben wir eine Altersgruppe, die in aller Regel noch nicht selbst entscheiden kann. Es gibt in Deutschland keine starre Altersgrenze für die Einwilligung in einen medizinischen Eingriff. Hier werden es die Sorgeberechtigten sein, die die Entscheidung treffen. Ich bin mir sicher, dass alle Eltern das mit sehr großer Überlegung und Umsicht tun werden. Trotzdem ist es aus ethischer Sicht immer zu bevorzugen, wenn ein Individuum sich selbst entscheiden kann, geimpft zu werden oder nicht geimpft zu werden. Ich fände es aus ethischer Hinsicht extrem ungünstig, wenn die Kinder jetzt anstatt der Erwachsenen geimpft würden.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

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NDR Kultur | Journal | 22.11.2021 | 18:00 Uhr

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