Eine Frau trägt eine Atemschutzmaske © picture alliance / Frank May Foto: Frank May

Corona: Ein Virus als epochales Ereignis?

Stand: 03.03.2021 09:14 Uhr

Lässt sich heute bereits einschätzen, welche historische Tragweite die Corona-Pandemie haben wird? Wie werden wir im Abstand von zehn Jahren auf diese Corona-Zeit blicken - werden wir als Gesellschaft den Corona-Test bestehen?

Eine Frau trägt eine Atemschutzmaske © picture alliance / Frank May Foto: Frank May
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von Herfried Münkler

Die Idee, wir könnten die Gegenwart aus der Zukunft rückblickend erinnern, hat etwas verlockendes. Könnten wir das, hätten wir den Ungewissheiten dessen, was uns noch bevorsteht, ein Schnippchen geschlagen. Wir hätten die nahe Zukunft übertölpelt, indem wir sie von einer ferneren Zukunft aus in Augenschein genommen hätten. Das ist ein alter Traum der Menschheit: "Wir werden erfahren haben." Wir betrachten Gegenwart und nahe Zukunft im grammatischen Rückspiegel, während wir uns tatsächlich noch mitten in der Gegenwart befinden. Aber lässt sich diese grammatische Figur auch materialiter einlösen? Vorzugsweise dann, wenn wir es mit hohen Wahrscheinlichkeiten zu tun haben - etwa beim Antritt einer Reise: "Sobald ich angekommen sein werde, werde ich anrufen." Wir haben die Zukunft im Griff. Wir beplanen sie. Die Einträge, die wir im Kalender machen, sind Vertrauensbekundungen in die Zukunft. Und meistens gehen sie ja auch auf. Nur im zurückliegenden Jahr hat die Corona-Pandemie einen Strich durch die Einträge gemacht. Deswegen sind wir für 2021 vorsichtiger geworden - verbunden mit der Erwartung, dass es ab Herbst 2021 wieder so sein wird wie früher.

Zwischen Hoffnungen und Best-Case-Szenarien

Herfried Münkler © imago Foto: Christian Thiel
Herfried Münkler ist Professor für Theorie der Politik an der Berliner Humboldt-Universität.

Lebenspraktisch haben wir damit Corona eingekesselt. Wir haben die Pandemie mit einem "Davor" und "Danach" umstellt, davon ausgehend, dass das "Danach" mit dem "Davor" weithin identisch sein wird. Insgeheim ahnen wir freilich, dass wir uns damit auf optimistische Annahmen eingelassen haben: dass die Impfkampagne zügig vorankommt, dass der Impfstoff bereits aufgetretene wie zukünftige Mutanten erfasst und dass die Impfwirkung über einen langen Zeitraum anhält. Alle drei Annahmen changieren zwischen Hoffnungen und Best-Case-Szenarien. Sie bringen unsere Sehnsucht nach Rückkehr zur "Normalität" zum Ausdruck. Sobald wir uns freilich aus kritischer Distanz beobachten, müssen wir zugeben: Wir wissen nicht, ob Corona eine "Jahrhundertpandemie" ist, wie man gern ein seltenes Ereignis bezeichnet, oder ob sie der Türöffner zu einem "Jahrhundert der Pandemien" ist, also die erste in einer Abfolge globaler Infektionskrankheiten, die sich so schnell ausbreiten, dass sie nicht auf dem Level von Epidemien gehalten werden können. Wenn wir uns unserer Gegenwart versichern wollen, so gebietet die intellektuelle Redlichkeit, mit mindestens zwei Szenarien zu arbeiten: dem Best Case der Jahrhundertpandemie und dem Worst Case eines Jahrhunderts der Pandemien.

Eine Pandemie der Friedenszeit

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Gibt es historische Anhaltspunkte, die uns das Bedenken der Gegenwart aus einer rückblickenden Zukunft erleichtern können? Mit denen sich Best- und Worst-Case-Szenarien konturieren lassen? Man habe die Wahl zwischen Pest und Cholera, ist eine gebräuchliche Redewendung, um alternativlose Alternativen zu beschreiben. Will heißen: Weil Pest wie Cholera eine hohe Letalität aufweisen, beide also zumeist mit dem Tode enden, sei es letzten Endes gleich, wie man optiere: Man werde dem Tod nicht entkommen. Das ist jedoch eine individuelle und keine gesellschaftliche Perspektive, weswegen Letalität und Mortalität nicht dasselbe ist: Ersteres bezieht sich auf die Sterblichkeitsrate der Infizierten, letzteres auf die Todesrate einer Gesellschaft. Im kollektiven Gedächtnis einer Gesellschaft spielt Mortalität die größere Rolle als Letalität. In Gesellschaften treten Infektionskrankheiten nämlich fast immer in begrenzten Räumen und konzentriert auf bestimmte Zeiten auf, einige vornehmlich im Sommer, andere vor allem im Winter, und fast alle zumeist in Kriegszeiten und Kriegsräumen und weniger im Frieden. Gesellschaftlich betrachtet, ist der Unterschied zwischen Pest und Cholera gravierend: Die Pest trat in Europa über Jahrhunderte immer wieder auf; im Fall von Cholera war das "nur" einige Jahrzehnte so. Das Erschreckende an Corona war und ist, dass es sich um eine Pandemie der Friedenszeit handelt. Der Friedensschluss als Mittel der Eindämmung fällt in diesem Fall also weg. Nicht der Durchzug von Heeren und die Einquartierung von Soldaten sind hier der Treiber der Infektionen, sondern es sind dies Tourismus, globaler Warenverkehr und Freizeitverhalten.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 27.02.2021 | 13:00 Uhr

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