Michel Abdollahi © picture alliance/dpa Foto: Georg Wendt
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AUDIO: Centralkomitee eröffnet: Betreiber Michel Abdollahi im Gespräch (6 Min)

Centralkomitee: Abdollahi will "Künstlern eine Bühne bieten"

Stand: 28.09.2022 17:58 Uhr

Aus dem Polittbüro ist das Centralkomitee geworden: In dieser Woche ist das geschichtsträchtige Kabarett-Theater im Hamburger Stadtteil Sankt Georg neu eröffnet worden. Michel Abdollahi ist einer der Betreiber.

Gunter Schmidt und Lisa Politt haben im Mai überraschend aufgehört und den Laden geschlossen. Wie seid Ihr da ins Spiel gekommen? Das ist ja ein Ding, sich so ein Haus ans Bein zu binden.

Michel Abdollahi: Das frage ich mich auch jeden Tag, wie das passiert ist. Ich saß noch nett in meinem U-Boot - und dann sollte ich plötzlich auf den Steindamm umziehen. Die beiden kamen vorbei und haben gesagt, dass sie nicht mehr wollen, nicht mehr können, dass es an der Zeit wird, das abzugeben. Dann haben sie mich gefragt - und ich habe ja gesagt.

Ein Kabarett- und Kleinkunsttheater - wollt Ihr das so belassen oder wollt Ihr das ausbauen? Was ist eure inhaltliche Vision für das Centralkomitee?

Abdollahi: Das Wichtigste ist die Vision, die Lisa und Gunter hatten: Künstlerinnen und Künstlern eine Bühne zu bieten, die vielleicht noch keine Bühne bekommen haben. Das werden wir weiter fortführen - und wir werden ein bisschen ergänzen. Heute ist Stand-up-Comedy sehr in. Als ich 25 war, war Poetry Slam sehr in - heute möchten sich alle Stand-up anschauen. Deswegen bringen wir ein bisschen frischen Wind rein und paar junge Leute, die sich dort ausprobieren können. Ansonsten bleiben wir unserer Kabarett- und Comedy-Linie treu, mit den tollen Künstlerinnen und Künstlern, die es in Deutschland gibt.

Da gibt es unterschiedliche Reihen: Was ist zum Beispiel der Schnack-Stand-up?

Abdollahi: Der Schnack-Stand-up ist von den Schnack-Jungs, die in Hamburg Stand-up machen. Bisher ein bisschen kleiner, weil man ihnen nicht die große Bühne gibt. Die spielen mal in einem Hotelfoyer oder mal irgendwo dazwischen. Das finde ich ein bisschen schade. Bei mir war es mit dem Poetry Slam damals genauso. Lisa und Gunter haben mir damals dann die Möglichkeit gegeben, in ihrem Theater zu spielen. Es war sehr aufregend, als 20-Jähriger auf der Bühne zu stehen, plötzlich das erste eigene Solo zu spielen und damit Geld zu verdienen. Deswegen haben wir uns gesagt: Wenn die Schnack-Truppe Stand-up machen möchte, dann bekommen sie jetzt ein richtiges Theater und nicht ein Foyer.

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Früher hat man sich recht kritisch beäugt zwischen politischen Kabarettistinnen und Kabarettisten und den Stand-up-Comedians. Das hat sich aufgelöst. Wie siehst Du das?

Abdollahi: Ich bin relativ glücklich darüber, dass wir nicht mehr versuchen, in Kategorien zu unterscheiden, sondern uns als Szene gemeinsam verstehen. Ich glaube, Corona hat ein bisschen dazu beigetragen, dass man verstanden hat, dass Künstlerinnen und Künstler im selben Boot sitzen. Ob das Stand-up oder Poetry Slam ist, ob das die Autorin ist oder der Comedian. Ich glaube, alle haben verstanden, dass wir Kunst und Kultur weiterhin haben wollen und brauchen. Aber die Zuschauer ziehen noch nicht so richtig mit. Stichwort: Alles ist sehr viel teurer geworden, und dann ist nicht mehr so viel Geld in der Kasse, um sich eine Theaterkarte zu kaufen.

Die letzten beiden Eröffnungstage mit Kurt Krömer waren ausverkauft. Wie geht es jetzt weiter? Habt Ihr schon einen Ausblick, was die Verkaufszahlen angeht?

Abdollahi: Ich möchte gar nicht so tun, als wären wir die ganz Großen, die jetzt gekommen sind, und dann ist der Laden sofort voll. Kurt Krömer zieht natürlich: Beide Shows waren sofort ausverkauft. Jetzt geht es aber schwierig weiter. Wir haben am 30. September Friedemann Weise. Am Oktober haben wir Sebastian Krumbiegel mit Lesungen und Musik, den ich unfassbar schätze, den Prinzen-Gott. Es verkauft sich schwierig, weil sich in der Szene etabliert hat, dass 30 das neue 100 ist: Wenn man früher mit 100 Leuten zufrieden war, dann ist man heute mit 30 Leuten zufrieden. Es ist einfach so, dass es der Kunst- und Kulturszene sauschwer geht. Aber genau deswegen haben wir beschlossen, das Theater zu eröffnen und zu sagen: Nein, wir lassen diesen Ort nicht sterben - egal was passiert!

Ein Ort, der eine lange Geschichte als Theater, als Kino, als Erotikladen hat. Was ist das Ungewöhnlichste, was ihr bei der Renovierung gefunden habt?

Abdollahi: Wir haben Lage über Lage über Lage von Tapeten und Stoffwänden gefunden. Über 50, 60 Jahre hat man so ein bisschen die Mode genommen und hat sich durchgearbeitet. Das war sehr schön. Ein paar alte Zeitungen, eine sehr alte Holsten-Flasche, die anscheinend irgendwo beim Einmauern verloren gegangen ist. Ich habe aber alles weggeworfen und neu gemacht.

Das Gespräch führte Mischa Kreiskott.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.09.2022 | 16:30 Uhr

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