Stand: 27.02.2019 17:06 Uhr

Neue documenta-Leitung: Tribut an den Zeitgeist?

Farid Rakun (links) und Ade Darmawan werden die documenta 15 kuratieren. © picture alliance/Uwe Zucchi/dpa Foto: Uwe Zucchi
Farid Rakun (links) und Ade Darmawan aus dem Künstlerkollektiv Ruangrupa werden die documenta 15 kuratieren.

Nach der letzten documenta 2017 hatte es viel Kritik gegeben: zu teuer, zu ambitioniert, zu wenig strukturiert, zu wenig aussagekräftig. Was blieb war die Frage: Wie wird es überhaupt weiter gehen mit der weltweit wichtigsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst? Letzte Woche wurde nun das zehnköpfige Künstlerkollektiv Ruangrupa aus Indonesien vorgestellt, das die documenta 15 leiten soll. Die Kunstkritikerin der "Süddeutschen Zeitung", Catrin Lorch, hat zwei der Künstler bereits getroffen.

Frau Lorch, Sie haben über Ruangrupa in der "Süddeutschen Zeitung" geschrieben. Wer sind diese Künstler genau?

Catrin Lorch: Ruangrupa sind in Europa nicht so unbekannt, wie die Medien es jetzt anklingen lassen. Dieses Kollektiv setzt sich aus Künstlern, Architekten, Medienschaffenden, also ganz verschiedenen beruflichen Hintergründen zusammen. Sie haben vor allem 2016 die eigentlich prominente Sonsbeek-Ausstellung gemacht; das ist eine Ausstellung im niederländischen Arnheim, die im Stadtraum stattfindet. Das war eine sehr schöne Ausstellung, die auch viel beachtet worden ist.

Der Leiter der letzten documenta, Adam Szymczyk, ist nicht sanft von der Kritik behandelt worden: Sein Kunstverständnis sei zu ambitioniert, er wolle die Welt verbessern. Wenn ich die Ankündigungen von Ruangrupa lese, wollen die das Augenmerk auf heutige Verletzungen richten. Das erinnert an die documenta 14. Ist Ruangrupa überhaupt eine Überraschung?

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Lorch: Aus meiner Erinnerung muss ich sagen, dass ich - im Gegenteil - fand, dass die documenta 14 eine an vielen Stellen ausgesprochen kunsthistorische Ausstellung war, die weit zurückgegriffen hat und die Kunstgeschichten aus der ganzen Welt miteinander in Berührung brachte. Sie wurde da vielleicht zum Teil nicht verstanden, war aber wirklich keine marxistische Mitmach-documenta, die hinterher auch noch in Schulden versunken ist, wie das dargestellt wurde. Die documenta hat eine sehr schlechte Presse bekommen, vor allem aus Nordhessen und aus Kassel befeuert, weil sie sich diesen Ableger in Athen geleistet hat, und damit konnten viele nichts anfangen.

Wie fänden wir es denn, wenn ein so großes Ausstellungsunternehmen, das so eine lange Geschichte hat und so bedeutend ist wie die Documenta, sich dezidiert kunsthistorisch, künstlerisch geben würde? Fände man das angemessen? Fände man es angemessen, in Zeiten, in denen Europa vor gewaltigen Herausforderungen steht, in Zeiten von politischem Populismus, von einem Auseinanderbrechen der Gesellschaften, wenn man eine Schau macht mit zeitgenössischen Bildformaten? Doch wahrscheinlich nicht.

Tatsächlich etwas Neues wird ja jetzt auch passieren mit dem Kollektiv. Szymczyk hatte sich auch mit einem großen Kuratorenstab präsentiert. Hat das etwas damit zu tun, dass möglichst viele beteiligt werden sollen, oder will man als Einzelperson nicht mehr die alleinige Verantwortung tragen?

Lorch: Gute Beobachtung. Ich glaube, Adam Szymczyk ist tatsächlich da schon vorangegangen und hat auch aus seinen Fragestellungen heraus diese autoritäre Geste aufgebrochen und hat seinen Kuratoren sehr viel Freiraum gegeben. Ich glaube sogar, dass er nicht hinter allen Beiträgen der documenta in der gleichen Weise stand oder die gleichen Künstler so ausgewählt hätte, hätte er alleine eine Liste gemacht, sondern er hat Verantwortung abgegeben und ist so zu einer sehr vielfältigen documenta gekommen. Dennoch muss man darauf hinweisen, was für ein großer Schritt das - bei aller inneren Kontinuität - ist, dass die documenta jetzt von einem Kollektiv geleitet werden darf - denn es galt bislang als dezidiert ausgeschlossen. Dass die jetzige Findungskommission sich damit durchgesetzt hat, ist bemerkenswert.

Die documenta 15 wird kuratiert von einem nicht europäischen Kollektiv ohne dezidiert klassisches Kunstverständnis. Ruangrupa ist vieles: ein Radiosender, ein Kunstmagazin, Filmtheater, Forschungsinstitut, eine Kunstschule. Verändern sich gerade die Fragen der Kunst, unser Kunstverständnis insgesamt?

Lorch: Auf jeden Fall haben wir hier ein Beispiel für ein Künstlerverständnis, das anders ist als das, was wir meistens in den Medien erleben. Es ist auch immer eine Frage an die Gesellschaft, was die von den Künstlern möchte. Ruangrupa hat ein großes Gelände in Jakarta, wo Ateliers sind, wo die Magazine erscheinen, wo der Radiosender ist. Aber an dem Vormittag, an dem sie als documenta-Kuratoren berufen wurden, ging die Gudskul-Seite online, das neueste Projekt: eine Schule des Denkens. Ich nehme an, dass die documenta-Aktivitäten sehr stark davon ausgehen werden.

Beim letzten Mal kam heftige Kritik aus der Stadt Kassel, weil sie mit Athen konkurrieren musste. Ruangrupa hat gleich gesagt: Alles wird in Kassel stattfinden, man wird versuchen, mit Kassel zusammenzuarbeiten. Wie kann das gelingen?

Lorch: Ich hatte das Gefühl, dass das vielleicht nicht so wörtlich zu nehmen ist, wenn der Kurator sagt: "Die Ausstellung wird in Kassel stattfinden, wir werden Kassel feiern, wir werden versuchen, mit Kassel zu arbeiten und in Kassel zu sein." Das war ja die Ansage von Farid Rakun, und die war nicht ohne Humor. Ruangrupa haben in dem Gespräch auch gesagt, dass sie allem, was mit Macht und mit Ausübung von Macht zu tun hat, sehr reserviert gegenüberstehen. Es kann also sein, dass diese dezidierte Ansage wesentlich lustiger gemeint war, als sie klingt. Wer sieht, wie Ruangrupa bislang gearbeitet hat, sollte nicht damit rechnen, dass es nicht auch andere Spielorte gibt und nicht womöglich sogar wieder deutsches Geld ins Ausland abfließt.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 27.02.2019 | 19:00 Uhr

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