Stand: 29.08.2019 18:45 Uhr  - NDR Kultur

Brosda: "Wir müssen anfangen, anders zu sprechen"

"Die Zerstörung der CDU" - so hatte kurz vor der Europawahl im Mai der Blogger Rezo sein YouTube-Video überschrieben. Ein Erfolgsschlager im Netz - in kürzester Zeit wurde der Clip über elf Millionen Mal geklickt. Die Politik schien unter Zugzwang. Jemand, der sich zum raschen Handeln aufgefordert gefühlt hat, ist Hamburgs Senator für Kultur und Medien, Carsten Brosda. Er hat das 176-seitige Buch "Die Zerstörung" geschrieben.

Herr Brosda, Sie haben eine Dissertation geschrieben über "Diskursiven Journalismus", sind also geübt in der Auseinandersetzung mit Quellen, Ursachen und Debatten. In Ihrem neuen Buch haben Sie versucht, den Begriff "Zerstörung" auszuleuchten. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

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Hamburgs Senator für Kultur und Medien

Carsten Brosda: Ich habe den Nachdenk-Anlass, den uns Rezo mit seinem Video gegeben hat, genutzt, um mir etwas näher anzugucken, was aus dem Lot geraten ist. Als Kulturpolitiker guckt man als erstes ins Grimmsche Wörterbuch und stellt fest: "Zerstörung" wird dort definiert als "etwas mit einem Werkzeug aus seinem Zusammenhang bringen". Wenn man diese Definition zugrunde nimmt, kann man feststellen, dass durchaus einiges in unserer Gesellschaft momentan aus dem Zusammenhang gebracht wurde. Das hat mich dazu verleitet, etwas näher zu besichtigen, um welche Themen es da geht. Denn ich finde schon, dass das, was mit Rezos Video und der gesellschaftlichen Reaktion darauf passiert ist, sehr fundamental war. Wir müssen vielleicht die Idee, dass wir uns vernünftig miteinander verständigen können, noch einmal neu betrachten, und schauen, ob diese Fundamente noch so standfest sind, wie sie es in einer offenen Demokratie sein müssten.

"Zerstörung" heißt also nicht nur Vernichtung mit einer negativen Konnotation, sondern eher kreatives Chaos. Aus dem Chaos heraus kann ja im besten Fall neu sortiert werden. Liegt in der "Zerstörung" also auch eine konstruktive Kraft?

Brosda: Das hoffe ich inständig, weil ich es ganz schwierig finde, wenn wir uns als Gesellschaft in so ein Doomsday-Szenario begeben und davon ausgehen würden, dass alles schlimm ist und immer schlimmer wird. Daran glaube ich nicht. Ich glaube, dass es in unserer Gesellschaft fundamental darum gehen muss, die Kräfte wieder zu stärken oder neuzubeleben, die auch die fröhliche politische Zuversicht besitzen. Dass wenn Menschen sich auf Dinge verständigen, die sie gemeinsam angehen wollen, es auch möglich ist, unser Leben zu verbessern. Und dass gerade die Demokratie dafür die Grundlage bietet. Manchmal hat man in der öffentlichen Debatte ein bisschen das Gefühl, dass wir zu angstbesetzt, zu verdruckst, vielleicht auch zu technisch und vorsichtig unterwegs sind. Da würde ich mir etwas mehr vernünftige Leidenschaft wünschen.

Sie werben in dem Buch für das Gespräch und auch für den Kompromiss. Was muss, was sollte da aus Ihrer Sicht beachtet werden?

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Carsten Brosdas Buch "Die Zerstörung" ist im Verlag Hoffmann und Campe erschienen und kostet 18,00 Euro.

Brosda: Erst mal, dass sich die Rahmenbedingungen verändert haben. Das kann man an dem Rezo-Beispiel sehr schön deutlich machen. Es wäre noch vor wenigen Jahren überhaupt nicht möglich gewesen, dass ein einzelner, ohne eine Medienvermittlung, in der Lage gewesen wäre, 14 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer zu erreichen. Das wäre nur möglich gewesen, wenn im Fernsehen, im Radio oder in einer Zeitung berichtet worden wäre - dann aber in der Regel in einem Zusammenhang mit anderen Stimmen aus diesem Diskurs. Es ist jetzt möglich, alleine große Öffentlichkeiten zu erreichen.

Wir müssen darüber nachdenken, wie wir es hinbekommen, dass uns trotzdem das Gespräch nicht durch die Finger rinnt, sondern dass wir miteinander die verschiedenen Positionen, die wir haben, zueinander in Beziehung setzen können. Das ist sowohl eine Herausforderung für klassische redaktionelle und journalistische Medien als auch für eine Politik, die jetzt vor der Frage steht: Spiele ich das Spiel mit und stelle mich auch auf eine ganz klar konturierte Einzelposition und behaupte die möglichst laut? Oder versuche ich der Aufgabe nachzukommen, verschiedene Interessen aus verschiedenen Milieus einer Gesellschaft so zusammenzubringen, dass sie sich gemeinsam darauf verständigen können, was eigentlich das Vernünftige für die demokratische Gesellschaft ist? Ich plädiere für das letztere. Kein Wunder, ich mache mir in dem Buch auch ein bisschen Gedanken darüber, wo es mit der Volkspartei SPD hingehen soll. Und die steht vor genau dieser Aufgabe, sich wieder eine Position im politischen Spektrum zurückzuerobern, die eher in der Mitte liegt und eher den ausgleichenden Kompromiss vernünftig herstellt, als dass sie versucht, Menschen durch Radikalisierung davon zu überzeugen, dass sie Recht hat.

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Brosda: Ich glaube, es hat maßgeblich damit zu tun, dass wir die Themen anpacken, die auf der Straße liegen. Und eines dieser Themen ist die Frage, was eigentlich Gesellschaft noch zusammenhält. Wir haben in den letzten Jahren ganz viel über Gerechtigkeit geredet, dabei manchmal aber aus dem Blick verloren, dass Gerechtigkeitspolitik voraussetzt, dass man das Gefühl miteinander haben muss, überhaupt Teil der gleichen Gesellschaft zu sein. Ich glaube, dass das etwas ist, was in diesen Jahren, in denen es so viel ums Individuelle, ums Besondere geht, noch einmal mit neuer Dringlichkeit auf die gesellschaftliche Agenda kommt. Auch vor dem Hintergrund, dass immer mehr Menschen sich fragen, wie sie eigentlich dazugehören können.

Das zweite ist, dass wir uns als Politik den fröhlichen Optimismus, dass wir Dinge zum Besseren gestalten können, wieder holen müssen, weil er in den letzten Jahren etwas verlorengegangen ist. Und wir müssen anfangen, anders zu sprechen. Wir müssen anfangen, auch zuzugeben, dass wir Dinge noch nicht wissen, dass wir aber gemeinsam mit den Menschen in unserer Gesellschaft an den Themen arbeiten wollen, die auf der Agenda stehen.

Sie empfehlen in Ihrem Buch "radikale, kommunikative Offenheit", auch "Vernunft und Leidenschaft". Wie beziehen Sie - vielleicht auch im Unterschied zu anderen - diese Empfehlungen oder Strategien auf die Zerstörungsphänomene?

Brosda: Ich glaube, dass das der einzige Weg ist, dem Zerstörungsphänomen zu entgehen. Wenn ich den anderen Weg gehe, mich in Einzelpositionen radikalisiere und behaupte, ich vertrete ein bestimmtes Interesse, ein bestimmtes Milieu, ein bestimmtes Thema in aller Deutlichkeit, dann stehe ich nach einer Wahl vor der Aufgabe, diese radikalen Positionen abzurüsten, weil ich vermutlich keine Mehrheit damit gewonnen habe. Da droht also Enttäuschung bei den Wählerinnen und Wählern.

Der alternative Weg ist - und das ist der klassische Weg der Volksparteien - zu sagen: Wir sind nicht radikal in einer Positionierung, sondern radikal in unserem Willen, Menschen zusammenzubringen und das Vernünftige vorher gemeinsam herauszufinden. Wir haben die Offenheit, uns nicht von vorneherein festzulegen, zumindest nicht auf ein einzelnes Thema oder ein einzelnes Interesse, sondern auf eine Wertegebundenheit und auf eine Haltung bestimmten politischen Fragen gegenüber. Ich glaube, da unterscheiden sich Parteien sehr deutlich. Diese Integration durch eine wertebezogene Haltung - das ist die entscheidende Aufgabe. Und das ist auch der Unterschied zur Zerstörung. Denn am Ende zerstöre ich damit nicht, sondern führe zusammen mit dem Ziel, politische Gestaltungsfähigkeit und -hoheit zu sichern und zu verbreitern.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 29.08.2019 | 19:00 Uhr

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