Das Carl-Peters-Denkmal in Hannover

Abreißen oder nicht? Streit um Carl-Peters-Denkmal in Hannover

Stand: 09.07.2021 06:00 Uhr

Ein riesiger Reichsadler hält seine Klauen über dem afrikanischen Kontinent: So erinnert ein Denkmal in Hannover an den Kolonialpolitiker Carl Peters. Der Verein kargah fordert, den Stein abzureißen.

von Kristin Häfemeier

Carl Peters wurde 1856 in Neuhaus/Elbe im Königreich Hannover geboren. Er war Kolonialherr, Rassist und gilt als Begründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika. Dort war er bekannt dafür, Menschen mit einer Nilpferdpeitsche zu misshandeln. Er starb 1918 in Woltorf bei Peine.

Der Kolonialpolitiker Carl Peters © picture-alliance / dpa / EW
Carl Peters (1856 - 1918) gilt als der Begründer der Kolonie Ostafrika.

"Manche sagen, dass er den Nationalsozialsten den Weg bereitet hat", sagt Julian Eslami-Mirabadi vom Verein kargah. Der Verein kargah setzt sich seit 1980 in Hannover für eine Stadtgesellschaft ein, die sich für Toleranz und Vielfalt in Hannover ausspricht, unabhängig von Dingen wie zum Beispiel Herkunft, Hautfarbe oder Religion.

"Ich finde es besonders schlimm, dass Carl Peters zunächst als Privatperson nach Afrika ging und so Druck auf die Politik ausüben wollte, den deutschen Kolonialismus voranzutreiben", sagt Julian Eslami-Mirabadi. Für all das haben ihm die Nationalsozialisten in Hannover ein Denkmal errichtet und den Platz nach ihm benannt.

1988 wurde das Carl-Peters-Denkmal zum Mahnmal gegen Kolonialismus

Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hieß der Ort in der Südstadt weiterhin "Carl-Peters-Platz". 1973 kam schließlich zum ersten Mal die Forderung in Hannover auf, den Platz umzubenennen. Damals gab es dafür jedoch keine Mehrheit.

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1979 gründete sich eine Bürgerinitiative zur Umbenennung des Platzes. "Eine Gruppe politischer Anwohner wurde dabei vom SPD-Ortsverein unterstützt", erinnert sich der Südstädter und SPD-Politiker Thomas Hermann. Damals stand es laut Hermann noch nicht zur Debatte, das Denkmal ganz zu entfernen.

Nach langem Ringen wurde 1988 eine Mahntafel als Kompromiss unten am Denkmal angebracht. "Es stand für Verherrlichung des Kolonialismus und des Herrenmenschentums. Uns aber ist es Mahnung", liest man dort unter anderem. Damit sollte das Denkmal für einen Kolonialherren zum Mahnmal gegen Kolonialismus werden.

1994: Carl-Peters-Platz wurde in Bertha-von-Suttner-Platz umbenannt

Ein paar Jahre später flammte die Diskussion erneut auf. "Das war die Zeit der ausklingenden Friedensbewegung und der Ostermärsche. Einige Sternmärsche starteten vom damaligen Carl-Peters-Platz", erinnert sich Hermann. Gegen die Umbenennung des Platzes gab es damals viel Widerstand. "Es hieß, 'jetzt habt ihr doch eure Mahntafel' und 'wir wollen unsere Adressen nicht ändern'", erzählt Hermann.

Das Carl-Peters-Denkmal in Hannover
Seit den 1980er-Jahren weist ein Schriftzug an dem Denkmal auf die Verbrechen in Deutsch-Ostafrika hin.

Nach vielen Diskussionen einigte man sich schließlich auf die Pazifistin und Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner als neue Namensgeberin für den Platz. Der Rat der Landeshauptstadt Hannover beschloss die Umbenennung offiziell am 27.06.1991. Es war eine knappe Angelegenheit. Das Rat stimmte damals mit rot-grüner Mehrheit mit 32:28 für die Umbenennung. Es folgten zahlreiche Ein- und Widersprüche vor Gericht von Anliegerinnen und Anliegern. Auch der Bezirksrat Südstadt-Bult forderte mit schwarz-gelber Mehrheit bei 10:9 Stimmen den Rat auf, von der Umbenennung Abstand zu nehmen - erfolglos. Am 1.2.1994 war der Beschluss dann rechtskräftig.

Petition für den Abriss des Carl-Peters-Denkmals gestartet

Ein Mahnmal und die Umbenennung des Platzes - Julian Eslami-Mirabadi von kargah genügt das nicht: "Ein Denkmal, bleibt ein Denkmal, bleibt eine Huldigung", meint er. Deshalb hat der Verein eine Petition gestartet, die den Abriss fordert. 8.000 Unterschriften wollen sie sammeln.

Auch in Hannovers Parteien gibt es bereits Diskussionen über die Zukunft des Denkmals. Für den CDU-Politiker Jesse Jeng ist die bereits gefundene Lösung genau die richtige - auch wenn er sich vorstellen könnte, den Schriftzug deutlicher hervorzuheben oder zu ergänzen. Ein Abriss kommt für ihn nicht in Frage: "Hannover braucht ein Mahnmal gegen den Kolonialismus. Diese Geschichte durch Bildersturm und Abriss vergessen zu machen, bildet meiner Meinung nach die Gefahr der Verleumdung. Aus Verleumdung kann Vergessen folgen und damit ist dem Kampf gegen Rassismus aus meiner Sicht nicht gedient."

Das Carl-Peters-Denkmal in Hannover
Das Carl-Peters-Denkmal in Hannover wurde 1935 von den Nationalsozialisten errichtet.

Politiker debattieren über Zukunft des Denkmals

Dirk Machentanz von den Linkspartei steht einem Abriss offen gegenüber. Für ihn ist jedoch wichtig, dass zuvor ein Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern stattfindet. Die Menschen müssten über die Verbrechen von Carl Peters aufgeklärt werden, bevor das Monument verschwindet. Eine weitere denkbare Lösung wäre für Machentanz eine große Infotafel. Der jetzige Schriftzug reicht ihm nicht aus: "Afrika und der Adler sind viel zu groß abgebildet und die Schrifttafel viel zu klein, die man auch noch schlecht lesen kann."

Thomas Hermann von der SPD verteidigt den Schriftzug dagegen als zutiefst demokratische Äußerung, die Menschenrechte befürwortet. "Und all dies würden wir auch verschwinden lassen, wenn dieses Denkmal und Mahnmal abgeräumt würde", so Hermann. Julian Eslami-Mirabadi könnte sich auch vorstellen, das Monument in einem Museum unterzubringen. Dort könnte es historisch besser eingeordnet werden. Ein Anliegen, das Daniel Gardemin von den Grünen durchaus verstehen kann. Dennoch hält er es für sinnvoller, das Mahnmal noch weiter als Mahnmal erkennbar zu machen. "Man könnte vielleicht einen künstlerischen Aspekt einbringen, um die Monumentalität des Denkmals aufzulösen", schlägt Gardemin vor.

Noch haben lange nicht genügend Menschen die Petition unterzeichnet, damit der Rat der Stadt Hannover sich offiziell mit dem Thema auseinandersetzen muss. Der politische Diskurs ist aber schon in vollem Gange.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 09.07.2021 | 14:20 Uhr