Eine Mutter liest auf einem Sofa ihrem Sohn aus einem Bilderlexikon vor. © picture alliance / dpa-tmn Foto: Christin Klose

Bundesweiter Vorlesetag: "Lesen eröffnet Lebenschancen"

Stand: 19.11.2021 10:45 Uhr

Simone Ehmig leitet das Institut für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen in Mainz und untersucht das Lese- und Vorleseverhalten. Am bundesweiten Vorlesetag haben wir mit ihr gesprochen.

Eine Mutter liest auf einem Sofa ihrem Sohn aus einem Bilderlexikon vor. © picture alliance / dpa-tmn Foto: Christin Klose
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Frau Ehmig, Lesen ist Ihnen eine Herzenssache. Warum ist das Lesen so wichtig?

Simone Ehmig: Lesen ist uns nicht nur Herzenssache, es ist für uns eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben, dass alle Menschen gut lesen können. Lesen ist eine Grundvoraussetzung für fast alles. Es eröffnet Bildungs- und Lebenschancen. Es trägt dazu bei, dass Menschen sich individuell gut entfalten können, dass sie teilhaben können an Gesellschaft, an politischen Prozessen und so weiter. Ohne Lesen gelingt das nicht.

Was passiert beim frühkindlichen Lesen? Wie wichtig ist die Gute-Nacht-Geschichte?

Ehmig: Die Gute-Nacht-Geschichte steht für das Vorlesen, das im besten Fall täglich stattfinden sollte. Beim Lesen, beim Vorlesen geschieht ganz viel: Kinder entwickeln gute sprachliche Fähigkeiten, sie lernen ganz viele Geschichten und Figuren kennen und damit auch, wie es Menschen gehen kann, wie Menschen handeln können. Sie lernen aber auch, dass Lesen ganz selbstverständlich zu ihrem Leben dazugehören kann. Sie lernen, wie man mit einem Buch umgeht, dass man es von rechts nach links aufblättern kann, dass dort ganz viele spannende Geschichten drin sind. Und sie lernen, wenn Eltern von digitalen Geräten vorlesen, dass auch dort ganz viel Text ist und das zu ihrem Leben und zu ihrem Alltag dazugehört.

Ihre Stiftung gibt jährlich eine Studie zum Thema Vorlesen heraus. Danach erhalten ein Drittel der Kinder von ihren Eltern keine oder nur selten Impulse durch Vorlesen und Erzählen. Welche Gründe gibt es dafür?

Ehmig: In vielen Fällen haben Eltern wenig Zeit dazu. Sie fühlen sich überfordert. Sie denken, dass sie dafür ganz viel Zeit und Mühe investieren müssen, dass sie dafür besondere Fähigkeiten brauchen. Aber in all diesen Dingen kann man Eltern im Grunde entlasten. Es genügt, wenn man sich mit dem Kind fünf oder zehn Minuten mit einer Geschichte beschäftigt. In vielen Familien fehlt es auch an Lesestoff. Wir haben in der Studie gesehen, dass bei zwei Drittel der Familien Kinder maximal zehn Bücher zu Hause haben. Hier ist es wichtig, Familien Lesestoff zur Verfügung zu stellen, ihnen Geschichten zugänglich zu machen, etwa mit Buchgeschenken oder mit kostenlosen Geschichten, die man etwa auf unserem Portal herunterladen kann.

Deshalb setzen Sie sich mit Ihrer Stiftung für die Leseförderung tatkräftig ein, appellieren auch an die Politik, Leseförderung zu unterstützen. Warum muss hier überhaupt nachgebessert werden? Warum ist das nicht selbstverständlich?

Ehmig: Wir wissen aus vielen Studien, dass es in allen Altersgruppen einen hohen Anteil von Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern gibt, die nicht gut lesen können. Fast jedes fünfte Kind verlässt die Grundschule ohne ausreichende Lesekompetenzen. Das hat Konsequenzen für ihre Entwicklung, für alle Lebensbereiche. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass wir Akteure aus allen gesellschaftlichen Bereichen - aus Politik, aus Wirtschaft - dafür mobilisieren, alles dafür zu tun, dass Kinder möglichst von Anfang an guten Zugang zum Lesen haben, dass Lesen in ihrem Leben verankert ist und dass sie gute Lesekompetenzen erhalten.

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Lesekompetenz ist das eine - aber Lesemotivation spielt auch eine Rolle. Das Handy, digitale Medien sind eine starke Konkurrenz zum Buch. Aber schaffen digitale Medien vielleicht auch neue Möglichkeiten für die Lesemotivation?

Ehmig: Definitiv. Digitale Medien bedeuten für uns alle, dass wir sehr viel lesen müssen. Wir kommunizieren mit Medien, wir suchen nach Begriffen, wir holen uns über digitale Medien Informationen. Das bedeutet, dass wir dort nicht nur Videos anschauen oder etwas spielen, sondern dass wir da ganz viel lesen können. Und dafür brauchen wir Lesekompetenz. Wir haben über digitale Medien aber auch die Möglichkeit, Kindern Zugang zum Lesen zu verschaffen, indem sie Geschichten auf dem Bildschirm lesen können, indem wir Geschichten zur Verfügung stellen, die Eltern vom Bildschirm vorlesen können oder sich über digitale Medien erschließen. So können Kinder sehr früh schon ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass digitale Medien auch Lesen bedeuten, und dass man auch mit den digitalen Medien ganz viel Spaß haben kann.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.11.2021 | 18:00 Uhr

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