In der Röntgenanlage des Herzog Anton Ulrich-Museums wird ein Bild durchleuchtet. © Herzog Anton Ulrich-Museum, Kathrin Ulrich

Braunschweig: Hightech-Röntgengerät durchleuchtet alte Schätze

Stand: 23.06.2022 09:16 Uhr

Schicht für Schicht: Ein 270.000 Euro teures Hightech-Röntgengerät im Braunschweiger Anton Ulrich-Museum bietet ganz neue Möglichkeiten zur Erforschung von Kunstwerken - und zur Betrachtung in 3D.

In der Röntgenanlage des Herzog Anton Ulrich-Museums wird ein Bild durchleuchtet. © Herzog Anton Ulrich-Museum, Kathrin Ulrich
Beitrag anhören 4 Min

von Janek Wiechers

In einem fensterlosen, klimatisierten Kellerraum, tief unter dem Herzog Anton Ulrich-Museum: Restauratorin Verena Herwig hebt behutsam eine Holzplatte auf ein Metallgestell. Darauf ist eine hölzerne Engelsskulptur befestigt. Ein Höllensturz aus dem 17. Jahrhundert, verziert mit Blattgold. In der Hand hält der Engel ein Flammenschwert. Herwig passt die Figur mit einem Schienensystem und Flügelschrauben aufrecht stehend in den Metallrahmen ein. "Die Justage ist wichtig, um am Ende das bestmögliche Röntgenbild zu bekommen", erklärt die Restauratorin.  

Anton Ulrich-Museum: Röntgenkameras durchleuchten Engel

An einem zweiten Metallgestell sind die Röntgenkameras montiert. Grün-schimmernde Laserstrahlen helfen der Herwig dabei, die Kameras genau dort zu platzieren, wo der Engel durchleuchtet werden soll. 

Bevor der Durchleuchtungsvorgang beginnt, muss die Restauratorin den Raum verlassen. Eine dicke Bleitür schirmt die Röntgenstrahlung ab. Nebenan, im Kontrollraum, gibt es zwei Monitore. Während hinter der Bleitür der Scanvorgang startet, setzen sich Herwig und eine Kollegin spezielle 3D-Brillen auf. 

3D-Technik ermöglicht plastische Darstellung des Inneren

Zwei Mitarbeiterinnen des Herzog Anton Ulrich-Museum überwachen an Monitoren einen Röntgenvorgang. © Herzog Anton Ulrich-Museum, Kathrin Ulrich
Zwei Mitarbeiterinnen des Herzog Anton Ulrich-Museums überwachen einen Röntgenvorgang am 3D-Monitor.

Ganz plastisch wird auf den Bildschirmen das Innere des Holzengels sichtbar. Zu erkennen sind Metallnägel, die von außen nicht auszumachen waren, gekittete Stellen unter dem Lack und eine metallene Verstärkung am Flammenschwert. Das neue, digitale Röntgengerät ersetzt ältere, analoge Methoden, mit denen nur zweidimensionale Bilder möglich waren. Das Hightech-Modell gestattet den Museumsleuten jetzt ganz neue Einblicke, schwärmt Herwig: "Mit dieser Anlage kommen wir wirklich durch das gesamte Material, gehen also durch alle Schichten."

Und das ist vor allem für dreidimensionale Objekte wie Skulpturen, Vasen oder Metallobjekte interessant. "Speziell für Möbel und Skulpturen ist es von Vorteil. Weil man durch das räumliche Sehen eben einen anderen Eindruck bekommt von Konstruktion, Verbindungen und Ergänzungen", erzählt die Expertin. Mit dem Gerät lassen sich aber auch weiterhin zweidimensionale Aufnahmen machen, die für die Analyse von Gemälde wichtig sind. 

Schäden erkennen, die das Auge (noch) nicht sieht

Der Direktor des Herzog Anton Ulrich-Museums, Thomas Richter, freut sich über die Neuanschaffung. Mit dem Röntgengerät könnten die Bestände im Hause nun genauer unter die Lupe genommen werden. "Wir können Schäden sehen, bevor sie mit dem Auge erkennbar sind", so Richter. "Wir können die Forschung vorantreiben, ergründen: Wer hat an einem Gemälde gearbeitet? Welche Techniken wurden eingesetzt? All das können wir bei uns im Haus untersuchen, müssen die Dinge nicht mehr irgendwohin transportieren."

Röntgengerät dieser Art in Europa einmalig

Weitere Informationen
Blick auf den Eingang des Herzog Anton Ulrich-Museums in Braunschweig. © NDR Foto: Julius Matuschik

Kulturpartner: Herzog Anton Ulrich-Museum

Auf 4.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche werden rund 4.000 Werke aus 3.000 Jahren präsentiert - Kunstgenuss auf höchstem Niveau. extern

Dank des neuen Geräts, so die Spezialisten des Herzog Anton Ulrich-Museums, lässt sich künftig passgenauer bestimmen, wie wertvolle Kunstobjekte optimal restauriert und konserviert werden müssen. Die besonders leistungsfähige Anlage sei in dieser Form in einem Museum einmalig in Europa, betonen die Museumsleute. Der Museumsdirektor will sie deshalb auch anderen Fachleuten zur Verfügung stellen: "Ausleihen können wir das Gerät nicht - es ist hier fest installiert. Aber wir können natürlich mit anderen Museen, Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten. Das ist auch gut für die Forschungsgemeinschaft in Norddeutschland."

Möglich wurde die 270.000 Euro teure Neuanschaffung Dank des Erbes eines privaten Spenders aus Niedersachsen. Außerdem steuerte der Freundeskreis des Museums einen Teil des Geldes für den Kauf bei.


24.06.2022 13:14 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrags wurde von "radioaktiver Röntgenstrahlung" gesprochen. Röntgenstrahlen sind im Gegensatz zu den ihr ähnlichen Gammastrahlen jedoch nicht radioaktiv, da sie nicht durch radioaktive Zerfälle oder Kernreaktionen entstehen.

 

Weitere Informationen
Der Eingang zur  Hamburger Ausstellung "The Mystery of Banksy - A Genius Mind" © NDR Foto: Patricia Batlle

Mysterium Banksy: Ausstellung über den Street-Art-Star in Hamburg

"The Mystery of Banksy" zeigt reproduzierte Werken von Banksys Schablonengraffiti. Die Ausstellung läuft bis Oktober in Hamburg. mehr

Plakat der documenta fifteen, im Hintergrund die schwarz bemalten Säulen des Fridericianums © picture alliance/dpa | Swen Pförtner

Alles zur documenta fifteen in Kassel

Die 15. Ausgabe der documenta bezieht sich auf das an indonesische Architektur angelehnte "lumbung"-Konzept. mehr

Ein Mann steht vor Bildern in einem Museum. © Panthermedia Foto: anyaberkut

Museen und Ausstellungshäuser im Norden

Kulturell ist in Norddeutschland für jeden was dabei. NDR.de stellt Ihnen zum Start der Ferienzeit ausgewählte Museen vor. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 23.06.2022 | 06:40 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Bildhauerei

Malerei

Ausstellungen