Stand: 12.08.2019 15:58 Uhr

"Ick bin ein altes Anarchistenherz"

von Juliane Bergmann

In der Reihe "Grenzenlose Kunst. Biographien 30 Jahre nach dem Mauerfall" stellen wir Manja Präkels vor. Die 1974 geborene Autorin stammt aus Zehdenick in Brandenburg, inzwischen lebt sie in Berlin. Sie schreibt Lyrik, Kurzgeschichten und Liedtexte. Zuletzt erschien ihr erster Roman "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß", der 2018 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und dem Anna-Seghers-Preis ausgezeichnet wurde.

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Auf ihrem Balkon hoch über den Dächern Berlins befindet sich Manja Präkels Lieblingsplatz in der Wohnung. Hier könne sie gut denken.

Berlin, Friedrichstraße, im fünften Stock eines Hochhauses. Lässig lehnt Manja Präkels an der Brüstung ihres Balkons. Ihr Blick: wach und gleichzeitig etwas melancholisch, die Überreste der deutsch-deutschen Geschichte zu ihren Füßen. Den freien Blick mag sie: "Das ist einfach ganz fabelhaft. Man kann besser denken, weil man weiter schauen kann."

Präkels' Kindheit in Brandenburg - und in Lagern

Die Sehnsucht nach großstädtischer Weite war groß, als Manja Präkels in Zehdenick, eine Stunde nördlich von Berlin, aufwuchs. Die Kindheit in der brandenburgischen DDR-Provinz teilt sie mit der gleichaltrigen Protagonistin ihres hochgelobten Debütromans "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" - im angepassten Elternhaus, mit Kinderspielen, Naturerlebnissen und Partei-Ritualen.

Beim Schreiben ihres Buches wurde ihr so manches klar, vieles kam ihr gespenstisch vor: "Beispielsweise, wie viel Zeit ich in Lagern verbracht habe - Trainingslagern, Pionierlagern, Russisch-Spezialisten-Lagern -, was wir so für Lieder gesungen haben, Soldatenlieder und der ganze ideologische Überbau, dieser ganze Quatsch. Wie selbstverständlich die in unserer Kindheit vorkamen und wie selbstverständlich man das angenommen hat."

"Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß": Gewidmet einem Totgeprügelten

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Manja Präkels schreibt neben Liedern für ihre Band auch Gedichte und Kurzgeschichten. Inzwischen wurde auch ihr erster Roman veröffentlicht.

Nach der Schule hat Manja Präkels Mitte der 90er angefangen, als Lokalreporterin zu schreiben. Ihr Spezialgebiet: die Neonazis, die sich nach der Wende in Zehdenick wie auch anderswo in der ostdeutschen Provinz breitmachten. Sie selbst hat erlebt, wie eine Horde Rechtsradikaler einen Bekannten vor einer Disco zu Tode geprügelt hat. Ihm hat sie ihren Roman gewidmet. Das Schreiben war für sie ein Weg, mit all dem umzugehen.

Sprachlosigkeit als Schreibimpuls

Sie glaubt außerdem, dass ihre Erlebnisse rund um den Mauerfall und gerade danach ein starkes Moment sind, das sie dazu bewegt hat, weiter zu schreiben: "Denn was ich erlebt habe, war ja auch ein Verstummen der Menschen. Da ist der Schreibimpuls immer stärker geworden im Laufe der Jahre."

Rechtsruck in eigener Clique diente als Vorlage

Inzwischen schreibt Manja Präkels Gedichte, Kurzgeschichten, Lieder für ihre Band "Der Singende Tresen" - und zuletzt eben ihren ersten Roman, in dem die Freunde ihrer Hauptfigur zu gewalttätigen Rechten heranwachsen. Die Vorlage dafür fand sie in ihrer eigenen damaligen Clique, erzählt sie, als sie durch alte Fotoalben blättert. "Hier bin ich als junger Pionier und hier der Kollege, der war dann auch später strammer Neonazi." Die Enge, die Verrohung, die immer lauter werdenden Rechten: 1997 ertrug es Manja Präkels nicht mehr, sie verließ ihre Heimatstadt Zehdenick.

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Jugendliche, die in der ostdeutschen Provinz zu Neonazis werden: Inspiration für ihren Roman "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" fand Manja Präkels in ihrem eigenen ehemaligen Freundeskreis.

Die Geschichten aber hat sie mitgenommen. Und die macht sie zu Büchern und Liedern. Was sie schreibt, ist fast immer politisch. Eine mutige Autorin, stark, mit klarer Haltung. Seit zwei Jahren ist sie mit ihrem Roman auf Lese-Tour - vor allem in Schulen. Am besten seien die Diskussionen nach den Lesungen, um die gehe es ihr im Prinzip.

"Ich werde sehr stachelig, wenn man mir etwas verbietet"

Manja Präkels ist froh, nicht in der DDR, sondern im Hier und Heute Autorin zu sein - fernab von Rede- und Schreibverboten: "Das Schweigen der Leute in der Gegend, aus der ich komme - je lauter die geschwiegen haben, umso stärker war mein Wunsch, dagegen zu recherchieren und anzuschreiben", erläutert Präkels. "Ick bin ein altes Anarchistenherz, würde ich sagen. Ich werde sehr stachelig, wenn man mir etwas verbietet, dann muss ich es eigentlich erst recht machen."

Manja Präkels sitzt an einem Schreibtisch und liest ein Buch © NDR.de

Autorin Manja Präkels über ihre DDR-Zeit

NDR Kultur - NDR Kultur Wissen -

Manja Präkels schreibt Lyrik, Kurzgeschichten und Liedtexte. Sie hat mit uns über ihr Aufwachsen in der DDR gesprochen und erzählt, was sie zum Schreiben gebracht hat.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur Wissen | 13.08.2019 | 06:20 Uhr

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