Katja Lembke © picture alliance/dpa Foto: Christophe Gateau

Archäologen fordern Rettung von Forschern aus Afghanistan

Stand: 24.08.2021 16:47 Uhr

Deutsche Archäologinnen und Archäologen fordern in einem Brief von der Bundesregierung die Rettung von mit Deutschland verbundenen Kolleginnen und Kollegen aus Afghanistan. Die Direktorin des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover, Katja Lembke, ist Mit-Initiatorin des Appells.

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Frau Lembke, der Appell an die Bundesregierung wurde von zahlreichen Archäologie-Verbänden initiiert - warum war dieser Schritt jetzt unumgänglich?

Katja Lembke: Derzeit wird sehr viel über das Militär und über diejenigen Personen, die mit dem Militär zusammengearbeitet haben, diskutiert. Wir wollten uns bemerkbar machen, damit unsere Kolleginnen und Kollegen nicht außer Acht geraten, also diejenigen, die mit Archäologen in Deutschland zusammengearbeitet haben.

Haben Sie Kontakt mit ihren Kolleginnen und Kollegen in Afghanistan?

Lembke: Es gibt Kontakte - nicht von mir persönlich, aber von anderen Kollegen. Sie fühlen sich bedroht, und es hat angeblich auch schon Übergriffe gegeben. Es ist das große Problem, dass man nicht weiß, wie mit Kulturgütern und mit den Menschen weiter umgegangen wird, die Kulturgüter schützen. Es hat bereits 2018 ein Attentat auf einen Kollegen gegeben, der versucht hat, illegalen Bergbau zu unterbinden, um archäologische Güter zu schützen. Das hat ihm das Leben gekostet. Das sind die Ängste, die wir jetzt haben. Das betrifft die Kolleginnen und Kollegen, mit denen wir in den letzten Jahren zusammengearbeitet haben.

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Und es betrifft auch die Kultur. 2001 fand die Sprengung der Buddha-Statuen statt. Was ist da vor 20 Jahren genau passiert?

Lembke: Man muss sagen, dass die Taliban nicht von Grund auf Kulturzerstörer sind. Das unterscheidet sie definitiv vom Islamischen Staat, der zum Beispiel in Palmyra schlimm gewütet hat. Die Taliban haben 1999 sogar ein Dekret veröffentlicht, in dem sie den Kulturgutschutz betont haben: Sie haben gesagt, das seien Statuen und Gebäude, die heute nicht mehr religiös verortet werden. Das hat sich dann innerhalb von zwei Jahren, zwischen 1999 und 2001, verändert, weil es einen Handelsboykott gegeben hat und weil dazu auch noch eine Dürrekatastrophe das Land heimgesucht hat. Das wiederum führte dann zu der Fatwa, dass man im Gegenteil zu dem, was 1999 verkündet wurde, gemeint hat, das seien doch buddhistische Kultstätten und Kultobjekte, und es könnte wieder zu einer Verehrung des Buddhas kommen. Dagegen haben sich die Taliban angeblich zur Wehr gesetzt. Tatsächlich ging es aber vor allen Dingen darum, dem Westen zu zeigen: Wir zerstören eure Kulturgüter, wenn ihr uns nicht genügend Waren und genügend zu essen gebt. Und das ist auch ein Punkt, der für die nächsten Jahre ganz wichtig wird: Wie werden sich andere Länder verhalten? Wie werden sich die Vereinten Nationen gegenüber den Taliban positionieren? Wird man gesprächsbereit sein? Wird man versuchen, weiterhin mit dem Land Handelskontakte zu pflegen, oder soll es eine Abschottung geben? Ich befürchte, dass eine Abschottung - das haben wir 2001 gesehen - eher zur Zerstörung von Kulturgut führen wird als zum Schutz.

Inwiefern ist die Situation heute eine andere als vor 20 Jahren? Sie sagen, dass wir einen großen Einfluss darauf haben, wie sich die Dinge entwickeln werden, richtig?

Lembke: Das würde ich auf jeden Fall sagen - nicht direkt, aber indirekt durch das Verhalten. Nicht unbedingt direkt im archäologischen Bereich beziehungsweise im Kulturgutschutz, sondern es kommt darauf an, wie insgesamt die politischen Beziehungen sein werden. Wird Afghanistan ernst genommen? Nimmt man die Taliban als Gesprächspartner wahr, oder wird man das Land abschotten? Wer wird die Hand auf die Bodenschätze legen? Die größten Kupfervorkommen der Welt liegen in Afghanistan, genau in dem Bereich, wo die Buddhisten vor über 1.000 Jahren eine Kultstätte errichtet haben. Wenn man diese Kultstätte der Buddhisten zerstört, dann hat das nichts mehr mit einer aktuellen Verehrung zu tun, sondern vielmehr damit, dass es dort diese Kupfervorkommen gibt, an die man rankommen möchte. Insofern lässt sich das, was wir in der Archäologie betreiben, nicht abkoppeln von den Bodenschätzen und von der Ökonomie.

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Und was resultiert daraus für die Bundesregierung? Was ist Ihre konkrete Forderung?

Lembke: Wir haben mit diesem Aufruf konkret verbunden, dass unsere Kolleginnen und Kollegen auf die Liste derjenigen gesetzt werden, die die Möglichkeit haben, auszureisen. Das ist erst einmal das Allerwichtigste. Wir denken in erster Linie an die humanitäre Hilfe, die geleistet werden muss. Man hört, dass diese Listen inzwischen erweitert wurden. Wir gehen also davon aus, dass unser Appell durchaus wahrgenommen wurde und entsprechende Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit haben, auszureisen. Das ist das Vordringliche. Dann müssen wir uns auch über den Kulturgutschutz Gedanken machen - aber nicht heute, sondern in den nächsten Jahren.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer.

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NDR Kultur | Journal | 23.08.2021 | 18:00 Uhr