Stand: 24.04.2018 14:35 Uhr

Antisemitismus: Woher kommt der Hass?

von Sophia Stritzel

Erst bekamen die Rapper Kollegah und Farid Bang trotz antisemitischer Texte den Echo, dann verbreitete sich im Internet ein Video, das zeigte, wie ein junger Mann mit einer jüdischen Kopfbedeckung in Berlin von einem mutmaßlich arabischen Jugendlichen angegriffen wird. Ein Einzelfall? Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Beispiel Internet: 2007 wiesen 7,5 Prozent der Leserkommentare zu Israel antisemitische Stereotype auf. 2014 waren es schon 36,2 Prozent. Beispiel Kriminalstatistik: Diese erfasste für das vergangene Jahr 1.453 antisemitische Straftaten, Dunkelziffer unbekannt. Wie lebt es sich also gerade als Jude in Deutschland? Aus welcher Richtung kommt der Hass, kommen die Vorurteile und Angriffe?

"Es wird wirklich rauer"

Raglit Ishay ist Jüdin. Und eine der wenigen, die offen über ihre Sorgen spricht: "Mit jeder Art von Antisemitismus, die ich in den Medien sehe oder durch meine Kinder erlebe, habe ich das Gefühl, ich kann weniger gut atmen, es wird wirklich rauer."

Anfeindungen und Angst sind auch für Elishewa Patterson-Bayal Alltag. Sie sorgt sich aber vor allem um ihre Tochter - besonders, wenn die in der Schule ist: "Ganz aktuell wurde sie angesprochen in der Art, dass man gesagt hat: 'Gib mir dein Portemonnaie, sonst vergase ich dich!' Dann wurde sie vor ein paar Wochen gefragt, wer denn der größte Jude gewesen sei, und die Antwort war dann eine zwei Meter hohe Stichflamme."

"Die meisten Vorfälle werden nicht gemeldet"

91 Prozent der Juden fühlen sich durch Anfeindungen stark belastet - das zeigt eine Studie der Universität Bielefeld von 2017. Julia Bernstein hat für diese Untersuchung mehr als 500 Juden interviewt. Sie kritisiert: Um Antisemitismus genauer betrachten zu können, brauche es konkretere Zahlen. "Die Angst hat zugenommen, aber ich kann nicht behaupten, deutschlandweit haben wir diese und solche Zahlen antisemitischer Vorfälle. Denn die meisten Vorfälle werden nicht gemeldet und zwar nirgendwo. Und die, die gemeldet sind, werden dann als rechtsextreme Fälle gemeldet."

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"Statt Kippa lieber eine Basecap"

Die jüngsten Übergriffe auf zwei Kippa tragende Männer in Berlin sind alarmierend. Der Zentralrat der Juden rät davon ab, als Einzelperson in Großstädten Kippa zu tragen. extern

95 Prozent der antisemitischen Straftaten hatten laut der Kriminalstatistik 2017 einen rechtsextremen Hintergrund, 2 Prozent einen muslimischen. Straftaten, bei denen kein Täter oder Motiv bekannt ist, werden pauschal als rechtsextrem eingestuft.

Wer steckt also hinter dem wachsenden Antisemitismus in Deutschland? Patterson-Bayal beobachtet in Frankfurt am Main Folgendes: "Wir haben hier einen sehr hohen Anteil von muslimischen Mitbürgern, und insofern haben wir auch hier eher diesen Antisemitismus. Ich habe in meinem Alltag den sogenannten rechten Antisemitismus noch nicht erlebt."

Gemeinde in Pinneberg hat Schutzzaun gebaut

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Viele zeigen nach außen nicht mehr, dass sie jüdisch seien, erzählt Gemeindevorstand Wolfgang Seibert.

Der Zaun der jüdischen Gemeinde Pinneberg ist erst wenige Monate alt. Konkrete Übergriffe und Anfeindungen hat es hier noch nicht gegeben. Trotzdem: Die Angst ist gestiegen. Gemeindevorstand Wolfgang Seibert ist vom Zaun nicht begeistert, wusste aber keinen anderen Ausweg. "Es sind weniger Leute gekommen, weil sie Angst hatten. Man weiß nicht, ob man sicher ist, ob da jemand kommen kann. Und da haben wir gesagt: Wir bauen einen Zaun, schweren Herzens."

AfD macht antisemitische Äußerungen salonfähig

Die Muslime seien eigentlich nicht das Problem, findet Seibert. Ihm macht der Antisemitismus der Deutschen viel mehr Sorgen: "Es gibt jetzt viele Leute, auch Deutsche, hauptsächlich Deutsche, die das aussprechen, was sie Jahrzehnte gedacht haben, was sie aber nicht ausgesprochen haben. Da spielt natürlich die AfD eine große Rolle dabei, die also solche Sachen wirklich salonfähig macht."

Für ihn ist der Dialog am wichtigsten. Ob mit Deutschen oder Muslimen. Seine Nachbarin ist eine streng gläubige Muslima. Sie kümmert sich um den Garten der Gemeinde. Bei ihnen funktioniert das friedliche Miteinander.

Immer wieder Anfeindungen gegen Juden

Die Schlagzeilen zeigen ein anderes Bild: immer wieder Anfeindungen gegen Juden. Julia Bernstein warnt davor, nur einer Gruppe die Schuld zu geben. "Ja, dass möchte man gerne hören, also jetzt: Ja, die Muslime haben das nach Deutschland gebracht. Aber das ist nicht wahr, Antisemitismus war schon da. Es stimmt schon, dass es anti-jüdisch eingestellte muslimische Menschen gibt, aber an sich ... Ich würde nicht von einem muslimischen Antisemitismus sprechen, dass tatsächlich alle Muslime Antisemiten sind, dass stimmt einfach nicht."

Auf offener Straße bespuckt

Viele Juden trauen sich nicht mehr, in der Öffentlichkeit zu zeigen, dass sie Juden sind. Raglit Ishays Sohn wollte sich nicht verstecken, trug die Kippa auf offener Straße, wurde bespuckt. Er zog Konsequenzen: "Schließlich hat er sich entschlossen, nach Israel zu ziehen, weil er dachte, so kann er nicht leben. Er will seine Identität nicht verstecken, er will ein freies jüdisches Leben leben können."

Auch sie hat ein mulmiges Gefühl, wenn sie jüdische Einrichtungen besucht - trotzdem: "Ich weiß, dass es für mich gefährlich ist, aber ich weigere mich, in Angst zu leben. Also ich rede ganz laut Hebräisch auf der Straße und sage jedem, der das wissen will oder nicht wissen will, dass ich jüdisch bin. Ich habe einfach keine Angst, denn ich weiß, wenn ich Angst habe, kann ich hier nicht mehr leben."

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Dieses Thema im Programm:

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