Zwei Frauen sitzen an Schreibmaschinen © Goethe-Institut

70 Jahre Goethe-Institut: Eine Zuflucht für Andersdenkende

Sendedatum: 09.08.2021 18:00 Uhr

Am 9. August 1951 wurde als Zeichen für internationalen Austausch das Goethe-Institut gegründet. Ein Gespräch mit Klaus Brehm, Leiter des Bereiches Internet und Information in der Zentrale München und seit 35 Jahren für das Goethe-Institut im Einsatz.

Beitrag anhören 7 Min

Herr Brehm, wie würden Sie den heutigen Auftrag des Goethe-Instituts formulieren?

Klaus Brehm © Brehm
Klaus Brehm arbeitet seit 35 Jahren beim Goethe-Institut in den Bereichen Internet und Information.

Klaus Brehm: Das ist gar nicht so einfach, weil der Auftrag mehrere Aspekte hat. Die deutsche Sprache zu fördern ist nach wie vor aktuell. Es gibt auch einen Prüfungsbetrieb, der für die Institute im Ausland sehr wichtig ist. Aber nebenher ist es auch so, dass das Goethe-Institut Räume schafft für den kulturellen Austausch in den Gastländern mit der dortigen Kulturszene.

Sie sind seit 35 Jahren beim Goethe-Institut. Seit einem Vierteljahrhundert leiten sie den Bereich Internet. Damals, als sie es mitgegründet haben, steckte das World Wide Web noch in den Kinderschuhen. Wie sah das damals aus?

Brehm: Wir waren tatsächlich eine der ersten Organisationen, die das Internet für sich entdeckt hatte. Damals gab es noch nicht mal Google. Viele wussten gar nicht, was für ein Potenzial das Internet hat. Und es entwickelte sich erst in den folgenden Jahren. Wir hatten aber 1998 schon für alle Institute eine eigene Website und die Kommunikation über diesen Kanal gewann immer mehr an Bedeutung.

Seitdem hat sich einiges getan. Ich nehme an, einer der großen Einschnitte in der jüngeren Vergangenheit war Corona. Wie hat sich die Pandemie auf die Arbeit des Goethe-Instituts ausgewirkt?

Menschen gehen nebeneinander auf der Straße, darunter Kinder. © Goethe-Institut
Sprachstudenten aus Ghana mit ihrer Gastfamilie in Murnau, 1969.

Brehm: Corona war tatsächlich ein großer Einschnitt. Innerhalb kurzer Zeit mussten fast alle Institute ihre Türen schließen. Im ersten Quartal des vergangenen Jahres waren am Ende nur noch zwei Institute übrig, die überhaupt offen haben konnten. Und wir mussten natürlich nicht nur versuchen, alle geplanten Veranstaltungen in ein digitales Format zu bringen, sondern auch unser Basisangebot - Sprachkurse, Prüfungen und Kulturveranstaltungen - in einer digitale Form weiter anzubieten.

Das Goethe-Institut ist auch eine Zuflucht für Andersdenkende, etwa in Ländern mit restriktiven Regimes. Inwieweit kann das in der Pandemie noch gewährleistet werden?

Vor einem Bus sitzen Kinder und bekommen etwas vorgelesen. © Goethe-Institut
Die Bibliothek "BibBus" bot 2017 Bücherausleihe und Vorlesungen für geflüchtete und benachteiligte Kinder und Jugendliche im Libanon.

Brehm: Das ist in der Tat eine schwierige Frage. Dass wir kontrollfreie Räume in den Gastländern anbieten, ist ein wesentliches Merkmal des Goethe-Instituts. Und das geht im digitalen Raum nur bedingt. Tatsächlich ist es so, dass man sich unter meingoethe.de anmelden kann und dort mit Sicherheit unkontrolliert Inhalte benutzen kann. Das, was dort passiert, bleibt vertraulich aber diese Funktion als Begegnungsort, als ein Ort, wo man sicher sein kann, und wo keine staatliche Restriktion greifen kann, ist im Internet nur bedingt möglich.

Es hat in der Vergangenheit immer wieder Versuche gegeben, die Goethe-Institute unter Druck zu setzen oder gar zu schließen. In Belarus zum Beispiel muss das Goethe-Institut Minsk auf Druck der Regierung seine Arbeit einstellen. Wieviel bekommen Sie von den dortigen Ereignissen von Ihren Kollegen mit?

Brehm: Der Austausch ist sehr intensiv. Denn auch in Belarus, wie auch bei allen anderen Instituten, gibt es einen Webauftritt, der für die Funktion des Instituts sehr wichtig ist, der jetzt aus diesem Anlass natürlich umgebaut und umstrukturiert werden musste. Ansonsten ist es natürlich für die Kollegen vor Ort sehr schwierig, in dieser Lage weiterzumachen.

In Afghanistan zum Beispiel hat das Goethe-Institut auch seit geraumer Zeit geschlossen. Welche Bedeutung kommt dem Institut gerade in autoritär regierten Staaten und Krisengebieten zu?

Brehm: Tatsächlich ist das Goethe-Institut in solchen Regimes ein Zufluchtsort für Menschen, die auch anderer Meinung sind und die sich dort frei äußern können, Ansprechpartner finden und auch Kontakte ins Ausland pflegen können - mit ähnlich Gesinnten.

Zum 70. Geburtstag des Goethe-Instituts haben Sie auch ein sehr umfassendes, informatives wie unterhaltsames Multimedia-Angebot geschaffen, das den Wandel des Instituts bis heute zeigt. Dort finden sich auch spannende neue Projekte. Wie sieht denn die Zukunft des Lernens unvermittelt bei Ihnen aus?

Brehm: Wir setzen sehr stark auf redaktionelle Angebote. Wir haben zurzeit drei Schwerpunktthemen: Ökologie und Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Postkolonialismus. Zu diesen Themen, aber auch zu vielen weiteren Themen, gibt es redaktionelle Angebote auf goethe.de, die inzwischen recht umfangreich geworden sind. Wir haben in der Zentrale eine Online-Redaktion, und wir haben auch an 30 der Institute Online-Redaktionen, die so ein globales Netzwerk bilden und Inhalte zusammen produzieren.

Gibt es neue Formen, mit denen Sie arbeiten?

Brehm: Wir bemühen uns, diese Inhalte auch interaktiv zu gestalten. Es gibt Videos und Podcasts. Es gibt die Möglichkeit, als Nutzer, sich an Diskussionen zu beteiligen. Und wir führen auch sogenannte Online-Festivals durch oder Online-Veranstaltungen, bei denen wir zu bestimmten Themen Experten einladen und die Nutzer sich dort auch mit diesen Daten austauschen.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.08.2021 | 18:00 Uhr

Carola Lentz steht vor dem Goethe Institut Berlin. © dpa-Bildfunk Foto: Fabian Sommer

Braunschweigerin ist neue Präsidentin des Goethe-Instituts

Die 66-jährige Ethnologin Carola Lentz ist die zweite Frau an der Spitze der renommierten Einrichtung. mehr