Applaudierende Konzertbesucher vor einer Showbühne © fotolia Foto: bernardbodo

2G bei Veranstaltungen: "Es darf nur nicht schlimmer werden"

Stand: 17.11.2021 16:28 Uhr

Das Forum Veranstaltungswirtschaft fordert in Sachen Corona für seine Branche "bundeseinheitliche und verhältnismäßige Vorgaben". Ein Gespräch mit Jens Michow, dem geschäftsführenden Präsidenten des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft.

Applaudierende Konzertbesucher vor einer Showbühne © fotolia Foto: bernardbodo
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Herr Michow, viele Bundesländer führen jetzt die 2G-Regel ein: Zutritt in kleine Clubs oder in große Konzertsäle nur noch für Geimpfte oder Genesene. Ist das dieser "verhältnismäßig Vorgang", den Sie fordern?

Jens Michow: Was für den einen verhältnismäßig ist, ist für den anderen nicht verhältnismäßig. Die Problematik in der Konzert- und Veranstaltungsbranche liegt darin, dass wir auch Konzerte haben, die bereits vor zum Teil zwei Jahren angekündigt wurden. Diese sollten eigentlich im vergangenen Jahr stattfinden, wurden vom Frühjahr auf den Herbst, vom Herbst auf diesen Frühjahr und nun wieder in den Herbst dieses Jahres verlegt.

Das sind Konzerte, die nicht unter dem 2G-Modell angekündigt wurden, sondern die man noch zu Zeiten plante, als die Welt noch in Ordnung war. Für diese Veranstalter ist es sehr problematisch, das umzustellen und einigen Menschen zu sagen, dass sie leider draußen bleiben müssen, weil sie nicht geimpft sind. Für die neuen Konzerte, die wir im Laufe des letzten Halbjahres angekündigt haben, haben die meisten Veranstalter bereits auf 2G umgestellt. Das heißt, da kann man das realisieren. Es ist nicht ganz leicht, weil wir einen Teil der Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nicht geimpft wurden, auch wieder außen vor lassen müssen. Aber darauf haben wir uns mittlerweile eingestellt.

Aber ist 2G nicht sogar ein Anreiz für viele, endlich wieder zusammen mit anderen Menschen in geschlossenen Räumen zu sein? Denn da kann man sicher sein, alleine unter Genesenen und Geimpften zu sein.

Michow: Ja, das ist sicherlich so. Wir haben im Frühjahr dieses Jahres für Konzerte, die jetzt oder Anfang nächsten Jahres stattfinden sollen, festgestellt, dass es eine sehr große Zurückhaltung bei den Konzertbesuchern gibt. Da ist sicherlich das 2G-Angebot für viele sehr reizvoll, weil es eine gewisse Sicherheit gibt. Nun geht es aber weiter: Wir reden jetzt nicht mehr nur über 2G, sondern über 2G plus, was bedeutet, dass jeder, der geimpft oder genesen ist, auch noch ein Zertifikat mitbringen muss, aus dem hervorgeht, dass er negativ getestet wurde. Und da wird es schon problematisch, weil viele Menschen sagen: "Das jetzt auch noch! Wann soll ich denn das noch machen?"

Das zweite Problem ist, dass das noch nicht überall kostenlos ist - auch das ist eine weitere Hemmschwelle. Es ist leider so, dass die jetzige Entwicklung wieder ein Hemmschuh wird für das kleine Flämmchen, das da aufflackerte und uns ein bisschen Perspektive am Horizont erscheinen ließ.

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Inwiefern sind denn überhaupt vor Ort die Bedingungen geschaffen, dass man alles überprüfen könnte?

Michow: Konzertveranstalter sind schon seit vielen Jahren gewohnt, Kontrollen an den Eingangstüren durchzuführen. Wir haben in diesem Land die Terrorsituation überlebt, ohne dass es Anschläge auf Konzerte gab. Das ist natürlich eine Personalfrage, die sich auch auf den Ticketpreis auswirken wird. Aber wir können das händeln.

Wir haben nur große Sorge, dass die steigenden Inzidenzen und die Verzweiflung der Politik dem zu begegnen, dazu führen, dass es noch weitere Maßnahmen gibt. Alles, was über 2G - bei 2G plus haben wir schon ein Problem - hinausgeht, das könnte dann wirklich der Todesstoß für diese Branche sein. Wir sind der Wirtschaftszweig, der nun seit 20 Monaten so gut wie keine Einnahmen erwirtschaften kann. Wir haben immer wieder gesagt: "Gebt uns eine Perspektive! Wir sind bereit, alles umzusetzen, wir sind es gewohnt, so etwas umzusetzen - sicherlich besser als viele andere Wirtschaftsbetriebe. Aber mehr geht auch nicht." Wir sind ziemlich verunsichert, denn wir hatten uns gerade auf 2G eingestellt, und haben dann festgestellt, dass mit 2G doch nicht alles geht. Das ist alles relativ problematisch. Es darf nur nicht noch schlimmer werden.

Am Donnerstag gibt es wieder ein Bund-Länder-Treffen in Sachen Corona. Was würden Sie sich von dort für ein Signal wünschen?

Michow: Wir möchten alle wieder zurück zu der Zeit, wo wir unser Geld noch alleine verdienen konnten. Wir sind eine Branche, die, solange ich zurückdenken kann, keine wirtschaftlichen Hilfen in Anspruch genommen hat. Wir haben gutes Geld verdient, wir haben unsere Steuern bezahlt, und wir würden das gerne wieder haben. Und wir würden vor allen Dingen diesen Unsicherheitsfaktor, mit dem wir schon seit so langer Zeit leben, ad acta legen können.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 17.11.2021 | 18:00 Uhr

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