Stand: 29.04.2019 12:03 Uhr

Morbus Bechterew: Übungen gegen Beschwerden

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Bei Verdacht auf Morbus Bechterew untersucht der Arzt die Beweglichkeit der Wirbelsäule.

Rückenschmerzen sind unter Erwachsenen sehr verbreitet. Meist sind sie harmlos und verschwinden nach Tagen oder Wochen wieder. Doch bei etwa fünf Prozent der Menschen mit chronischen Rückenschmerzen - oft Männern - steckt mehr dahinter: Morbus Bechterew, eine besondere Form von entzündlichem Rheuma. Diese Krankheit tritt meist zwischen der Pubertät und dem 30. Lebensjahr erstmals auf, die Häufigkeit liegt hierzulande bei etwa fünf Betroffenen auf 1.000 Einwohner. Bei dieser Autoimmunerkrankung attackieren körpereigene Abwehrzellen gesundes Skelettgewebe - meist zuerst in den Kreuz-Darmbein-Gelenken. Unter Umständen bilden sich dadurch schmerzhafte Knochenwucherungen bis hinauf in die Wirbelsäule.

Die Krankheit verläuft in Schüben und bei jedem Patienten anders: bei manchen so mild, dass sie nicht einmal eindeutig diagnostiziert wird, bei anderen ist sie so aggressiv, dass ein Leben ohne Schmerzmittel kaum möglich ist. Entzündungen der Wirbelgelenke können dazu führen, dass sich die Gelenke versteifen und der Rücken unbeweglich wird. Manchmal verkrümmt sich auch die Wirbelsäule, was zu einer stark nach vorne übergebeugten Körperhaltung führt. Die Krankheit verringert oft auch die Dichte der Knochenmasse, sodass es zu Osteoporose kommen kann. Bei manchen Betroffenen wird die Beweglichkeit des Brustkorbs und damit die Atmung beeinträchtigt.

Gelegentlich treten Augenentzündungen oder entzündliche Darmerkrankungen begleitend auf. In sehr seltenen Fällen betrifft die Krankheit auch andere Organe, zum Beispiel die Lunge, die Niere, das Herz oder die Hauptschlagader (Aorta). Ist das Herz in Mitleidenschaft gezogen, können Herzklappenfehler entstehen.

Ursache

Bei Morbus Bechterew richtet sich das Immunsystem gegen körpereigene Zellen. Die Ursachen dafür sind noch nicht eindeutig geklärt. Vermutlich muss eine Infektion mit bestimmten Bakterien das Abwehrsystem des Körpers zu einer überschießenden Reaktion reizen und mit einer erblichen Veranlagung zusammentreffen, um die Krankheit auszulösen.

Was passiert bei Morbus Bechterew?

Symptome

Oft beginnt die Krankheit im Bereich der Kreuzbein-Darmbein-Gelenke (Iliosakralgelenke). Dabei handelt es sich um eine relativ unbewegliche gelenkartige Verbindung aus Kreuzbein und Darmbein, die von Bändern versteift wird. Betroffene spüren immer wieder Schmerzen im unteren Rücken und im Gesäß, besonders bei längerem Sitzen. In der Regel sind die Schmerzen bei Ruhe am schlimmsten (vor allem nachts) und bessern sich bei Bewegung. Oft berichten Betroffene auch über eine morgendliche Steifigkeit der Gelenke, die sich durch Bewegung bessert. Im Krankheitsverlauf können die Wirbelsäule und der Brustkorb zunehmend unbeweglich werden. Wenn sich ein steifer Rundrücken ausbildet, ist die Krankheit bereits weiter fortgeschritten.

Bei knapp der Hälfte der Betroffenen entzündet sich die mittlere Augenhaut, sodass das Auge schmerzt, lichtempfindlich und gerötet ist.

Diagnose

Da "ganz normale" Rückenschmerzen das erste Symptom sind, wird die Diagnose Morbus Bechterew häufig erst nach fünf bis zehn Jahren gestellt. Bei Verdacht ist ein Besuch beim Rheumatologen ratsam. Der Arzt erkundigt sich nach Beschwerden und Vorerkrankungen, untersucht die Beweglichkeit der Wirbelsäule und misst ihre Krümmung. Außerdem prüft er, ob bei bestimmten Bewegungen Schmerzen auftreten. Mit einem speziellen Handgriff kann ein Rheumatologe feststellen, ob das Kreuzbein-Darmbein-Gelenk entzündet ist. Eine Magnetresonanztomografie (MRT) kann frühe Krankheitszeichen wie Entzündungen sichtbar machen.

Besteht die Krankheit schon länger, finden sich auch auf Röntgenaufnahmen Hinweise, zum Beispiel typische Verknöcherungen an der Wirbelsäule. Im Röntgenbild sieht man dann eine sogenannte Bambusstab-Wirbelsäule: Die Knochenüberwucherungen zwischen den Wirbelkörpern versteifen diese so wie ein Bambusstab. Und das Röntgenbild zeigt eine Wirbelsäule vergleichbar mit einem Bambusstab.
Eine Blutuntersuchung ergänzt die Diagnostik. Wird dabei das Erbmerkmal HLA-B27 nachgewiesen, ist eine Morbus-Bechterew-Erkankung wahrscheinlich. Das Erbmerkmal lässt sich anhand eines speziellen Eiweißes auf der Oberfläche der weißen Blutkörperchen nachweisen. Das ist bei mehr als 90 Prozent aller Betroffenen mit Morbus Bechterew der Fall.

Eine Aussage über die Aktivität der entzündlichen Schübe liefert der sogenannte BASDAI (Bath Ankylosing Spondylitis Disease Activity Index): Aus Angaben zu Schmerzen, Schwellungen in den Gelenken sowie zur Morgensteifigkeit errechnet sich ein Punktwert (Index). Liegt der über 4, ist die Krankheit aktiv.

Therapie mit Medikamenten

Wie die meisten rheumatischen Erkrankungen zählt Morbus Bechterew zu den chronischen Krankheiten. Betroffene können ihren Krankheitsverlauf aber verlangsamen oder sogar ganz zum Stillstand bringen. Besonders günstig ist die Prognose, wenn sie frühzeitig eine moderne medikamentöse Therapie beginnen. Deshalb sollten Menschen mit mehr als drei Monate andauernden, tief sitzenden Rückenschmerzen nicht zögern, einen Rheumatologen aufzusuchen. Der Facharzt wird zusammen mit den Erkrankten einen Behandlungsplan erarbeiten, der auf entzündungshemmende Medikamente setzt.

Um Entzündungen einzudämmen und Schmerzen zu lindern, kommen bei Morbus Bechterew verschiedene Arzneien zum Einsatz, unter anderem können das Kortison oder TNF-alpha-Blocker sein. Der Signalstoff TNF (Tumornekrosefaktor) ist an der Steuerung des Immunsystems beteiligt. Wird er blockiert, können Entzündungen gehemmt werden, der Körper wird allerdings anfälliger für Infekte. Wird das Mittel abgesetzt, kommt die Entzündung sofort wieder. Und: Das Medikament wirkt nicht ewig, oft lässt die Wirkung nach. Bis zu 25.000 Euro kostet so eine Behandlung im Jahr, wird aber von den Krankenkassen übernommen.

Ernährung bei Morbus Bechterew

Eine spezielle entzündungshemmende Ernährung ist eine wirkungsvolle zusätzliche Strategie. Fleisch, vor allem verarbeitetes Fleisch wie Wurst, sollte nur noch selten auf den Tisch kommen, weil es viel entzündungsfördernde Arachidonsäure enthält. Entzündungshemmend wirken dagegen gute Fette, insbesondere Omega-3-Fettsäuren - etwa in fettem Fisch wie Hering, Lachs, Makrele, Thunfisch oder in omega-geschützt hergestelltem Leinöl, am besten in Kombination mit antioxidativ wirkendem Weizenkeimöl und DHA (Docosahexaensäure) - und in pflanzlichen Mineralstoffen und Antioxidantien. Gerade die Stängel und Blätter, die wir beim Kochen wegwerfen, sind besonders reich an diesen wertvollen Stoffen und lassen sich wunderbar zu grünen Smoothies verarbeiten. Diese Ernährung schützt auch das Herz. Positiv für die Köperabwehr sind auch Proteine. Die Eiweiße sind zum Beispiel in Magerquark enthalten.

Bewegung bei Morbus Bechterew

Ausreichend Bewegung ist eine weitere Säule der Behandlung: Spezielle Gymnastik hält die Wirbelsäule beweglich und wirkt Versteifungen entgegen. Sportarten wie Rückenschwimmen, Wandern und Radfahren können ebenfalls unterstützend wirken, rückenbelastender Sport sollte dagegen vermieden werden. Auch im Beruf sollten Betroffene nach Möglichkeit alle Tätigkeiten lassen, bei denen sie sich viel nach vorne beugen müssen. Im Idealfall können sie am Arbeitsplatz zwischen Sitzen, Gehen und Stehen wechseln.

Operation bei Osteoporose durch Morbus Bechterew

Kommt es im fortgeschrittenen Krankheitsstadium zur Osteoporose, ist es besonders wichtig, das Sturzrisiko klein zu halten. Bei besonders schweren Fällen von Morbus Bechterew werden Betroffene auch operiert, zum Beispiel bei versteiftem Rücken, Wirbelbrüchen oder Lähmungen. Manchmal ist der Ersatz eines entzündlich veränderten Hüftgelenks durch eine Prothese nötig.

Hilfe und Beistand finden Betroffene auch in zahlreichen Selbsthilfegruppen.

Weitere Informationen

Ernährung bei Morbus Bechterew

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Experten zum Thema

Prof. Dr. med. W.-J. Mayet
Geschäftsführender Ltd. Arzt ZIM
Chefarzt für die Bereiche: Internistische Intensivstation, Nephrologie, Rheumatologie, Klinische Immunologie, Zentrallabor
Nordwest-Krankenhaus Sanderbusch gGmbh
Am Gut Sanderbusch 1
26452 Sande
Tel. (04422) 800
www.sanderbusch.de

Gabriela Riemekasten, Klinikdirektorin
Klinik für Rheumatologie und klinische Immunologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck
Tel. (0451) 50 04 52 14
www.uksh.de/rheuma-luebeck

Weitere Informationen
Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew e. V.
www.bechterew.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 30.04.2019 | 20:15 Uhr

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