Stand: 05.10.2020 16:35 Uhr

Für wen sind Lebensmittel ohne Gluten sinnvoll?

Brötchen mit Getreideähren © fotolia Foto: photocrew
Einige Menschen vertragen keine Weizenprodukte.

Der Umsatz an glutenfreien Lebensmitteln steigt, obwohl die Produkte bis zu fünfmal teurer sind als herkömmliche Lebensmittel. Das Klebereiweiß Gluten ist ein natürlicher Bestandteil vieler Getreidesorten. Es steckt im Inneren des Saatkorns. Dort liefert es den keimenden Pflanzen Aminosäuren und Eiweißstoffe, die sie zum Wachsen brauchen. Die meisten Getreidesorten sind glutenhaltig, zum Beispiel Weizen, Roggen, Dinkel und Gerste. Komplett auf Gluten verzichten müssen nur Menschen mit einer nachgewiesenen Zöliakie.

Zöliakie: Antikörper gegen Gluten greifen den Darm an

Bei einer Zöliakie produziert das Immunsystem Antikörper, die das Gluten angreifen - aber leider auch den Darm, wo sie empfindliche Zellen zerstören. Etwa ein Prozent der Bevölkerung ist betroffen. Meist leiden Zöliakiepatienten unter Verdauungsbeschwerden und Nährstoffmangel, werden immer dünner und schwächer. Andere Symptome wie Müdigkeit und verminderte Fruchtbarkeit, psychiatrische Erkrankungen oder Migräne lassen sich ebenfalls mit der Zöliakie in Verbindung bringen. Eine Heilung gibt es nicht. Die Betroffenen müssen lebenslang auf Weizen und andere glutenhaltige Lebensmittel verzichten. Bereits kleinste Spuren von Gluten sind schädlich.

Weizensensitivität: Erschöpfung und Müdigkeit

Auf Weizenmehl verzichten sollten Menschen, die an einer Weizensensitivität leiden - das sind bis zu fünf Prozent der Deutschen. Anzeichen sind Erschöpfung, Müdigkeit und Überlastung. Früher nannte man das Krankheitsbild auch Glutensensitivität. Doch neue Studien zeigen, dass Bestandteile aus dem Weizen die Sensitivität auslösen könnten - sogenannte ATIs zum Beispiel, natürliche Insektenabwehrstoffe der Pflanze.

Kleine Mengen sind für Menschen mit Weizensensitivität meist kein Problem. Doch wenn sie weitgehend auf Weizen verzichten, geht es ihnen besser.

Auch Kohlenhydrate können krank machen

Aber auch Kohlenhydrate stehen im Verdacht, Entzündungen auszulösen: spezielle Zuckerverbindungen (FODMAPs), die vom Dünndarm schlecht aufgenommen werden. Sie stecken in Früchten, Gemüse, Kuhmilch und in Brot.

Verdauungsprobleme sind die Folge, nicht selten aber auch andere Beschwerden wie Gelenk- oder Kopfschmerzen. Die Diagnostik ist schwierig, denn nachweisen lässt sich die Erkrankung nur durch Weglassen weizenhaltiger Produkte.

Ernährungsmediziner aus Lübeck haben eine Studie abgeschlossen, in der sie Menschen mit Reizdarm-Syndrom unterschiedliche Brote zu essen gaben. Das eine gebacken mit handelsüblichem Weizenmehl mit hohem FODMAP-Anteil. Das andere mit einem speziell entwickelten Mehl mit geringerem FODMAP-Anteil. Die Reizdarm-Patienten, die das Low-FODMAP-Brot bekommen haben, haben deutlich weniger mit diesem aufgeblähten Bauch reagiert. Das bedeutet, es wurde insgesamt besser vertragen.

"Glutenfrei" kann Diabetes-Risiko erhöhen

Für Gesunde können glutenfreie Produkte Nachteile haben: Eine Studie hat gezeigt, dass Menschen, die Gluten meiden, ein erhöhtes Risiko zur Entwicklung von Diabetes Typ 2 haben. Verzichtet man beispielsweise ohne Grund auf Vollkornbrot, meidet man automatisch gesunde Ballaststoffe, die auch wichtig für ein gesundes Herz sind und einen positiven Einfluss auf den Blutdruck haben.

Inhaltsstoffe in glutenfreien Lebensmitteln

Viele glutenfreie Lebensmittel enthalten beispielsweise Stärke, Mais, Zucker, Fett, Verdickungsmittel und Ascorbinsäure. Die Inhaltsstoffe sollen für eine angenehme Konsistenz sorgen oder dienen als Konservierungsmittel.

Im Vergleich zu herkömmlichen, glutenhaltigen Produkten fehlen oft Vitamine und Ballaststoffe, zum Beispiel Vitamin B 12, Zink, Folsäure und Magnesium.

Teure glutenfreie Ersatzprodukte

Glutenfreie Nahrungsmittel sind teurer als ihr entsprechende glutenhaltige Lebensmittel. In einer Stichprobe hat Markt die Preise von sechs Produkten mit und ohne Gluten verglichen, darunter Fischstäbchen, Nudeln und Kekse. Den größten Preisunterschied hat Markt beim Schnittbrot festgestellt: Dieselbe Menge Brot kostete in der glutenfreien Variante mehr als das Fünffache.

Ursachen für Preisunterschiede

Glutenfreie Produkte kosten mehr, weil die Auswahl der Rohstoffe und Reinigungsprozesse in der Herstellung aufwendiger sind. Dennoch findet es die Deutsche Zöliakie-Gesellschaft ungerecht, dass Zöliakie-Kranke für ihre Nahrungsmittel mehr bezahlen müssen als Menschen ohne Zöliakie. Finanzielle Unterstützung gebe es für Hartz-IV-Empfänger und für Menschen mit einem Behinderungsgrad von 30 Prozent - die Zöliake werde aber nur mit einem Grad von 20 Prozent anerkannt.

Die Forderung nach Zuschüssen lehnt der Spitzenverband Bund der Krankenkassen ab. Auf Anfrage von Markt schreibt der Verband, glutenfreie Nahrung sei "kein Arzneimittel". Nach einem Urteil des Bundessozialgerichts zahlten die gesetzlichen Krankenkassen zudem nur für Maßnahmen, "die gezielt der Krankheitsbekämpfung dienen. Mehrkosten (...), die der Versicherte im täglichen Leben wegen der Krankheit hat, sind der allgemeinen Lebenshaltung zuzurechnen".

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Visite | 05.10.2020 | 20:15 Uhr

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