Am Morgen vorgelesen

Die Sonnabend-Story: Herzzeit

Samstag, 18. April 2020, 08:30 bis 09:00 Uhr

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Ingeborg Bachmann

Die unheilvollste Liebesgeschichte in der deutschsprachigen Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts" nennt der Kritiker des Berliner „"Tagesspiegel" 2008 die Beziehung zwischen der Österreicherin Ingeborg Bachmann und dem aus der Bukowina stammenden Juden Paul Celan, der sich vor fünfzig Jahren in der Pariser Seine das Leben genommen hat. Celans Eltern starben in einem deutschen Vernichtungslager; er überlebte, weil er sich 1942 zum rumänischen Arbeitsdienst gemeldet hatte. Celan ist gerade erst in Wien eingetroffen, als er Ingeborg Bachmann kennenlernt. Sie ist sechs Jahre jünger als er, Tochter eines früh in die NSDAP eingetretenen Lehrers. Sie ist einundzwanzig, eine umschwärmte junge Frau, Philosophiestudentin und aufstrebende Dichterin. Die beiden erleben eine kurze Zeit des Glücks, bevor Celan in seine neue Wahlheimat Paris weiterzieht. Ab Juni 1948 beginnt der Briefwechsel, der erst 1963 versiegt. Er wurde lange unter Verschluss gehalten, weil die Familien der Dichter ihn als zu intim erachteten. 2008 wurden die Briefe als Buch unter dem Titel "Herzzeit" herausgegeben.

Bachmann und Celan teilen die Überzeugung, dass Dichtung ohne den poetischen Verweis auf den Holocaust nicht mehr möglich ist. Ihre Liebesgeschichte hat etwas schicksalhaft Auswegloses. 1957 lebt die Liebesbeziehung noch einmal auf, scheitert 1961 aber komplett. Der Austausch der beiden bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker nach dem Ende des 2. Weltkriegs ist ein Kampf gegen das Verstummen, ein existentielles Ringen um die deutsche Sprache im Angesicht der historischen Katastrophe und ein schmerzhafter Versuch der Verständigung in der intimen Beziehung.

Unsere Auswahl beginnt im August 1949 und endet Ende Juni 1951.