Stand: 23.01.2019 10:34 Uhr

Tierliebe: Hitzige Debatte bei NDR Kultur kontrovers

von Alexandra Friedrich

Wir jagen Tiere, züchten sie, töten sie, essen sie auf. Seit Jahrtausenden. Vergehen wir uns damit an der Kreatur oder handeln wir im Sinne der Natur? Wann wird aus vermeintlicher Tierliebe Tierquälerei? Um derartige Fragen dreht sich unsere aktuelle NDR Debatte. In der Sendung NDR Kultur kontrovers hatte Moderator Ulrich Kühn zwei Diskutanten geladen, die darauf sehr unterschiedliche Antworten gefunden haben.

Zwischen Hilal Sezgin und Dr. Florian Asche scheinen Welten zu liegen. Sezgin ist Publizistin, Philosophin und Autorin - lebt zusammen mit 40 Schafen auf ihrem Lebenshof in Lüneburg, ernährt sich vegan und setzt sich für Tierrechte ein: "Wir stehen uns ja sehr nah im Tierreich. Und ich denke, diese Art von darwinistischer Verwandtschaft müssen wir einfach endlich auch in die Moral holen und auf die Bedürfnisse und Gedanken der Tiere eben auch Rücksicht nehmen."

Asche ist Rechtsanwalt und Buchautor aus Hamburg, passionierter Jäger und vehementer Verteidiger des Fleischkonsums: "Frau Sezgin sagt, Tiere haben eigene Gedanken. Wie lassen sich Gedanken darstellen ohne Sprache? Tiere haben keine Sprache. Rechte gehören dorthin, wo sie auch wahrgenommen werden können. Das Recht ist eine Geburt des Menschen - und zwar nur zwischen Menschen."

Punktuelle Übereinstimmung trotz elementarer Unterschiede

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Hilal Sezgin entdeckt in mancher Tierfreundschaft menschlichen Eigennutz und hält die "Grenze zwischen Menschen und nicht-menschlichen Tieren" für durchlässig.

Doch selbst bei solch elementar unterschiedlichen Perspektiven finden sich Punkte der Überschneidung. Einig sind sich Sezgin und Asche etwa in Fragen der Vermenschlichung von Tieren - dem Hund Designerklamotten zu kaufen, komme nicht infrage: "Wir kaufen ja diesen Mantel letztlich nicht für das Tier", stellt Sezgin fest, woraufhin Asche ergänzt: "Da bin ich tatsächlich bei ihr: dass das Tier angeblich gut behandelt wird, allerdings natürlich nicht um des Tieres Willen, sondern als Abbild des Menschen."

War früher vieles besser?

Beide bemerken auch, dass die Landwirtschaft von vor 100 Jahren in unserer Gesellschaft häufig idealisiert und als pures Idyll der heutigen Massentierhaltung entgegengestellt wird: "Der kleine Bauernhof: goldig. Und das Leben des Bauern in Einklang mit den Tieren! Das wird ja alles sehr stark folklorisiert und romantisiert", meint Asche, ehe ihm Sezgin nun beipflichtet: "Und da stimme ich Herrn Asche zu. Tierhaltung war auch vorher oft grausam und wo der gewaltsame Tod ins Spiel kommt, würde ich sagen: Kein Tier will so sterben."

Leidenschaftlich geführte Debatte

Konsens in Detailfragen gestehen die Philosophin und der Jurist zwar ein - aber nur zähneknirschend. Ihre sehr konträren Grundsätze verteidigen sie hingegen mit Inbrunst und Leidenschaft.

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Dr. Florian Asche ist Jäger und hält wenig davon, im Tier "die eigenen Gedanken und Gefühle wiederzuerkennen".

"Wir sollten sie nicht töten, sie nicht gewaltsam behandeln, einsperren, verstümmeln, ihnen die Schwänze kupieren, ihnen die Zähne abschleifen - all das, was wir Nutztieren antun. Und wir sollten sie nicht erschießen, so wie wir es bei der Jagd tun", meint Sezgin und führt weiter aus: "Der Tod ist uns gemeinsam, aber das Töten - da haben wir Menschen eine ganz andere Möglichkeit zu sagen, wir wollen uns friedlich auf dieser Welt verhalten."

Asche erwidert daraufhin: "Selbst wenn Sie sich noch so gutmenschenmäßig über Körner ernähren, die Sie anpflanzen - sie können das Töten nicht verhindern. Das Wildtier stirbt auch so. Es stirbt entweder an einer Seuche, es wird von einem Beutegreifer gegriffen, es wird aufgefressen ... "

"Das ist aber beim Menschen auch so", fällt ihm Sezgin ins Wort und argumentiert: "Der gewaltsame Tod eines Menschen trifft natürlich einen Menschen, der ansonsten auch gestorben wäre. Trotzdem ist es ein Unterschied, ob Herr Kühn mich jetzt gleich erschlägt und auffuttert, oder ob - ich weiß nicht, wie viele Jahre ich noch habe - aber das ist eben der wesentliche Unterschied."

Am Ende hat niemand irgendwen erschlagen geschweige denn aufgefuttert, aber NDR Kultur kontrovers ist letztlich seinem Namen gerecht geworden.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur kontrovers | 23.01.2019 | 07:20 Uhr