Das Gespräch

Mit Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk

Samstag, 12. Oktober 2019, 18:00 bis 18:30 Uhr

Die Autorin Olga Tokarczuk steht vor einer Bücherwand und blickt in die Kamera. © NDR Foto: Amelia Wischnewski

Nobelpreisträgerin Tokarczuk im Gespräch

NDR Kultur - Das Gespräch -

Sie ist am Donnerstag zur Literaturnobelpreisträgerin gekürt worden: Olga Tokarczuk. NDR Kultur traf die Polin zum Exklusivinterview kurz nach der Bekanntgabe ihrer Auszeichnung.

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"Irgendwo zwischen Berlin und Bielefeld auf der Autobahn" sei sie gewesen, als der Anruf aus Schweden sie erreicht hat, sagte die am Donnerstag gekürte Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Tags darauf konnte sich Amelia Wischnewski exklusiv für "Das Gespräch" auf NDR Kultur mit der Polin unterhalten - unter erschwerten Bedingungen, denn ein Nobelpreis, so viel ist sicher, verändert das Leben derer, die ihn bekommen, lange vor der Preisverleihung.

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Die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk mit NDR Kultur Reporterin Amelia Wischnewski.

Gratulation zu diesem Preis, Frau Tokarczuk! Seit Donnerstag ist nichts mehr, wie es vorher war. Können Sie uns erzählen, was in den letzten 24 Stunden passiert ist?

Olga Tokarczuk: Ich habe es um Schlag 13 Uhr von der Schwedischen Akademie per Telefon erfahren. Mein Mann und ich saßen im Auto von Berlin nach Bielefeld zu meiner Lesung und mussten erstmal rechts ranfahren. Und von da an erinnere ich mich nur noch an einen verschwommenen Wirbel aus Menschen, Interviews und Fragen.

Nur wenige Menschen auf der Welt werden dieses Gefühl jemals kennenlernen. Wie haben Sie sich gefühlt, als die Akademie Sie anrief?

Tokarczuk: Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen. Ich fühle mich nicht besonders. Entweder diese Information ist noch nicht richtig angekommen, oder ich gehe unspektakulär damit um. Ich habe einfach den Nobelpreis bekommen. Ich glaube, ich muss mich erst noch an den Gedanken gewöhnen.

Sie haben Dreadlocks, sind Feministin, essen kein Fleisch. In gewissem Sinne sind Sie Staatsfeindin Nummer eins für die derzeitige polnische Regierung. Welche offiziellen Reaktionen gab es denn bisher?

Tokarczuk: Ich bekomme eine immense Freude in Polen mit: Breslau, wo ich ja lebe, schenkt allen Einwohnern, die ein Buch von mir lesen, bis Sonntag freie Fahrt in Bussen und Bahnen. Das ist so berührend! Es ist wie eine Art poetische Performance. Oder: Vor Krakau soll ein Wald gepflanzt werden, der den Namen meines Buches “Ur und andere Zeiten” trägt. Solche spontanen und fantasievollen Aktionen zeigen, wie sehr die Polen diesen Preis feiern. Andererseits wollte man mich von politischer Seite her zurechtweisen. Der Vize-Premier hat gesagt, dass Künstler sich nicht in die Politik einmischen sollten, die Politik sei Politikern vorbehalten. Das kommt mir doch wie eine recht unüberlegte Aussage vor: Schließlich gehört die Politik doch den Bürgern, nicht den Politikern, nicht wahr? Ich habe noch nicht die Reaktion im propagandistischen Staatsfernsehen gesehen. Ich versuche, mich auf die Freude zu konzentrieren.

Ihr neuestes Buch „Die Jakobsbücher” ist vor wenigen Tagen auf Deutsch erschienen. Es geht darin viel um Religion. Sind Sie selbst gläubig?

Tokarczuk: Ich gehöre keiner formellen Religion an. Aber ich würde mich auch nicht als Atheistin bezeichnen. Das ist kompliziert und sehr intim.

Obgleich die Geschichte, die Sie im Buch erzählen, 250 Jahre alt ist, haben Sie in Polen Morddrohungen erhalten und brauchten Leibwächter, als Sie sie veröffentlicht haben. Was hat die Polen derart getroffen an dieser Geschichte?

Tokarczuk: Diese Hass-Reaktion hat sich nicht unmittelbar auf das Buch bezogen, sondern auf meine Aussage im Fernsehen, dass die Polen sich auch den dunklen Kapiteln in ihrer Geschichte stellen müssen. Auch Polen haben Juden ermordet, es gab den Kolonialismus im Osten, den feudalen Frondienst der Landbevölkerung, der sehr an Sklaverei erinnert. So habe ich das auch genannt, und das hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Man hat mir vorgeworfen, ich würde lügen und mein Land verraten. Das Buch widerspricht der offiziellen Erzählung vom monoethnischen, heldenhaften Polen, in dem die Polen immer nur Opfer, aber nie Täter sind.

Jedes Buch, das Sie schreiben, ist komplett anders. Der Regisseur Stanley Kubrick hat es sich damals zum Ziel gesetzt, dass keiner seiner Filme dem anderen gleichen sollte. Haben Sie das auch?

Tokarczuk: Stanley Kubrick ist eine echte Inspiration. Ich liebe solche Herausforderungen, die sich ein Künstler selbst setzt. Ich bin ein Mensch, der sich schnell langweilt. Ich möchte nie von mir selbst gelangweilt sein.

Was für ein Kind waren Sie und welche Erinnerungen haben Sie an ihre Kindheit?

Tokarczuk: Meine Eltern waren Lehrer an einem Internat auf dem Land. Ich war ein einsames Kind, bevor ich auf die Schule kam. So war ich viel unter Erwachsenen. Und ich war viel draußen in der Natur. Diese starke Naturverbundenheit schlägt sich heute in meinen Büchern nieder.

Was haben Ihre Eltern ihnen fürs Leben mitgegeben?

Tokarczuk: Ein riesiges Interesse für Literatur. Einen Teil meiner Kindheit habe ich in der Bibliothek verbracht. Ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass Bücher eine Alternative zum realen Leben sind. Ich glaube, dass dieser Sprung in die Literatur für mich sehr wichtig war: Bücher waren mein Fenster in die Welt, als ich im ländlichen, kommunistischen Polen der 1960er Jahre aufgewachsen bin.

Nach der Schule haben Sie klinische Psychologie studiert. Warum?

Tokarczuk: In der Oberschule habe ich zum ersten Mal Freud gelesen. Das hat mir eine völlig neue Weltsicht eröffnet: dass die Realität etwas ist, was wir interpretieren können, dass wir sie auf unterschiedliche Arten lesen können. Ich glaube, das war ein Erweckungs-Moment für mein jugendliches Ich. Und das hat mein Interesse für Psychologie geweckt.

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Was ist dann passiert? Nach ihrem Studium haben Sie noch ein halbes Jahr gearbeitet, dann war Schluss. Hatten Sie eine Krise?

Tokarczuk: Ich glaube, das, was ich hatte, würde man heute Burnout nennen. Ich habe sehr viel und mit schwierigen Fällen gearbeitet, ich habe alles von mir in die Arbeit mit den Patienten gesteckt. Und geschrieben habe ich schon immer. Ich habe verstanden, dass ich entweder arbeiten oder schreiben kann. Und dann hat mich die Literatur verschluckt.

Nun schaut man dieser Tage ganz besonders auf Sie. Am Sonntag sind Parlamentswahlen in Polen. Gehen Sie hin?

Tokarczuk: Aber selbstverständlich! Ich habe meinen Wahlzettel mit und werden in Dortmund oder Düsseldorf wählen gehen.

Die aktuellen Umfragen deuten darauf hin, dass die regierende PiS Partei die Wahlen erneut gewinnen wird. Was halten Sie davon?

Tokarczuk: Diese Wahlen sind schrecklich wichtig, für mich persönlich, aber auch für alle Polen. Sollte die Pis gewinnen, wäre das dramatisch. Denn die PiS baut an einem Staat, der sich nicht mehr an demokratischen Werten orientiert. Sie strebt einen autoritären Staat an. Das ist anachronistisch und passt nicht in unsere heutige Zeit. Das bereitet mir große Sorgen.

Sie sagen aber auch von sich, dass Sie eine Optimistin sind. Erklären Sie uns, wie man die aktuelle politische Lage in Polen optimistisch betrachten kann.

Tokarczuk: Wissen Sie was: Wenn man ein Buch über Jahre schreibt, braucht man Optimismus. Man muss daran glauben, dass es klappt. Aber wenn es um die aktuelle Weltlage geht, bin ich gar nicht optimistisch. Ich glaube allerdings an den Selbsterhaltungstrieb der Menschen und daran, dass Menschen wie Greta Thunberg, die ich übrigens wahnsinnig schätze, wichtig sind. Wir sind Zeugen eines gesellschaftlichen Sinneswandels. Lassen Sie uns noch kurz abwarten. Vielleicht ergibt sich doch noch etwas Positives daraus.

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