Stand: 02.06.2020 12:38 Uhr

"Leben ist tödlich": Death Café in Hannover

von Andrea Schwyzer

In Hannover Linden gibt es eine Galerie, die nicht nur bemerkenswerte Kunst zeigt, sondern mit dem Ausstellungsraum vor allem eines möchte: das Tabu-Thema Tod zum Gespräch machen. Das soll nicht nur mit Kunst, sondern auch mit einem sogenannten Death Café gelingen. "Death Cafés" werden seit einigen Jahren überall auf der Welt angeboten - nun auch in Hannovers Galerie "Metavier".

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Sven Cordes im "Death Café"

Die schwere Holztür zur Galerie Metavier versteckt sich hinter Schlingpflanzen. An der Ecke vorne tobt das Leben - dort, am Lindener Marktplatz. Ein großgewachsener Mann mit gepflegtem Bart führt durch das Tor in ein grünes Kleinod. Jack, der schwarz-weiße Terrier tapst voraus. Der Ort seiner Kunstgalerie ist sinnbildlich, sagt Sven Cordes: "Der Tod ist in der Mitte der Gesellschaft, er ist allgegenwärtig. Und doch ist er tabuisiert, stigmatisiert, wird verdrängt. Und genau so sieht es aus mit unserer Lage hier am Lindener Markt. Wir sind mitten am Lindener Markt hier und doch in einem verwunschenen Hinterhof, etwas versteckt."

Kleenex-Box auf dem Tisch wirkt für Cordes übergriffig

Kopfhörer © fotolia.com Foto: Nejron Photo

"Leben ist tödlich": Death Café in Hannover

NDR Kultur Journal

In Hannover Linden gibt es eine Galerie, die nicht nur Kunst zeigt, sondern vor allem das Tabu-Thema Tod zum Gespräch machen möchte. Am besten bei Kaffee und Kuchen.

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Sven Cordes ist Bestatter in dritter Generation. Sein Großvater hat das Unternehmen 1934 in Hannover Empelde gegründet. Der Enkel ist schon seit einigen Jahren dabei, die vorgetretenen Pfade zu verlassen.

"Wenn Sie ein Bestattungshaus anschauen, haben Sie da normalerweise eine Kleenex-Box auf dem Tisch stehen. Wenn ich dort als Betroffener reinkäme, ich würde auf dem Absatz wieder kehrt machen", erklärt Cordes und fügt hinzu: "Weil ich ganz genau wüsste: Das ist ja alles für mich - die gehen davon aus, ich muss trauern, wenn ich dort reinkomme. Und das ist viel zu übergriffig, viel zu verknöchert und alt: mit den Häkelgardinen, mit dem Mann im schwarzen Anzug, der reinkommt und 'Mein Beileid' sagt. Das ist alles zugeschnitten auf eine bestimmte Zielgruppe, auf eine bestimmte Altersklasse. Aber diese Zielgruppe - und das mag jetzt makaber klingen - stirbt aus."

In Gips gegossene Esswaren

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Schwarze Farben oder Taschentücher sucht man hier vergebens.

Cordes selbst trägt einen grau-karierten Anzug und Weste, schicke braune Lederschuhe, rote Socken und eine dazu passende Krawatte: "Niemand beschäftigt sich gerne und freiwillig mit dem Tod. Und das wollen wir ändern, indem wir gesagt haben, das hier ist nicht nur ein Bestattungsunternehmen, sondern das ist auch eine Kunstgalerie - hier, inmitten der Kunstausstellung, wo wir sitzen, finden Trauergespräche statt.

Lachen und Weinen, beides soll möglich sein. An diesem langen Tisch, auf dem aktuell eine Gips-Assemblage des Hannoveraner Künstlers Edin Bajrić zu sehen ist - "Weiße Esswaren":

"Gemüse, Obstsorten, aber zum Teil auch Fleisch wie Hähnchenschenkel oder den Kalbsfuß. Sucuk-Würste verstecken sich hier unter den Birnen. Gurken, Erdbeeren ... was wir nicht alles haben", listet Cordes auf.

Die Kunst als Zugang zum Tod

Viele Lebensmittel wirken frisch und knackig. Für die Galerie Metavier hat der Künstler einige Esswaren aber auch verfallen lassen und sie erneut in Gips gegossen, erzählt der Kunsthistoriker Johann Brandes: "Wir haben also nicht nur ein Stillleben, sondern wir haben eine Allegorie auf die Vergänglichkeit. Also diese Vanitas ist jetzt hier von ihm unmittelbar durch diese verschrumpelten Stücke noch ergänzt worden."

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Sven Cordes und Jack am Eingang des Cafés.

Zu sehen sind auch Siebdrucke und Fotografien. In einer Ecke der Galerie wuchern schwarz lackierte Schattengewächse. Die Kunst biete die Möglichkeit, sich mit dem Tod zu befassen, ohne dass das Thema einen in der Grundsubstanz angreift, sagt Kurator Johann Brandes. Das sei eine große und wichtige Chance, ergänzt Susanne Benze: "Es gibt Trauercafés und Trauergruppen ohne Ende. Aber dann ist eben der Tod schon so ins Leben getreten, dass man etwas zu verarbeiten hat."

Darum hatte die Dozentin, Autorin und Festrednerin die Idee, in der Galerie Metavier ein "Death Café" auszurichten. Bei Kaffee und Kuchen kann, unter Anleitung, über das Leben und die uns alle verbindende Sterblichkeit gesprochen werden.

Bei Kaffee und Kuchen übers Sterben reden

"Wenn man sich dessen bewusst ist und ab und zu Bilanz zieht", sagt Benze und fährt fort: "Und guckt: Wo komme ich her? Was habe ich schon erlebt? Ist das so, wie ich leben möchte? Wenn man das tun würde, dann würde man mit leichterem Gepäck reisen. Das ist meine Überzeugung. Und das habe ich durch viele Sterbebegleitungen schon merken dürfen."

Die beiden Death Cafés, die bereits stattgefunden haben, wurden sehr positiv aufgenommen. Der offene, bunte Stadtteil Linden verspricht ein gemischtes Publikum. So unterschiedlich, wie die drei, die hier mit Metavier einen Raum schaffen, der ein Tabu-Thema zurück ins Leben holt - und die jetzt erst mal eine rauchen gehen. Denn das Motto dieser Galerie: "Leben ist tödlich."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 02.06.2020 | 19:00 Uhr