Jonas Kaufmann © picture alliance/Fotostand Foto: Fotostand / Meyer

Jonas Kaufmann: "Viele andere Musiker kommen zu kurz"

Stand: 10.11.2020 16:47 Uhr

Was tun als Nachwuchskünstlerin oder -künstler in Zeiten von Corona? Wir haben den Tenor Jonas Kaufmann dazu befragt.

Der November ist stiller als ohnehin schon: Museen sind zu, es gibt keine Konzerte oder Opernaufführungen. Auch viele Advents- oder Weihnachtskonzerte sind abgesagt oder stehen auf der Kippe. Auch der Tenor Jonas Kaufmann hat eine Pause machen müssen.

Herr Kaufmann, wie wird denn diese Pause des künstlerischen und kulturellen Lebens in Ihrem Freundes- und Kollegenkreis diskutiert?

Jonas Kaufmann: Ja, das ist natürlich ein heißes Thema. Es gibt natürlich ganz viele, die berechtigte Existenzsorgen haben, weil - ich sag mal - neben der Hotelier- und Gastronomiebranche ja die Kulturbranche der zweite große Zweig ist, der quasi immer wieder auf Null geschaltet wird. Das macht es unglaublich schwierig. Und selbst im Sommer, in der Phase, in der zumindest in weiten Teilen der Welt Konzerte möglich waren, wenn auch vor reduziertem Publikum, kommen natürlich dann auch nur die Handvoll Künstler zum Zuge, deren Namen so ziehen, dass - egal was passiert - Karten verkauft werden können.

Kopfhörer liegen auf einem Mischpult. © fotolia Foto: Xandros

AUDIO: Jonas Kaufmann über seine Arbeit in Zeiten von Corona (6 Min)

Und die vielen, vielen anderen Musiker, die das genauso leidenschaftlich machen, kommen zu kurz. Und deshalb ist natürlich die Stimmung allgemein extrem schlecht. Nicht, weil man das Gefühl hat, einem Irrglauben aufzusitzen. Aber doch, weil man sich einfach ungerecht behandelt fühlt. Warum kann ich mir ein Auto kaufen? Warum kann ich mir einen Anzug kaufen? Warum kann ich in der Stadt flanieren und im Möbelhaus und wo auch immer, aber ich darf nicht in ein Opernhaus und einen Konzertsaal gehen. Wir Künstler empfinden das als sehr einseitig. Und die in Aussicht gestellte Kompensation, die im Frühjahr nicht funktioniert hat und die auch jetzt nur vielleicht funktionieren wird - und wenn, dann erst nachträglich -, macht vielen Musikern große Sorgen. Ich mache mir persönlich vor allem um den Nachwuchs sorgen: junge Künstler, die noch im Studium stecken, die jetzt vielleicht am Ende der Ausbildung sind und die eine Zukunft mit Familie sehen. Die merken plötzlich: Wenn ich diesen Beruf ergreife, dann hab ich so wenig Garantien für mein Leben, dass ich gar keine Familie ernähren kann - dann mach ich lieber einen anderen Beruf. Das wird die Zukunft leider zeigen, dass viele momentan umschwenken und doch etwas anderes machen, von dem sie glauben, dass die Gesellschaft es Ihnen mehr anrechnet als die Kunst.

Haben Sie vielleicht einen Rat gerade für die jungen Künstler, die am Anfang der Karriere stehen und noch kein festes Engagement haben? Das ist ja oft keine Frage von Verstand, sondern nur von Gefühl.

Kaufmann: Na klar, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Von meiner Seite ist der Rat grundsätzlich schon immer gewesen: Wenn man dieses Brennen, dieses Verlangen spürt, diesen Beruf zu ergreifen, dann muss man das unbedingt versuchen. Man muss sich aber auch ein Limit setzen. Das heißt, ich muss mir von vornherein überlegen: Womit bin ich zufrieden und womit bin ich nicht zufrieden? Wie lange gebe ich mir, bevor ich mir eingestehe, dass ich dieses Limit nicht erreichen werde? Das ist, glaube ich, ganz wichtig.

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Eine bunte Discokugel dreht sich. © photocase Foto: VibemasterBert

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Jetzt haben wir natürlich eine Ausnahmesituation, in der alles zum Halten gebracht ist. Dementsprechend sind auch Vorsingen oder eben erste Engagements, erste Schritte auf der Bühne oder eben im Orchester eigentlich nicht möglich. Klar, dass man hier nun keinen besonderen Rat geben kann als den, durchzuhalten und auf seine Möglichkeiten zu hoffen. Aber es ist vielleicht auch eine Möglichkeit, sich noch mal durch den Kopf gehen zu lassen, was es bedeutet, mit einem Instrument seinen Lebensunterhalt bestreiten zu müssen. Das muss man wollen.

Und ich glaube, fast alle, die ich in meiner Karriere kennengelernt habe, wollen genau das, egal wie. Das ist nicht der Punkt. Aber es gibt natürlich auch immer wieder Frustration. Die gab es auch vor Corona. Aber jetzt wird letztlich die Möglichkeit genommen, wie Sie richtig sagen, irgendeinen weiteren Schritt in der Karriere zu unternehmen. Zu jungen Sängern sage ich immer: Es ist nichts, nur bei einer Agentur vorzusingen, Ihr müsst die Chance bekommen - egal, ob für ganz wenig Geld oder umsonst -, irgendwo aufzutreten. Und wenn Ihr auftretet, dann könnt ihr Leute einladen. Und dann müsst Ihr hoffen, dass die Menschen, die dort kommen, Eure Leistung erkennen und entsprechend den Namen kolportieren und weitertragen.

Das ist in der Karriere viel wichtiger, als von Stadt zu Stadt zu reisen und den einzelnen Agenturen vorzusingen und dann eine dieser berühmten Karteileichen zu werden. Aber das ist leicht gesagt. Ich hatte großes Glück. Bei mir sind eben sehr viele Schicksalsfaktoren zusammengekommen, die mich in der Welle der Künstler nach oben gespült haben. Da bin ich heute sehr dankbar für. Und ich weiß auch, wie fragil so eine Karriere ist und wie dünn der Faden ist, an dem man nach oben gezogen wird. Umso mehr muss man das genießen und auch entsprechend wertschätzen, wenn man es dann geschafft hat.

Das Gespräch führte Petra Rieß.

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