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Zum Tod von Volker Lechtenbrink: "Er war nahbar"

Stand: 23.11.2021 20:24 Uhr

Der Schauspieler Volker Lechtenbrink ist am Montag im Alter 77 Jahren gestorben. Schauspielkollegin Eva Mattes schätzte an ihm vor allem seine direkte Herzlichkeit.

Eva Mattes © picture alliance/dpa Foto: Felix Hörhager
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Frau Mattes, nach dem Vorgespräch mit Ihnen habe ich den Eindruck, es ist Ihnen ein wahres Anliegen über Volker Lechtenbrink zu sprechen. Was hat er für Sie bedeutet?

Eva Mattes © picture alliance/dpa Foto: Felix Hörhager
Gemeinsam führten Eva Mattes und Volker Lechtenbrink 2020 im St.Pauli-Theater das Stück "Love Letters" auf.

Eva Mattes: Gerade in der letzten Zeit fällt mir das Wort "Zärtlichkeit" ein - er war auf einmal so zärtlich. Ich kannte ihn ja, seit ich 17 bin. Wir waren zusammen am Schauspielhaus in Hamburg engagiert, wir haben aber nie miteinander gespielt. Als er jung war, war er laut, lustig, er hatte immer gute Laune, er ging sehr aus sich heraus. Das war toll, aber das war mir manchmal ein bisschen zu viel. Und jetzt im Alter war er so zärtlich, so sanft und so unglaublich bei sich. Wir haben zusammen die "Love Letters" am Sankt-Pauli-Theater gemacht. Das ist eine Liebesgeschichte in Briefen erzählt: Ein Paar, das sich seit Schulzeiten immer wieder Briefe geschrieben hat. Wir haben es vier Mal geschafft, das aufzuführen, und bei der vierten Vorstellung überreichte Volker mir einen Brief, in dem drin stand, dass er leider nicht weitermachen kann und wie schön das aber war. Und es war wirklich schön mit ihm. Er wünschte mir einen "prächtigen neuen Partner" für die "Love Letters". Ich wusste zu dem Zeitpunkt schon, dass er krank war - wir haben aber nicht darüber gesprochen. Ich habe an ihm sehr bewundert, wie er mit der Krankheit umgegangen ist: Er war wirklich bei sich, und er hat das angenommen, dass er sterben wird. Irgendwann haben wir darüber gesprochen, und sein Arzt hätte gemeint, dass wenn er noch ein bisschen leben wolle, sollte er nicht mehr auf die Bühne gehen.

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Er hat gesagt: Theater sei Sucht, wenn man einmal dieses Brodeln des Publikums erfahren habe, dann wolle man das nicht mehr aufgeben. Das muss für ihn ein unvorstellbarer Einschnitt gewesen sein.

Mattes: Ich glaube auch. Aber wie er damit umgegangen ist, war das eben nicht so. Ich hatte das Gefühl, er hat das alles komplett angenommen. Er hat ja im Ernst-Deutsch-Theater den Gustav-Gründgens-Preis bekommen, und da habe ich für ihn sein Lied "Ich mag" gesungen. Da haben wir uns das letzte Mal gesehen. Da war er auch so ruhig und gelassen.

Er schrieb mir immer wieder Nachrichten. Ich habe mir den SMS-Verlauf gerade nochmal angeschaut: Das ist ein bisschen so wie diese "Love Letters". Da kamen manchmal nur kurze Sachen wie: "Ich denke gerade an dich, weil die Sonne so schön scheint" oder "Hab ein schönes Wochenende, Dein Volker". Das ist schön und tröstlich.

Letzten Montag haben wir die neuen "Love Letters" mit Stephan Schad zum ersten Mal gemacht. Uli Waller, der Intendant vom St-Pauli-Theater, Stephan Schad und ich waren anschließend bei unserem Italiener, wo wir immer alle waren, auch Volker. Da haben wir ihm eine SMS geschrieben, dass wir an ihn denken. Darüber bin ich sehr froh, dass er das noch bekommen hat.

Ich habe gehört, dass er ganz friedlich eingeschlafen ist - das passt auch zu seinem ganzen Verhalten, was ich zutiefst bewundere, dass jemand so mit sich, mit der Welt und wohl auch mit dem Theater im Reinen ist, dass er so gehen kann.

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Wenn ich das Medienecho wahrnehme und mit Leuten spreche, habe ich den Eindruck, dass Volker Lechtenbrink ganz viele Menschen direkt berührt. Woran liegt das?

Mattes: Weil er so eine direkte Herzlichkeit hatte, weil er keinen Abstand zwischen den Leuten erkennen ließ. Er war nahbar. Er hat sich nicht als jemand gezeigt, der sich als etwas Besonderes fühlt, sondern als jemand wie du und ich. Und auch in seinem Spiel und in seinem Singen war er so, dass man seine Persönlichkeit schmecken und riechen konnte, dass man ihm ein bisschen nah sein konnte. Diese Herzlichkeit, diese Herzensoffenheit hat ihn unter anderem auch so beliebt gemacht.

Bei Ihnen gibt es einige Parallelen: Er stand mit zehn Jahren das erste Mal auf der Bühne, Sie haben mit zwölf mit dem Schauspiel angefangen. Es ist doch erstaunlich, dass Sie erst so spät zusammengearbeitet haben, oder?

Mattes: Ja, seltsam, finde ich auch. Das hat sich einfach nicht ergeben. Aber dafür haben wir die "Love Letters" gemacht, und dafür bin ich wirklich sehr dankbar, weil ich ihn nochmal so kennenlernen durfte.

Welchen Moment, den sie mit ihm geteilt haben, werden Sie am meisten in Erinnerung behalten?

Mattes: Bei dem Stück "Love Letters" sind wir zwei Lesende, wir sitzen an einzelnen Tischen und gucken uns die ganze Zeit nicht an. Erst ganz am Schluss schaue ich erst ihn an, und er schaut dann zurück. Und beim Applaus sind wir aufgestanden, und er spontan auf mich zugegangen und hat mich so umarmt. Das war so schön, weil das ein bisschen privat war, aber gleichzeitig war es auch die Intuition des Schauspielers, der spürt, dass diese Umarmung dieser zwei Liebenden, die wir die ganze Zeit gespielt haben, jetzt ganz wichtig ist. Das war ganz großartig, das wird mir bleiben.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.11.2021 | 18:00 Uhr

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