Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt.

Zehn Jahre Nordkirche: Landesbischöfin stolz auf ihre Kirche

Stand: 06.06.2022 13:44 Uhr

Pfingsten hat die Nordkirche ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert. Sie ist ein Zusammenschluss der früheren Nordelbischen Kirche, der Landeskirche Mecklenburgs und der Pommerschen Kirche. Im Interview spricht Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt über die Gründung und die Zukunft ihrer Kirche.

Frau Kühnbaum-Schmidt, eine beim Gründungsgottesdienst 2012 häufig formulierte Hoffnung war, dass die bisher drei eigenständigen Kirchen im Norden eins werden sollten, ohne dabei ihre regionalen Prägungen und Traditionen zu verlieren. Ist das Ihrer Meinung nach gelungen? 

 Kristina Kühnbaum-Schmidt: Dieses Modell ist auf jeden Fall gelungen, ganz unbedingt. Wenn es die Nordkirche nicht gäbe, müsste man sie jetzt erfinden. Es ist eine Kirche, die zusammengewachsen ist und auch immer noch weiter zusammenwächst. Sie verbindet Ost und West, Stadt und Land, Arm und Reich, Menschen an der Küste und im Binnenland. Über Bundesländergrenzen hinweg arbeiten Menschen in einer verbindlichen Struktur an einer gemeinsamen Aufgabe, nämlich die Botschaft unseres Glaubens zu erzählen, zu leben und Verantwortung zu übernehmen für ein gutes Zusammenleben aller. 

Von Berlin-Brandenburg abgesehen ist die Nordkirche die einzige evangelische Landeskirche, die über eine ehemalige deutsch-deutsche Grenze hinweggeht. Was kann man daraus lernen? 

Kühnbaum-Schmidt: Wir lernen zusammen und voneinander, immer schon und immer noch. Und dass es überhaupt diese Bereitschaft gibt, voneinander zu lernen, einander wahrzunehmen, ist schon ein hohes Gut. Wir hören natürlich auf ganz unterschiedliche Lebenswege und Glaubenserfahrungen. Die Ostererfahrung ist ja, die christliche Minderheit und dennoch eine prägende gesellschaftliche Akteurin zu sein. Das ist eine wichtige Erfahrung für Menschen im Westen, die diese Erfahrung in dieser Weise bisher nicht kannten. Umgekehrt ist es auch beflügelnd, im Osten von der Selbstverständlichkeit des Westens zu lernen, selbstbewusst, öffentlich und offen auch für die Kooperation mit anderen gesellschaftlichen Akteuren Kirche zu sein, und zwar ohne Angst, dabei die eigene Identität zu verlieren. Das sind zwei entscheidende Momente zwischen Ost und West. Was wir jetzt im Westen noch mehr vom Osten lernen können, ist die dort schon lange bewährte Praxis, über professionelle Grenzen im Verkündigungsdienst hinweg zusammenzuarbeiten.

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Kerze vor dem Altar im Ratzeburger Dom. © NDR Foto: Mechthild Mäsker

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Ist die Nordkirche aus Ihrer Sicht strukturell ausgereift? Ich hörte zum Beispiel Stimmen, die sagten, dass es gut wäre, wenn auch Sie als Landesbischöfin einen eigenen Sprengel hätten.

Kühnbaum-Schmidt: Also da haben Sie mir jetzt eine schöne Karte zugespielt (lacht). Wir haben ja drei Sprengel, in denen jeweils Bischöfe zuständig sind. Den eigenen Sprengel, wird immer so ein bisschen gemunkelt, den hat die Landesbischöfin im Digitalen - weil ich die einzige bischöfliche Person bin, die auch in den sozialen Netzwerken unterwegs ist. Und dort ergeben sich natürlich ganz neue Anknüpfungsmöglichkeiten an Menschen, die sonst mit uns eher nicht so viel zu tun haben. Ich genieße es sehr, diesen Sprengel zu bespielen und dort Kontakte zu haben.

Unter anderem auch mit sehr farbenfrohen Bildern aus ihrem Garten, wie ich gesehen habe.

Kühnbaum-Schmidt: Das haben Sie wahrscheinlich auf Instagram gesehen. Bei diesem Profil spielt ja immer in bisschen die Rolle, sowohl die Inhalte, die mir und uns wichtig sind, zu vertreten, als auch blicken zu lassen: Wie lebt eine Landesbischöfin? Was macht die so, was ist ihr auch persönlich wichtig? Was heißt der Glaube für ihr Leben? Die Gartenbilder sind ein kleiner, wichtiger Hinweis auf etwas, was für mich eine zentrale Rolle im Christentum spielt, nämlich Verantwortung für die Schöpfung, für alles Leben auf dieser Erde zu übernehmen. Der Garten ist so ein kleiner Ort, an dem ich das selber tun kann.

1,8 Millionen Christinnen und Christen in 1.000 Kirchengemeinden hat die Nordkirche. Allerdings hat sie in den vergangenen zehn Jahre auch 20 Prozent der Mitglieder verloren. Wie schaffen Sie es, dass die Kirche im Dorf bleibt und das Dorf in der Kirche?

Kühnbaum-Schmidt:Ich will einmal zwei Stichworte sagen: Kooperation und Innovation. Spätestens wenn Mitgliederzahlen und finanzielle Ressourcen weniger werden, dann geht es um Zusammenarbeit innerhalb unserer Kirche, um Kräfte zu bündeln und Schwerpunkte zu stärken. Es geht auch um Kooperation mit anderen gesellschaftlichen Akteuren, etwa im Sozialraum. Oder wenn wir sagen: Unsere Gemeindehäuser sind nicht nur für uns da, sondern wir nutzen sie so wie eine Art Coworking Station zusammen mit anderen im Dorf. 

Und zum Stichwort Innovation: Neue Wege beschreiten wir zum Beispiel mit unserer nordkirchlichen Agentur st. moment in Hamburg. Da geht es darum, Taufen, Trauungen und Beerdigungen für Menschen im gesamten Stadtgebiet anzubieten, die mit Kirche noch nicht so im Kontakt sind. Für die die Frage ist: Wer ist überhaupt für mich zuständig? Wo kann ich eine schöne Taufe feiern,vielleicht draußen? So wollen wir  eine einfach und schnelle Kontaktaufnahme zur Kirche möglich machen. 

Ich denke, wir müssen die Sozialräume, also nicht nur den Raum, für den eine Gemeinde zuständig ist, sondern den ganzen Raum, in dem Menschen leben, noch stärker in den Blick nehmen: die lebenden und arbeitenden Menschen, ihre Fragen, aber eben auch ihre religiöse Suche. Die Orte kirchlicher oder religiöser Bildung wie Kindertagesstätten, Religionsunterricht oder überhaupt alle Formen der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, vom Tauffest bis zur Jugendklimakonferenz, sind ganz wichtige Punkte, die dafür sorgen, dass alle Gemeinden den Sinn des Evangeliums entdecken und ganz neu zum Leben bringen. Und genau das hat Zukunft.

In unserer Gesellschaft leben wir im Moment Brüche über wichtige Fragen an Stellen, die man gar nicht vermutet hätte vor einiger Zeit. Wie ist das in der Nordkirche? Zum Beispiel bei den Themen Krieg und Frieden, Aufrüstung und Waffenlieferungen? Welche Diskussionen werden geführt?

Kühnbaum-Schmidt: Wir haben ja vor einigen Wochen in einer Synoden-Tagung uns explizit dem Thema Frieden gewidmet. Ich finde ganz wichtig, dass wir einander erst einmal zugehört haben und dann über viele Gespräche an kleinen runden Tischen, aber auch natürlich in Pausen und im großen Plenum zu einer Haltung gefunden haben, die ich gerne mit dem Wort Beidhändigkeit beschreibe. Das heißt einerseits, jetzt in dieser Situation klar und entschieden, einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg wie ihn Russland gegen die Ukraine führt, zurückzuweisen und ein angegriffenes Land, in diesem Fall die Ukraine, zu unterstützen, so gut es geht. Mit der anderen Hand gilt es, mittel- und langfristig Friedensperspektiven zu erarbeiten, und zwar insbesondere unter Einbezug von den Gruppen, die sonst in solchen Friedensgesprächen eher marginalisiert werden. Ich denke zum Beispiel an Frauen und Kinder, die in diesem Krieg ja ganz besonders zu den Leidtragenden gehören.

Wo sehen Sie die Nordkirche in zehn Jahren, zum 20. Jubiläum?

Kühnbaum-Schmidt: Ich bin keine Prophetin. Aber ich denke, wir werden ganz sicher weiter von unserem Glauben und seiner großen Hoffnungskraft erzählen. Wir werden auch weiterhin wichtige Aufgaben für ein verantwortungsvolles Zusammenleben unserer Gesellschaft übernehmen, mit großer Offenheit für alle Menschen in ihrer Vielfalt, ihrer Suche nach Gemeinschaft und Spiritualität. Als ganze Nordkirche profitieren und lernen wir dann hoffentlich noch mehr von unseren unterschiedlichen Kompetenzen vor Ort, vielleicht durch Kompetenzzentren zu bestimmten Themen wie Spiritualität, Ökologie oder Immobilien. Ich denke, wir werden hoffnungsmutig evangelische Kirche sein.

Das Gespräch führte Mischa Kreiskott.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 03.06.2022 | 16:15 Uhr