Senja Post © John Flury Foto: John Flury

Wissenschaft in der Pandemie: Funktioniert der Erkenntnistransfer?

Stand: 29.03.2021 18:26 Uhr

Die Corona-Pandemie wirkt in alle Bereiche des Lebens - entsprechend wichtig ist es, dass die Erkenntnisse der Wissenschaft auch für Laien verständlich kommuniziert werden. Senja Post, Professorin für Wissenschaftskommunikation an der Uni Göttingen, im Gespräch.

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Frau Professor Post, Sie gehörten vor fast einem Jahr zu den ersten, die die Kommunikation über Corona in Politik und Medien untersucht haben und verfolgen seitdem die Angelegenheit. Funktioniert der Transfer von wissenschaftlicher Erkenntnis zur Bevölkerung?

Senja Post: Sie haben schon einen sehr kritischen Punkt angesprochen: das Verhältnis zwischen komplizierten wissenschaftlichen Informationen und Laien. Wir haben vor einem Jahr herausgefunden, dass es im Prinzip zwei Typen von Menschen gibt: Die einen wollten eindeutige Informationen haben - mitten im ersten Lockdown - und die anderen wollten eine Bandbreite an Einschätzung haben - die wollten sich, wenn sie sich informiert haben, ein eigenes Urteil bilden. Jetzt muss man natürlich sagen: Eindeutige Informationen waren vor einem Jahr einfach absolut nicht möglich. Dennoch dürstete es den Menschen nach eindeutigen Informationen. Ich denke, dass Medien zum Teil diesem Bedürfnis entgegengekommen sind, aber damit auch eine Illusion erzeugt haben. Ein Beispiel ist diese starke Konzentration auf Zahlen. Indem jeden Morgen einfach kontextlos Inzidenzzahlen berichtet werden, wird der Eindruck erweckt, dass diese Zeilen für sich sprechen und dass das etwas ist, an dem man sich festhalten kann. Was aber untergegangen ist und zum großen Teil immer noch untergeht, ist, dass diese Inzidenzzahlen nicht kontextlos sind. Es wird immer wieder die Frage aufgeworfen - nicht im Mainstream, sondern eher abseits - 'es wird heute mehr getestet, also ist es kein Wunder, dass wir mehr finden'. Das stimmt auch. Es gibt nur sehr wenige Journalisten - zum Beispiel Malte Kreutzfeldt von der "taz" oder Sibylle Anderl von der "FAZ" - die stellen diese Frage. Das sind zwei Wissenschaftsredakteure, die sich mit Statistiken sehr gut auskennen. Die stellen zwischendurch mal diese Frage, ob der Anstieg, den wir jetzt beobachten, denn eigentlich real ist. Also, ob die gestiegenen Inzidenzwerte daran liegen, dass wir wirklich mehr Infektionen haben, oder ob es ein Artefakt ist, weil wir mehr testen. Die kommen beide zu dem Schluss, dass ein kleiner Teil des Anstiegs auf die vermehrten Testungen zurückgeht und dass der Großteil der gestiegenen Inzidenzwerte real ist.

Wir sprechen darüber wie wir informiert werden und wie wir Informationen suchen. Wie sieht es aber mit dem Wissen- und Wissenschaftstransfer in die Politik aus?

Post: Ich gehe davon aus, dass die Politik sich eine ganze Bandbreite von Rat einholt. Man hat von Beginn an beobachten können, dass sich Politiker haben beraten lassen und sie hatten so eine Tendenz, sich dann hinter der Wissenschaft zu verstecken. Es gab einige Beispiele - ich überspitze jetzt etwas - wo man von Politikern so etwas gehört hat wie, die Virologen haben doch gesagt, dass wir die Schulen nicht schließen müssen. Und dann haben die Virologen gesagt, wir müssen doch die Schulen schließen. Dass wir die Schulen so spät geschlossen haben, lag also an den Virologen. Das ist natürlich eine fatale Kommunikation von Seiten der Politiker, weil wir in der Pandemie immer mit Ungewissheit umgehen müssen. Auch die Wissenschaft kann diese Ungewissheit nicht beseitigen. Wissenschaft braucht Zeit und Wissenschaft kann sich immer nur langsam der Realität annähern. Selbst wenn - das wird nie der Fall sein - die Wissenschaft alle Fragen klären würde, muss Politik trotzdem immer Abwägungen treffen. Die politischen Fragen kann die Wissenschaft nicht klären. Zum Beispiel: Sollen wir jetzt stärker das Homeoffice reglementieren? Oder sollen wir die Schulen schließen? Das sind Fragen, die Wissenschaftler einfach nicht klären können.

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Liegt das vielleicht auch daran, dass nur ein bestimmter Teil der Wissenschaft überhaupt gefragt wurde - die Naturwissenschaften und da vornehmlich die Medizin? Angefangen bei den Wirtschaftswissenschaften über die Soziologie bis hin zur Psychologie sind die Wissenschaften eigentlich meistens nur am Rande erwähnt worden. Müsste da anders kommuniziert werden?

Post: Das, was sie gerade ansprechen, das hat man vor allem im ersten Teil der Pandemie beobachten können: Da spielten vor allem die Virologen eine Rolle. Gegen Ende des ersten Lockdowns - direkt nach Ostern - kam die Leopoldina mit einer Stellungnahme raus, wo sich auch Gesellschaftswissenschaftler zu Wort gemeldet haben. Kurz vorher hatte sich der Deutsche Ethikrat zu Wort gemeldet und hat auch gesellschaftliche Fragen stark thematisiert. Nach meinem Eindruck - aber das geht jetzt nicht auf eine Untersuchung zurück - spielen Naturwissenschaftler immer dann eine größere Rolle, wenn die Inzidenzwerte nach oben gehen.

Trotz des Höhenflugs, den die Wissenschaft gerade erlebt, sind Verschwörungsmythen beliebt wie selten zuvor. Das Irrationale nimmt genauso stark zu wie das Rationale. Wie ist das zu erklären?

Post: Wie so oft gibt es hier natürlich auch keine einfache Erklärung. Ich habe befürchtet, dass es so kommen würde, dass wir es mit einem verstärkten Misstrauen in die Politik zu tun haben werden. Zunächst muss man aber feststellen, dass an wirklich handfeste Verschwörungstheorien nur eine Minderheit von Menschen glauben. Da müssen wir auch vorsichtig sein, dass wir nicht bestimmte Dinge überzeichnen. Aber das Misstrauen nimmt natürlich sehr stark zu, das Misstrauen in die Politik und hoffentlich nicht das Misstrauen in das Gesellschaftssystem. Eine Ursache von vielen könnte sein, dass die Menschen eben zu Beginn dieser Eindeutigkeitsillusion erlegen sind - also, dass es sozusagen eine einfache Realität gibt, die sich an Zahlen bemessen kann. Es gibt Studien, die zeigen, dass wenn Menschen den Eindruck haben, dass wissenschaftliche Sachverhalte ganz einfach sind, dann haben die Menschen das Gefühl, dass sie alles verstehen und dass sie gar keine Expertise mehr brauchen. Das heißt, wenn man zu stark vereinfacht, dann kommt es schnell zu einer Vermessenheit bei Laien. Ich glaube, diesem Sachverhalt fallen wir alle gelegentlich zum Opfer. Das führt dazu, dass sich einige Menschen, die mal hier und dort etwas aufschnappen, was vielleicht etwas polemisch überspitzt oder zu stark vereinfacht ausgedrückt wird, dann den Eindruck haben, dass die Sachverhalte so einfach sind und auch einfach gelöst werden können. Wenn sie dann von der Politik nicht gelöst werden, weil die Wahrheit viel komplizierter ist, dann kann das zu Misstrauen führen.

Stellen wir uns also nicht nur weiter dem Virus sondern auch der Komplexität, die mit ihm verbunden ist. Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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NDR Kultur | Journal | 29.03.2021 | 18:00 Uhr