Stand: 10.07.2020 14:04 Uhr  - NDR Kultur

Kolonialismus-Debatte: Wie an Bismarck erinnert wird

von Julian Marxen

Wie wollen wir an historisch bedeutende Personen erinnern, die einiges geleistet, aber - zumindest aus unserer heutigen Sicht - auch moralisch verwerflich gehandelt haben? Otto von Bismarck ist ein prominentes Beispiel. Bismarck, von 1871 bis 1890 erster Reichskanzler des Deutschen Reiches, gilt vielen als Wegbereiter des deutschen Kolonialismus. Gerade wird sein großes Denkmal am Hamburger Hafen kontrovers diskutiert - soll es wirklich für Millionen saniert oder lieber gleich abgerissen werden? Wie kritisch an Bismarck dort erinnert wird, wo er zuletzt gelebt und gearbeitet hat, berichtet unser Autor aus Friedrichsruh östlich von Hamburg.

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In die Jahre gekommen: Das alte Bismarck-Museum in Friedrichsruh bei Hamburg.

Direkt an der Durchfahrtsstraße mitten im Ort: das alte Bismarck-Museum. Ein in die Jahre gekommener weiß-schwarzer Fachwerkbau. Beim Gang über die alten Holzdielen sehen die Besucher drinnen: Säbel, Orden, Bismarcks Kleider, eine Kanone oder Gemälde, die den Reichskanzler zeigen, überlebensgroß und goldgerahmt.

Als Historiker stärkere Kommentierung gewünscht

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Ulf Morgenstern, Historiker bei der Otto-von-Bismarck-Stiftung

"Das ist eine Setzung, wenn Sie so wollen", sagt Ulf Morgenstern, Historiker bei der Otto-von-Bismarck-Stiftung. "Das ist der große deutsche Staatsmann, an den hier erinnert wird, seine Leistung, seine Anerkennung durch Zeitgenossen. Und da würden wir als Historiker uns natürlich eine viel stärkere Kommentierung einzelner Objekte, aber auch eine stärkere Kommentierung des gesamten Settings des Museums wünschen."

Familie von Bismarck bestimmt Ausgestaltung des Museums

Die Otto-von-Bismarck-Stiftung ist eine von sechs Politikergedenkstiftungen des Bundes, die auch dieses Museum betreibt, aber nicht besitzt, erzählt Morgenstern: "Das Museum gehört bis zum heutigen Tag der Familie von Bismarck, die verantwortlich ist für die Art der Ausgestaltung und der Präsentation."

Und daran hat sich seit den 1950er-Jahren nicht viel geändert. Über Bismarcks Kolonialpolitik erfährt der Besucher kaum etwas. Obwohl hier Objekte ausgestellt sind, die vom anfänglichen Imperialismus zeugen. Etwa ein Geschenk der chinesischen Kaiserin: ein mit feinen Schnitzereien verzierter Elefanten-Stoßzahn. Ein Objekt, so der Historiker, das auf dem ersten Blick eher unverfänglich wirken mag, "andererseits natürlich Ausdruck einer krass ungleichen Beziehung zwischen dem damaligen China und dem Deutschen Reich ist. Das Deutsche Reich gehörte zu denjenigen, die sich China im Grunde aufgeteilt haben."

Solche Einordnungen fehlen allerdings in der Ausstellung - einfach weil dies für die damaligen Ausstellungsmacher keine große Bedeutung gehabt hatte, so Morgenstern.

Den Mythos des Mächtigen erhalten

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Säbel, Orden, eine Kanone und Gemälde - laut Historiker Morgenstern soll Bismarck hier als "großer deutscher Staatsmann" gesetzt werden.

Viel wichtiger schien, das Andenken an den Eisernen Kanzler zu wahren und auch ein Stück weit den Mythos des Mächtigen zu erhalten. Diesen Eindruck haben zumindest einige Besucher. Ein Mann erzählt, dass er sich angesichts der ganzen Gemälde, Orden und Waffen "schon ein bisschen kleiner" fühlt. Eine Frau bemerkt, dass Bismarck "halt sehr viel fürs deutsche Volk getan hat. Das kann man positiv oder negativ sehen. Aber ich persönlich finde hier viel Positives."

Die Otto-von-Bismarck-Stiftung will allerdings ein differenzierteres Bild vermitteln. Sie hat vom Bund den Auftrag, den Politiker Bismarck auch kritisch zu beleuchten, betont Stiftungsmitarbeiter Morgenstern: "Wer hier herkommt und sagt: 'Oho, so wird in Deutschland an Bismarck erinnert?!' Für den haben wir ganz dringend das Gegengift: unsere historisch-kritische Dauerausstellung im Bahnhofsgebäude von Friedrichsruh, wo man die Dinge ein bisschen einordnet."

Strukturiertere Dauerausstellung im Bahnhofsgebäude

Dieses zweite Museum steht 200 Meter entfernt. Die Dauerausstellung aus den 1990er-Jahren wirkt strukturierter. Allerdings auch nüchterner, weil: weniger Objekte und dafür mehr Stellwände mit Erläuterungen. Laut Morgenstern vielleicht fast schon zu viel Text. Allerdings weist er auch darauf hin, dass sich die dortigen Ausstellungsmacher auch stark abheben wollten vom Bismarck-Museum - und sich gleichzeitig mit einer Menge an "Fakten, Fakten, Fakten" abgesichert hätten.

Bismarcks Startschuss für die deutsche Kolonialpolitik

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"Anfänge deutscher Kolonialpolitik" - Stellwand in der Bismarck-Dauerausstellung im Bahnhofsgebäude von Friedrichsruh.

Und die Kolonialisierung unter Bismarck? Historiker Morgenstern zeigt auf eine Wand mit Infotext, auf Fotografien aus Kolonien und Geschäftsbücher von Hamburger Firmen, die in Afrika gehandelt haben. Alles überschrieben mit "Anfänge deutscher Kolonialpolitik" - denn, so Morgenstern: "Tatsächlich sind es bis Bismarcks Entlassung im Jahr 1890 auch nur die Anfänge der deutschen Kolonialpolitik gewesen. Sie werden hier aber auch nicht kleingeredet. Denn es ist bekannt, was daraus folgte: Deutschland hat ein richtiges Kolonialreich aufgebaut. Zu dem wäre es nicht gekommen, wenn Bismarck nicht den Startschuss gegeben hätte."

Neue Ausstellung geplant

Trotzdem gäbe es noch mehr zu erzählen: zum Beispiel über Händler, die Bismarck in Friedrichsruh besucht und bekniet haben, Kolonien zu errichten. Oder über die unzähligen "Mitbringsel" wie afrikanische Speere, die ihm von Geschäftsleuten geschenkt wurden. Vielleicht ja bald. Denn die Stiftung plant, hier in den nächsten Jahren alles zu überarbeiten. "Wir haben eine frische Ausstellung sozusagen in der Schublade liegen", sagt Morgenstern. Und in der soll dann auch Bismarcks Kolonialpolitik noch ausführlicher behandelt werden.

Ein Mikrofon liegt auf einem Mischpult. © NDR Foto: Gitte Alpen

Wie in Friedrichsruh an Bismarck erinnert wird

NDR Kultur - Klassisch unterwegs -

Otto von Bismarck gilt vielen als Wegbereiter des deutschen Kolonialismus. Wie wird an den ersten Reichskanzler dort erinnert, wo er zuletzt gewohnt und gearbeitet hat?

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 10.07.2020 | 16:20 Uhr

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