Stand: 24.04.2019 15:40 Uhr

Wie britische Schulen die Lesefähigkeit fördern

von Jens-Peter Marquardt

In dieser Woche schauen die NDR Kulturredaktionen darauf, wie es um die Lesekompetenzen der deutschen Grundschüler steht. Fast 20 Prozent der Viertklässler können nicht richtig lesen. Zu diesem Ergebnis kam die letzte Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU). Was läuft falsch an deutschen Schulen? Muss man die Kinder mehr zum Lesen zwingen? In anderen Ländern geht es tatsächlich strenger zu. In Großbritannien zum Beispiel müssen Kinder eine bestimmte Anzahl von Büchern pro Schuljahr lesen.

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In Großbritannien müssen Schüler in den Ferien als Hausaufgabe lesen.

Spencer ist zehn Jahre alt und geht in die 5. Klasse der Greenleaf Primary School in London. Auch in den Ferien kann er die Schule nicht völlig vergessen, denn er bekommt Hausaufgaben mit in die Ferien. Er müsse unter anderem ein Buch lesen und nach den Ferien in der Schule erzählen, was in dem Buch vorkomme, um zu zeigen, dass er das Buch auch wirklich gelesen habe.

Die Schule kontrolliert kontinuierlich Spencers Lesefähigkeiten, nicht nur nach den Ferien: Immer, wenn er ein Buch fertig gelesen hat, geht er an den Computer und beantwortet die Fragen, die ihm zu diesem Buch gestellt werden. "Und wenn du mit deinen Antworten 100 Prozent erreichst, dann kommst du auf das nächsthöhere Niveau. Schaffst du nur 80 Prozent, dann bleibst du auf dem bisherigen Niveau. Schaffst du noch weniger, dann musst du wieder ein Leseniveau zurückgehen", erzählt Spencer.

Die Bücher werden mit zunehmendem Niveau dicker

Aber das ist ihm bisher noch nie passiert. Er hat jetzt das Leseniveau 3,6 erreicht. Für jedes Niveau gibt es eine entsprechende Bücherliste, aus der die Schüler dann die Bücher auswählen, die sie lesen möchten. Für jedes Niveau gibt es auch eine eigene Farbe, das macht es den Schülern leichter, die richtigen Bücher auszuwählen.

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Die Bücher würden mit zunehmendem Niveau auch immer dicker, sagt Spencer. Von Stufe 1,0 bis 1,9 seien die Bücher noch ziemlich dünn. Ab Stufe 6 gebe es dann nur noch dicke Bücher wie zum Beispiel Harry Potter. "Aber bei 3,6, da gibt es ein paar dünne und ein paar dicke Bücher", berichtet der Zehnjährige.

Ein motivierendes System

Das ständige Abfragen und Testen der Lesefortschritte habe sich sehr bewährt, sagt die Schulleiterin der Greenleaf Primary School, Kathrin Soulard. Weil das wie ein Quiz funktioniere und die Kinder danach Urkunden bekämen, weil die Schüler und ihre Eltern online den Lesefortschritt verfolgen können, erweise sich das System als sehr motivierend. "Einige Schüler schaffen in kurzer Zeit 20 Tests. Gleichzeitig stehen die Klassen miteinander im ständigen Wettbewerb darum, welche Klasse am meisten liest", schildert Soulard.

Zusätzliche Anreize in den Ferien

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Für die Teilnahme an Lesewettbewerben bekommen die Schüler Preise und eine Medaille.

Für das Lesen in den Ferien gebe es zusätzliche Anreize, erzählt Spencers 14 Jahre alte Schwester Grace, die jetzt in der 9. Klasse ist, in der Secondary School. Jeden Sommer habe sie in der Grundschule an einem Lesewettbewerb teilgenommen. Dafür bekämen die Schüler eine Liste mit sechs Büchern, die sie in den Ferien lesen müssten. Wenn man alle gelesen habe, gebe es dafür nach den Ferien eine Medaille und einen Preis, sagt Grace. Die Schüler müssten auch noch ein Foto mitbringen, das den coolsten Ort zeigt, an dem sie gelesen haben.

Britische Schüler schneiden besser als deutsche Schüler ab

Außerhalb der Ferien müssen Sieben- bis Neunjährige in Großbritannien ein Buch pro Monat lesen und anschließend online den entsprechenden Test absolvieren. Ein Mal im Monat gehen die Klassen außerdem für eine Stunde in die Bücherei. Dort können sich die Schüler dann die Bücher aussuchen, die sie gerne lesen möchten.

Mit diesem System erreichten die Briten immerhin Platz 10 in der jüngsten IGLU-Studie - und schnitten damit deutlich besser ab als die deutschen Schüler. Großbritannien hat aufgeholt. Vor ein paar Jahren stellte das Bildungsministerium fest, dass einer von fünf Schülern am Ende der Grundschule nicht das Leseniveau erreicht, das für den Besuch einer weiterführenden Schule nötig ist.

Förderung durch Leseclubs

Die Regierung stellte deshalb zusätzliche Gelder bereit, damit die Lehrer außerhalb des regulären Unterrichts leseschwachen Kindern Förderstunden geben können und Leseclubs einrichten können - besonders für diejenigen, die nicht so gern lesen. Sie hätten einen sogenannten geheimen Leseclub für die Jungen und einen für die Mädchen, erklärt Schulleiterin Soulard. "Die Jungs wollen andere Bücher lesen als die Mädchen und umgekehrt. Da sind solche getrennten Leseclubs ganz hilfreich."

Die Jungen haben jetzt den Abstand zu den Mädchen in der Lesefähigkeit verringert. Das ist ein Grund, warum die Briten in der jüngsten IGLU-Studie auf Rang zehn aufgestiegen sind. Gleichzeitig konnten die Schüler am unteren Ende der Lesefähigkeit Anschluss an den Durchschnitt finden - das hat das internationale Ranking ebenfalls verbessert. Interessant ist auch, dass in Großbritannien Schüler aus Migranten-Familien genauso gut lesen können wie britisch-stämmige Schüler. Der ethnische Hintergrund hat hier keinen Einfluss auf die durchschnittliche Lesefähigkeit.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 25.04.2019 | 06:40 Uhr

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