Sonnenuntergang in Kairo © picture alliance / AP Photo Foto: Amr Nabil

Wie Menschen weltweit Krisen meistern - Teil 1: Der Nahe Osten

Stand: 02.09.2022 17:23 Uhr

Wie erleben unsere ARD-Korrespondent*innen die aktuellen Krisen in anderen Teilen der Welt? Tilo Spanhel aus dem ARD-Studio in Kairo mit Gedanken darüber, wie sich das Krisenerleben insgesamt verändert.

Sonnenuntergang in Kairo © picture alliance / AP Photo Foto: Amr Nabil
Beitrag anhören 10 Min

von Tilo Spanhel

Wir leben in einer Zeit großer Krisen. Manche sind neu und schon deshalb beunruhigend, andere wollen seit Jahren nicht verschwinden - und auch das sorgt nicht für Gelassenheit. Ein Lebensgefühl wird stärker: Unsicherheit, Verunsicherung. Die stabilen Verhältnisse, die wir kannten, der historisch fast beispiellose Wohlstand, der jahrzehntelang währende Frieden: Man fragt sich, ob das alles verloren geht und je wiederkehrt. Wie führt man ein gutes Leben, wenn so vieles so schwierig wird, woher schöpft man Kraft, trotz allem möglichst oft zufrieden und manchmal sogar glücklich zu sein? Menschen in aller Welt haben Strategien entwickelt, sie nutzen unterschiedliche Ressourcen, um das Leben auch unter widrigen Bedingungen gut zu gestalten. Wie gelingt ihnen das? Können wir uns vielleicht etwas abschauen, ein bisschen Mut mitnehmen?

Krisen: anerkennen oder ignorieren?

Die Krisen um uns herum werfen immer längere Schatten. Vor ein paar Jahren war es einfach nur ein heißer Sommer. Und die größte Herausforderung war, das Bier am Badesee lange genug kalt zu halten. Jetzt scheint aus der Sommerhitze der Klimawandel geworden zu sein.

Jetzt ist es der Kampf gegen Putin und seine Politik, der uns die Heizung niedriger drehen lässt. Früher war es nur der Geiz der eigenen Eltern, der uns zum Frieren verdammt hat.

Die Probleme heute scheinen ähnlich und doch ganz anders als früher. Irgendwie größer. Erdrückender. Das liegt auch daran, dass sie näher rücken. Klimawandel und Krieg gibt es nicht erst seit gestern. Doch früher waren sie woanders. Irgendwo. Auf jeden Fall nicht hier. Nicht vor der eigenen Haustür. Doch was näher ins Licht rückt, wirft eben auch dunklere Schatten.

Wir können auf zweierlei Art damit umgehen: anerkennen oder ignorieren. Ignorieren bedeutet, auch weiterhin die ausgetretenen Wege zu laufen. Den Blick starr auf die eigenen Füße gerichtet. Wie ein Kind, das nachts durch den dunklen Wald läuft. Oder eben anerkennen. Anerkennen, dass es Probleme gibt, die unsere Kräfte übersteigen. An denen wir vielleicht nicht unbedingt schuld sind, aber für die wir doch eine Verantwortung tragen. Diese Einsicht drückt - sie erdrückt uns mitunter sogar. Und auf einmal ziehen an dem schönen Tag am Badesee dunkle Wolken auf - und werfen Schatten. Zumindest vor unserem inneren Auge.

Die Menschen im Nahen Osten sind mutiger als wir

Ich bin erst seit kurzem Korrespondent im Nahen und Mittleren Osten. Für mich ist damit ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen. Schon seit meiner Jugend fasziniert mich diese Region. Eine Region, in der Krisen auch schon früher Alltag waren. Wo Hitzewellen und vertrocknete Felder nicht erst gestern für Hunger sorgen. Wo Menschen seit Jahrzehnten ihr Leben bestreiten - inmitten von Kriegen, für die sie nichts können. Kriege um Öl, Religion oder Striche auf einer Landkarte. Kriege voller Verlierer. Und es sind Menschen wie du und ich. Die sich über ihren Geburtstag freuen, leckeres Essen mögen und ihre Lieblingsmusik am liebsten ganz laut hören. Doch wie zur Hölle schaffen sie es, diesem Druck standzuhalten? Wie schaffen sie es, trotz Krieg und Krisen optimistisch zu bleiben? Haben sie ein Geheimrezept?

Nein. Nein, sie haben kein Geheimrezept. Auch die Menschen in Syrien, im Jemen oder im Irak sind traurig. Sie verzweifeln und zerbrechen mitunter. Doch vielleicht sind sie uns in einem voraus - sie sind mutiger als wir.

In den letzten Wochen habe ich immer wieder mit Leuten über diese Frage gesprochen - was lässt euch positiv bleiben? Antworten, die wir im Westen vielleicht erwarten, habe ich nicht bekommen. Denn was vielleicht als Wand-Tattoo in irgendeinem deutschen Café funktioniert, scheint hier an Sinn zu verlieren.

"Man kann nicht den ganzen Tag weinen"

Erst letztens habe ich eine junge Familie im Libanon besucht. Yasmin war im vierten Monat schwanger. Mahmouds spärliches Einkommen reichte kaum, um fürs tägliche Brot zu zahlen. Vor kurzem mussten sie wieder zu seiner Mutter ziehen. Wir saßen im Wohnzimmer. Eine Taschenlampe beleuchtete den Raum - der Strom war wieder mal ausgefallen. Sie wisse kaum, wie sie diese Schwangerschaft bezahlen soll, erzählte mir Yasmin. Sie hätten doch nicht mal Geld, um ins Krankenhaus zu gehen. Dabei liefen ihr Tränen übers Gesicht. Mahmoud starrt an die Wand. Ihm fehlten die Worte.

Am Ende unseres Gesprächs fragte ich Yasmin, wie man in so einer Situation positiv bleiben kann - man bleibt es nicht. Man verzweifelt. Aber man kann ja auch nicht den ganzen Tag weinen, sagt Yasmin.

Es sind die Mutigen, die wie Yasmin und Mahmoud nicht aufgeben. Auch wenn sie keine Ahnung haben, wie es morgen weitergeht. Die diese teils beschissene Realität anerkennen und sich doch nicht damit abfinden. Die, die weiterkämpfen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 27.08.2022 | 13:05 Uhr

Mehr Kultur

Sänger Chris de Burgh steht zusammen mit einem Rattenfänger-Darsteller und einem Robin Hood-Darsteller auf dem Weihnachtsmarkt in Hameln. © Hameln Marketing und Tourismus GmbH

Hameln: Premiere von "Robin Hood" mit Stargast Chris de Burgh

Weltstar Chris de Burgh ist in Hameln zu Gast. Der Sänger besucht die Premiere des von ihm mitgestalteten Musicals "Robin Hood". mehr