Gerhard Wolf steht neben der Skulptur "Maske der Medea" vor dem Wohnhaus von Christa Wolf in Berlin-Pankow. © picture alliance / dpa Foto: Jörg Carstensen

Was bleibt? Zum zehnten Todestag von Christa Wolf

Stand: 01.12.2021 18:24 Uhr

Vor zehn Jahren starb Christa Wolf, eine der herausragenden Stimmen der DDR-Literatur. Nun ist die DDR Geschichte - und Christa Wolf? Ein Gespräch mit Gerhard Wolf, der seit 1951 mit Christa Wolf verheiratet war.

Gerhard Wolf steht neben der Skulptur "Maske der Medea" vor dem Wohnhaus von Christa Wolf in Berlin-Pankow. © picture alliance / dpa Foto: Jörg Carstensen
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Herr Wolf, Christa Wolf war eine Ikone der Schriftsteller-Szene in der DDR.

Gerhard Wolf: Ich würde das nicht nur auf die DDR beschränken. Die Poetik-Vorlesungen der Erzählung "Kassandra" fanden 1982 zuerst an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main statt, und die Erzählung ist auch zuerst dort erschienen. In der DDR ist das Buch erst anderthalb Jahre später erscheinen, sogar mit Auslassungszeichen. Ich würde die DDR nicht allein betonen - Christa hatte in der Bundesrepublik ein genauso großes Publikum. Zum Beispiel ist "Nachdenken über Christa T." nach der Ersterscheinung in der DDR hart kritisiert worden und durfte nicht erscheinen - war aber ein Bestseller bei Luchterhand in der Bundesrepublik.

Es heißt, Christa Wolf war die Autorin ihrer Zeit. Wie blickt man heute auf ihr Werk?

Wolf: Ich würde schon sagen, dass "Kassandra" und vor allen Dingen "Kein Ort. Nirgends" Erzählungen sind, die nicht nur in der damaligen Zeit spielen, sondern auch darüber hinaus. Auch ihr letzter großer Roman "Stadt der Engel", ein Produkt aus der Endzeit der DDR, greift weit darüber hinaus. Viele ihrer Erzählungen haben nicht nur DDR-Stoffe. Es wird manchmal zu eng betrachtet, wie man das heute sieht.

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Zwischen 1959 und 1962 war sie "IM Margarete" und ist dann von der Stasi fallengelassen worden. Wo hat sie sich in ihrem Verhältnis zu dem Staat, in dem sie lebte, selber gesehen?

Wolf: Sie wollte immer kritisch ihre Meinung sagen und hat sich gleichzeitig loyal verhalten. Sie hätte in der Bundesrepublik nichts gesagt, was sie in der DDR nicht sagen konnte. Sie war offen auf beiden Seiten, da hat sie kein Blatt vor den Mund genommen.

Bei ihrem legendären Auftritt am 4. Oktober 1989 auf dem Alexanderplatz forderte sie - im Gegensatz zu vielen anderen, die im Grunde schon den Abgesang auf die DDR angestimmt hatten: "Reformiert dieses Land!"

Wolf: Wir wollten, dass die DDR sich besser einbringt. Unsere Freundschaft mit Günter Grass beruht darauf, dass wir viele Versäumnisse aus den ersten Jahren der Wiedervereinigung kritisiert haben. Da sind übergreifende Freundschaften entstanden, die wir dann pflegen konnten. Diese spielen zum Beispiel in meinem Buch "Herzenssache" eine Rolle.

"Was bleibt", hat Christa Wolf gefragt. Die Frage stellt sich heute auch: Was ist geblieben? Was würde sie zu der heutigen Situation sagen?

Wolf: In "Störfall" bezieht sie sich ja auf den Störfall in der Ukraine. Solche Dinge hätten sie natürlich heute genauso bewegt und ihr einen Anlass geboten, an irgendeiner Stelle einzugreifen. Wobei sie nie das Aktuelle vergessen hat über dem, was bleiben soll. Ich glaube, das war immer ihre Absicht. Ich halte sie für eine der größten deutschen Prosaistinnen aus dem letzten Jahrhundert.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 01.12.2021 | 18:00 Uhr

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