Stand: 04.03.2020 16:26 Uhr  - NDR Kultur

Buchmessen-Absage: "Katastrophe für den ganzen Buchmarkt"

Wegen der Ausbreitung des Coronavirus wurde die Leipziger Buchmesse, die in der kommenden Woche hätte stattfinden sollen, abgesagt. Medizinisch mag das vernünftig sein, aber was bedeutet die Absage für die hiesigen Verleger? Dietrich zu Klampen leitet seit vielen Jahren in Springe bei Hannover den zu Klampen Verlag.

Herr zu Klampen, was bedeutet die Absage der Leipziger Buchmesse für Sie und Ihren Verlag?

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Dietrich zu Klampen leitet seit 1983 den zu Klampen Verlag.

Dietrich zu Klampen: Das Gefühl, das diese Absage bei mir hinterlässt, ist ambivalent. Einerseits bin ich sturztraurig, weil wir das ganze Jahr mit allen Kräften auf dieses Messe-Highlight hingearbeitet haben und nun vor dem Nichts stehen. Andererseits bin ich außerordentlich erleichtert. Ich habe in den letzten Tagen nur darüber nachgedacht, was passiert, wenn die Leipziger Buchmesse abgesagt wird - bis mir auffiel, dass ich mir die falsche Frage gestellt habe. Die wichtige Frage ist: Was ist, wenn die Leipziger Buchmesse nicht abgesagt wird? Kann ich das verantworten, zu meinen Quartiergebern - über 70 mit Lungenkrankheit - zu gehen und die möglicherweise anzustecken? Darf ich meine Mitarbeiterin nötigen, mit nach Leipzig zu kommen? Darf ich meine Autoren bitten, doch die Lesungen zu halten? Ich bin erleichtert, dass mir diese Entscheidung abgenommen wurde.

Aber da geht auch eine große geschäftliche Vorbereitung verloren, möglicherweise auch Geschäftskontakte, die da gehalten, angebahnt, geknüpft werden. Was fehlt da jetzt?

Zu Klampen: Da fehlt alles, was eine Buchmesse ausmacht. Die Buchmesse in Leipzig ist ein riesiges Lesefest mit 3.700 Veranstaltungen in und um Leipzig. Das ist eine Form, in der wir, gerade als kleinere Verlage, unsere Bücher sichtbar machen können. Wir haben Kontakte zu Kritikern, zu Autoren, zu Buchhändlern, zu Kollegen. Ich gehe da seit der Maueröffnung hin und habe keine einzige Buchmesse ausgelassen. Es ist also eine Messe der Kontakte und auch der Selbstverständigung, eine "Selbsthilfegruppe für geschundene Kleinverleger", weil wir uns auch untereinander unterhalten. Die Chance, dass man diese Bücher sichtbar machen kann, ist von heute auf morgen weggeblasen. Das ist eine Katastrophe für den ganzen Buchmarkt, und für die Bücher und die Autoren extrem unschön.

Wie sehr trifft es Sie finanziell? Da ist sehr viel investiert worden - und jetzt stehen Sie mit leeren Händen da, oder?

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Zu Klampen: Ja. Das Schöne an einem Kleinverlag ist, dass er klein ist. Und die Kleinheit hat die Folge, dass wir extrem vorsichtig mit überflüssigen Kosten sind. Wir haben überhaupt keine Hotelkosten, sondern wir werden bei Freunden von Freunden untergebracht - ich bei meinem freundlichen Autor. Wir haben Bahnkosten, weil eine Kollegin mit der Bahn fahren musste - die anderen zwei fahren mit dem Auto. Wir haben Standgebühren, von denen wir hoffen, dass wir sie wiederkriegen. Ich habe gelesen, dass man die Bahnfahrten zur Leipziger Buchmesse kostenfrei stornieren kan. Herzlichen Dank, liebe Deutsche Bahn. Der unmittelbare Schaden für uns ist also relativ gering. Wir hoffen, unsere Standgebühren wiederzukriegen. Die ganzen Organisationskosten hingegen kriegen wir nicht wieder. Aber wenn ich mir angucke, wie viel wir als kleinerer Verlag zu leiden haben, und setze das in eine Beziehung zu den hochverehrten Kollegen, die die Buchmesse organisiert haben, dann wird mir ganz anders. Die arbeiten ein ganzes Jahr mit dem ganzen Team daran, diese Buchmesse zu einem Weihnachtsfest für alle Bücherfreunde zu machen - und dann müssen sie absagen. In deren Haut möchte ich nicht stecken.

Wie können Sie das ganze Desaster kompensieren? Sie haben vorhin gesagt, es geht auch darum, ein bisschen auf sich aufmerksam zu machen. Das geht Ihnen jetzt verloren. Sie müssen aber natürlich für die neuen Titel auch irgendwie Werbung machen.

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Zu Klampen: Die Leipziger Buchmesse ist unersetzbar. Und doch haben wir unsere Autoren gebeten, die auf der Leipziger Buchmesse lesen sollten, uns von zu Hause kleine Videos zu schicken, damit wir eine digitale Leipziger Buchmesse des zu Klampen Verlages veranstalten können. Da wird man allerdings nicht 3.700 Videos sehen, sondern nur unsere Neuerscheinungen und die auch nicht komplett.

Gutes Stichwort: Ist die analoge Messe eigentlich heute noch zeitgemäß?

Zu Klampen: Für die Buchbranche bin ich mir ganz sicher, dass alle in ein lautes Ja-Gebrüll ausrasten. Das ganze Jahr über korrespondieren wir mit Autoren, Presseleuten, Buchhändlern, mit allen Marktteilnehmern über Telefon, SMS, E-Mail - und da begegnen wir uns. Es geht nichts über ein direktes Gespräch. Das muss nicht unbedingt die Leipziger Buchmesse sein, aber da wir da alle sind, sprechen wir fortwährend miteinander. Das ist für meine Begriffe vollkommen unersetzlich. Eine Sexszene im Film ist doch auch etwas anderes, als wenn man das Privileg hat, selbst mit jemandem im Bett zu liegen.

Wie nachhaltig wird dieser Ausfall sein? Hat das gerade für kleinere Verlage auch wirtschaftliche Schäden?

Zu Klampen: Die wirtschaftlichen Schäden kann ich noch nicht absehen, weil wir nicht absehen können, was passiert, wenn wir dort unsere Neuerscheinungen nicht so präsentieren können, wie wir das bisher immer gemacht haben. Das ist ja neu. Mein Gedanke ist vielmehr der: Die Leipziger Buchmesse ist nur einmal ausgesetzt worden, und sie wird im nächsten Jahr mit viel größerer Kraft und Freude wieder auferstehen. Ich bin davon felsenfest überzeugt.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Dietrich zu Klampen © Stefan Hilden Foto: Stefan Hilden

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Was bedeutet die Absage der Leipziger Buchmesse für die hiesigen Verleger? Ein Gespräch mit Dietrich zu Klampen, der seit vielen Jahren in Springe bei Hannover den zu Klampen Verlag führt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.03.2020 | 19:00 Uhr

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