Verzweifelter Mann sitzt am Bürgersteig © imago/INSADCO

Warum Armutsbekämpfung mehr braucht als Barmherzigkeit

Stand: 15.07.2022 17:26 Uhr

Armut nicht zu akzeptieren, ist Selbstschutz. Dass Ungleichheit im Vergleich der Nationen abnimmt, ist erfreulich, dass sie innergesellschaftlich wächst, ist bedrohlich.

Verzweifelter Mann sitzt am Bürgersteig © imago/INSADCO
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von Beatrix Novy

Vor gut zwei Wochen hat der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen aktuellen Armutsbericht veröffentlicht. Demnach hat die Armutsquote in Deutschland 2021, im zweiten Jahr der Corona-Pandemie, mit 16,6 Prozent "einen traurigen neuen Höchststand erreicht". 13,8 Millionen Menschen müssen laut dem Bericht in Deutschland "zu den Armen gerechnet werden". Kaum waren die Zahlen veröffentlicht, entwickelte sich eine Diskussion mit empörten Stellungnahmen. In den letzten Tagen hat diese Debatte erneut Fahrt aufgenommen und sich noch einmal verschärft. Denn, so schrieb die "Süddeutsche Zeitung": Die Behauptung vom "traurigen Höchststand" erweise sich als "höchst fragwürdig". Dahinter steht ein Streit um die Frage, was überhaupt Arm-Sein in Deutschland bedeutet, ob unser Sozialstaat funktioniert und ob er Vertrauen verdient. Jenseits dieser Auseinandersetzung darüber, wer als arm zu gelten hat oder nicht, begegnen wir allerdings einer Realität, die alle vor Augen haben: Es gibt manifeste Armut in diesem an sich reichen Land. Darüber hat Beatrix Novy 2017 nachgedacht. Fünf Jahre sind seitdem vergangen - und man kann sich schon fragen, ob sich in dieser Zeit vieles zum Positiven gewendet hat.

Betteln in der westeuropäischen Fußgängerzone

Der Mann liegt auf den Knien. Gesicht am Boden, eine Hand nach vorn ausgestreckt, die Handfläche offen: Bitte um eine milde Gabe. Stundenlang so auf dem harten Straßenpflaster zu verharren, ist keine Kleinigkeit. Der Mann tut also etwas fürs Geld. Wenn er trotzdem lange warten muss, bis ein Euro reinkommt, liegt es vielleicht daran, dass ein derart archaischer Anblick in der Fußgängerzone nicht gut ankommt. Hier werden Gefühle herausgefordert, Gefühle, die tief im Erdreich der westeuropäisch sozialisierten Psyche wurzeln. Obwohl man die eigenen komfortablen Verhältnisse gar nicht selbst erkämpft hat: Demutsgebärden, uns ehemaligen Untertanen über Jahrhunderte der Aufklärung mühselig aberzogen, als Import aus Osteuropa wiederzusehen, hat etwas Kränkendes. Es fällt folglich schwer, das Theatralische der Darbietung als Leistung zu honorieren.

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Eine Reihe von Uhren steht in einem leeren Fabrikgebäude. Eine zeigerlose Uhr ist frontal zu sehen. © Roberto Agagliate / photocase.de Foto: Roberto Agagliate

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Ohnedies ist die Konkurrenz des hingestreckten Bettlers vielfältig, und sie ist gesprächiger. In Großstädten liegt manchmal die Ansprachefrequenz so hoch, dass der kleine Vorrat von Ein-Eurostücken, zu diesem Zweck in der Manteltasche gebunkert, schon vormittags weg ist. Eingesteckt für den persönlich bekannten Obdachlosen mit der Adresse Unter der S-Bahn-Brücke oder für die einsam ihrem Bettlergewerbe nachgehende Roma-Großmutter - irgendwer ist immer dabei, an dem man die eigene unverdiente Fortune ein bisschen abgelten möchte.

Das Leben im Vollkasko-Staat

Betteln, die Schauseite der Armut, ist ins städtische Straßenbild der Wohlstandsgesellschaften hineingewachsen. Wer hätte sich das in den Jahrzehnten des Wirtschaftswunders träumen lassen, mit ihren nie dagewesenen ökonomischen und sozialpolitischen Errungenschaften, im "Vollkasko-Staat", - nur eine von vielen Bezeichnungen, mit denen er später diskreditiert wurde? Der 13. und 14. Gehälter lieferte sowie regelmäßige Tariferhöhungen, Festanstellung von der Schule weg, großzügige Förderungen, lange und zugegeben sinnlose Kuraufenthalte, Beihilfe-Erstattungen, die die geleisteten Krankenkosten überstiegen, ja wirklich, das gab es alles. Für die Jugend standen die Türen zur Zukunft weit offen, bevor sie dann der nächsten Generation vor der Nase zugeschlagen wurden.

Und Menschen, die andere auf der Straße um Geld baten, liefen kaum herum. Wahrscheinlich, weil es sie kaum gab. Beziehungsweise: Es gab sie, wie wir heute wissen, aber - damals noch - woanders. Das Volk der Reiseweltmeister sammelte solche Erfahrungen vorerst nur als Touristen, vom italienischen Süden bis zu den fernen Ländern der damals noch sogenannten Dritten Welt. Nachdrücklicher war der Schock, den deutsche USA-Urlauber sich holen konnten: beim ungemütlichen Anblick der vielen Obdachlosen in amerikanischen Großstädten; bei der täglichen Begegnung mit Leuten, die mitten in der weltgrößten Überflussgesellschaft in Pappschachteln lebten und einem ihren Pappbecher hinhielten. Da empfand mancher einen gewissen Stolz auf den Sozialstaat daheim.

Armut - ein immerwährendes Thema

Natürlich, auch die alte Bundesrepublik kannte längst die schnorrenden Punks, die nette Hunde vorschickten und bei näherer Bekanntschaft oft die traurigen Geschichten ihrer unerfüllten Kindheitsbedürfnisse erzählten. Ins Sichtfeld rückten auch die einst eher dezent vertretenen Obdachlosen. Das war nicht mehr die stabile Zahl der aus der Bahn Geworfenen mittleren Alters, der Unangepassten, Getriebenen, an sich selbst Gescheiterten, denen so schwer zu helfen ist. Jetzt gehören sie alle längst dazu, die regelmäßigen U-Bahn-Begleiter, die einen schönen Tag wünschen, die Zeitungsverkäufer jeden Alters, die noch lieber eine kleine Spende hätten und Globalisierungsprobleme auf kleinstem Niveau austragen: osteuropäische Hereingeschneite im Konflikt mit Stammverkäufern. Und, verstörend, die Leute wie du und ich, die in die beinahe glaubwürdige Geschichte ihrer Missgeschicke die Bitte um jene Summe einflechten, die ihnen jetzt gerade aus der Patsche helfen würde: Wie viele sind es wohl, die es nicht zum Sozialamt schaffen, aber die Schamschwelle zum Schnorren überwinden? "Schöner ist es", sinniert der erfahrene Caritas-Mitarbeiter, "wenn Menschen von sozialen Leistungen leben oder sogar Tätigkeiten ausüben können, die einen höheren sozialen Status haben". Ja, das würde wohl jeder unterschreiben.

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Offene Armut als soziale Konstante schien zumindest in Westeuropa abgeschafft - nachdem sie bis weit in die Neuzeit hinein eine ganz normale Geißel der Menschheit gewesen war. Als im 18. Jahrhundert über das Heer der Elenden, ihre Rolle im Staat und über Fürsorge und Arbeitshäuser nachgedacht wurde, ging es nicht einmal allen utilitaristischen Theoretikern der Armut um ihre Abschaffung. Dieser Traum wurde mit der industriellen Revolution und den sozialen Bewegungen zum Kernthema des 19. Jahrhunderts. Wie sehr die soziale Frage das Denken beherrschte und ein Bewusstsein von Ungleichheit formte, zeigen nicht nur die Romane von Charles Dickens oder Emile Zola. Schilderungen von nackter oder verschämter Armut waren stetes Sujet, auch der Trivialliteratur: Die Witwe, die sich die Finger wundnäht, gleichgültig malträtiert von geizigen Bourgeois, weckte das Mitleid, das im Roman einen Wohltäter auf den Plan ruft.

Aber Mitleid, das nicht zu Empörung und Veränderung führt, konnte die Arbeiterbewegung schon damals nicht wollen. Denn wer braucht fürs nackte Überleben noch Mitleid in einer Gesellschaft, in der es ums Überleben nicht mehr geht, weil sie hart erkämpfte, haltbare Systeme der sozialen Sicherung ihr Eigen nennt? Also im Sozialstaat.

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NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 16.07.2022 | 13:05 Uhr