Wie fühlen sich Depressionen an?

Stand: 31.08.2021 08:12 Uhr

Etwa jeder fünfte Erwachsene leidet im Laufe seines Lebens einmal an einer Depression. Doch in der Gesellschaft fehlt es oft an Verständnis. Drei betroffene Prominente berichten von ihrer Erkrankung.

von Melanie Thun

Allein in Deutschland erkranken jährlich über fünf Millionen Menschen an Depressionen. Doch in der Gesellschaft sehen viele die Depression immer noch nicht als ernstzunehmende Krankheit an, sondern glauben, es gehe dabei nur um eine traurige Phase - oder sie denken, sie betreffe nur Menschen, die schwach und nicht leistungsstark sind. Um gegen solche Vorurteile anzugehen, sprechen betroffene Prominente über ihre Erkrankung, wie die Moderatorinnen Milka Loff Fernandes und Nova Meierhenrich sowie Poetry-Slammer Tobi Katze. 

Wieder Zugang zum eigenen Selbstwertgefühl finden

Die Moderatorin Milka Loff Fernandes vor einem Containerhafen. © Kulturjournal
Die Moderatorin Milka Loff Fernandes hat seit ihrer Jugend Depressionen.

"Ich hatte Angst, rauszugehen. Ich konnte die Tür nicht mehr aufmachen, ich konnte nicht mehr telefonieren, ich konnte nichts mehr",  sagt Milka Loff Fernandes. Die Moderatorin leidet schon seit ihrer Jugend an Depressionen. In der stationären Behandlung hat sie gelernt, wie sie ihre Depression unter Kontrolle bekommt und wie sie Zugang zu ihrem Selbstwertgefühl findet - in einer Gesellschaft, in der es viel zu sehr um Nützlichkeit geht. "Wenn wir nützlich sind, dann sind wir auch etwas wert. Und das ist ein riesengroßes Problem in dem Moment, wo man eine Depression hat. Ich glaube, dass durch diesen Gedanken sehr viele Depressionen erst entstehen. Ich hoffe, dass wir uns dahin entwickeln, dass wir Menschen werden, die dem Leben selbst einen Wert zuschreiben. Egal, wie es sich gerade ausdrückt."

Autor Tobi Katze war in der Depression gefühlsleer

Der Autor Tobi Katze beschreibt seine Depression so: "Man hat keine emotionale Verbindung zu irgendwas, man fühlt einfach nichts. Ich war ein Großteil der Zeit einfach gefühlsleer." Er ist eines Morgens grundlos in Tränen ausgebrochen, hat tagelang geweint. Da wusste er, dass er ärztliche Hilfe braucht. Katze kritisiert, dass viele Menschen Depressionen noch immer nicht als schwerwiegende Erkrankung begreifen. Fast jeder Fünfte glaubt, dass Depressionen abklingen, wenn man sich zusammenreißt und Schokolade isst. Über 90 Prozent der Deutschen glauben, die Depression wird von Schicksalsschlägen und Stress verursacht. Tobi Katze hat den Kontakt zu einigen Freunden abgebrochen, die nicht in der Lage waren, die Krankheit anzuerkennen: "Es war für meine Genesung und Heilung einfach total wichtig zu sagen: Okay, dann können wir nicht mehr befreundet sein, wenn du die Krankheit, die gerade mein Leben zerstört, nicht ernst nimmst."

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Moderatorin Nova Meierhenrich begleitete Depression des eigenen Vaters

Die Moderatorin Nova Meierhenrich in einer Unterführung © Kulturjournal
Nova Meierhenrich hat eine schwere Depression ihres Vaters miterlebt und erkrankte schließlich auch selbst.

Die Moderatorin Nova Meierhenrich hat die Depression zuerst als Angehörige erlebt, ihr Vater war schwer daran erkrankt: "So eine schwere Depression, die verändert den Menschen einfach, und der Mensch, den man kannte, verschwindet immer mehr hinter dieser Krankheit. Da werden Dinge getan und Dinge gesagt, die überhaupt nicht mehr zusammengehen mit der Person, die man eigentlich kennt." Nova Meierhenreich hat schließlich eine Co-Depression bekommen. Sie fordert ein Umdenken in der Gesellschaft: "Es muss aufgehört werden auf Menschen, die depressiv sind, herabzuschauen und sie als schwach einzustufen oder als nicht belastbar. Das ist komplett falsch."

Auch die medizinische Versorgung für Patienten mit Depressionen muss verbessert werden, findet Professor Arno Deister: "Wir nehmen dieses Thema immer noch nicht ernst genug". Der Psychiater und Psychotherapeut ist Chefarzt am Klinikum Itzehoe und beklagt, dass es zu wenig Therapieplätze gibt. Depressionen sind eine Volkskrankheit, sie kann jeden treffen. Wir müssen noch mehr dafür tun, dass Betroffene Verständnis und schnellere Hilfe bekommen.

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Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 01.09.2021 | 10:00 Uhr