Anhänger der Keshet Deutschland bei der Christopher Street Day Parade in Berlin © picture alliance/dpa/Revierfoto

Verein "Keshet" will queeren Juden eine Plattform bieten

Stand: 26.02.2021 17:01 Uhr

Das jüdische Leben in Norddeutschland ist vielfältig - aber noch nicht vielfältig genug. Das haben sich einige engagierte Leute gesagt und das Projekt "Keshet" gestartet. Ein Gespräch mit dem Gründungsmitglied Monty Ott.

Anhänger der Keshet Deutschland bei der Christopher Street Day Parade in Berlin © picture alliance/dpa/Revierfoto
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Herr Ott, "Keshet" ist hebräisch und bedeutet "Regenbogen". Was leuchtend und farbenfroh klingt, ist aber eigentlich aus einer großen Not heraus entstanden. Warum brauchte es diesen Regenbogen?

Monty Ott: Ich möchte nicht sagen, dass es eine große Not war. Sondern es ist aus einer großen Komplexität heraus entstanden, aus einer Entwicklung, die sich schon lange gezeigt hat. Das Judentum in Deutschland ist sehr viel selbstbewusster, es ist vielfältig, dynamisch, und genau das muss sich auch in jüdischen Gemeinden, aber auch in der Gesellschaft widerspiegeln. Und um das sichtbarer und selbstverständlicher zu machen, haben wir uns gegründet. Die Plattform "Keshet Deutschland" ist der Ort geworden, um Wissen über queeres Judentum zu verbreiten, aber auch um daran anzuschließen, was bisher dagewesen ist. Denn wir sind ja nicht der erste Verein gewesen, der queerem Judentum eine Plattform bieten wollte, sondern es gab vor uns auch andere Vereine. An diese Tradition schloss man auf eine gewisse Art und Weise an. Aber derzeit ist "Keshet Deutschland" der einzige überregionale queer-jüdische Verein.

Ich habe von Not gesprochen, weil man oft als queere Jüdin oder queerer Jude vor die Wahl gestellt wird: entweder Gemeinde oder Queerness.

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Ott: Das ist ein bisschen vereinfacht dargestellt - ich würde das ein bisschen weiter ausdifferenzieren. Es sind nicht nur die Gemeinden. Natürlich spielen die Gemeinden dabei auch eine Rolle, weil sie ein wichtiger Ort für jüdisches Leben sind, der einzige Ort, wo man selbstverständlich und sehr offen seine jüdische Identität leben kann. Dazu kommt aber auch, dass es innerhalb der queeren Szene Probleme mit Antisemitismus gibt, dass Jüdinnen und Juden hier häufig ausgeschlossen sind.

Deswegen ging es einerseits darum, innerhalb jüdischer Gemeinden Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit zu leisten, weil das auch unsere Orte sind, Orte, zu denen queeres Judentum dazugehört. Aber gleichermaßen hat auch die queere Szene in Deutschland ein Problem. Das betrifft nicht jede Person in der Szene, aber es gibt dort einen verbreiteten Antisemitismus, so wie in der gesamten Gesellschaft auch. Und wir wollen darauf aufmerksam machen, dass Antisemitismus häufig nicht gesehen wird und dass dagegen teilweise nicht angemessen vorgegangen wird.

Der Verein hat bereits kurz nach der Gründung einen enormen Zulauf erfahren. Mit welchen Erfahrungen kommen die Menschen zu Ihnen?

Ott: Mit den unterschiedlichsten Erfahrungen. Ich habe viele Menschen getroffen, die eine sehr starke jüdische Identität hatten, und das hat uns die Arbeit sehr stark vereinfacht. Insofern, als dass wir sehr schnell Kontakt zu den großen jüdischen Institutionen knüpfen konnten. Es gab eine ganze Bandbreite an Institutionen, die mit uns zusammenarbeiten wollten, weil sie gesehen haben, dass es hier viele Menschen gibt, die frischen Wind in die Gemeinden hinein bringen. Manche, die sich aus dem Gemeindeleben verabschiedet hatten, haben nun gesehen, dass es die Möglichkeit gibt, wieder zurückzukommen.

Warum sind diese Menschen aus den jüdischen Gemeinden ausgetreten? Warum tun sich jüdische Institutionen so schwer mit dem Thema queeres Judentum?

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Ott: Ein Teil der jüdischen Institutionen hat sich schwerer getan. Man muss nicht besonders herausstellen, dass es innerhalb der jüdischen Community ähnliche Ressentiments gibt wie in der Gesamtgesellschaft, auch in ähnlichem Maße. Insofern hatten manche queere Jüdinnen und Juden nicht das Gefühl, vertreten worden sein. Oder sie haben eine Diskriminierung erlebt, die religiös artikuliert worden ist. Natürlich wird dann leicht auf so etwas zurückgegriffen und sich nicht konstruktiv damit auseinandergesetzt, was eigentlich die Lebenswirklichkeit von queeren jüdischen Menschen in Deutschland ist. Aber das ist etwas, was sich zum Teil schon sehr stark verbessert hat, weil es diese Offenheit gegeben hat und wir mit so vielen Gemeinden zusammengearbeitet haben. Das ist ein sehr positives Signal.

Sie selbst kommen aus Hannover. Inwiefern macht es einen Unterschied, ob man ein queerer Jude in Hannover oder in Berlin ist?

Ott: Ich hatte zumindest das Glück, dass ich ein Umfeld hatte, in dem ich über meine Selbstidentifikation, über meine Erfahrungen sprechen konnte. Das hat mir persönlich immer sehr geholfen. Aber gleichermaßen mangelte es an Anlaufpunkten, zu denen ich gehen konnte, gerade als jüdischer Mensch, der nicht in Berlin wohnt, wo es eine riesige Szene gibt mit Menschen, die sich ähnlich identifizieren. In der Schwulenberatung gab es beispielsweise niemanden, der verstehen konnte, was es bedeutet, beides zusammenzubringen, queer und jüdisch zu sein. Und deswegen wollten wir mit "Keshet" einen Punkt der Vernetzung setzen. Das ist ein sehr schönes Signal, zu sehen, dass es nach der Gründung von "Keshet" sehr viele Leute gibt, die sehr viel offener damit auftreten, denen es wichtig ist, dass das Judentum sichtbar und selbstverständlich ist. Gerade in der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hannover, in der ich gewesen bin, habe ich das immer sehr positiv erlebt. Zusätzlich haben sich jetzt - nicht nur in Berlin, sondern überregional - weitere "Keshet"-Gruppen gegründet. Mir ist es immer wichtig gewesen zu zeigen, dass das nicht nur in der "Berliner Bubble" stattfindet.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.02.2021 | 18:00 Uhr