Susan Kamel © Milena Schloesser

"TheMuseumsLab": Lernen zwischen Afrika und Europa

Stand: 04.05.2021 19:00 Uhr

Mit dem Programm "MuseumsLab" soll die Kooperation zwischen Nachwuchskräften in afrikanischen und deutschen Museen verstärkt werden. Ein Gespräch mit der Professorin für Museologie an der HTW Berlin, Susanne Kamel, die das "MuseumsLab" betreut.

Susan Kamel © Milena Schloesser
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Frau Kamel, wie muss man sich die Kooperation vorstellen? Wer trifft sich wo, und was für Wissen wird ausgetauscht?

Susan Kamel: Das ist in Zeiten von Corona eine knifflige Frage. Das wird natürlich alles nur digital stattfinden. Impulsgeber*innen aus afrikanischen und europäischen Ländern haben gemeinsam mit der afrikanischen Gruppe "The Advisors" ein Curriculum entwickelt, und es werden Student*innen beziehungsweise Young Museum Professionals aus afrikanischen und aus deutschen Institutionen gemeinsam lernen. Bisher fand schon eine Dekolonialisierung von Wissen statt: Wir haben versucht, ein Curriculum zu entwickeln, was in beiden Regionen der Welt auf die lokalen Bedürfnisse eingeht.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen? Was für Wissen wurde dekolonialisiert?

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Kamel: Museen haben auch aufgrund ihrer Geschichte dazu beigetragen, dass eine sogenannte Disziplinierung von Wissen stattgefunden hat. Das heißt, dass die einzelnen akademischen Disziplinen, so wie wir sie heute an den Universitäten kennen - Ethnologie, Botanik, Medizin, Völkerkunde -, entlang musealer Sammlungen entstanden sind. Wir versuchen aber mit diesem "MuseumsLab" transdisziplinär zu arbeiten. Wir versuchen nicht nur, Wissenschaftler*innen einzuladen, die sich mit der Institution Museum beschäftigen, mit dem Sammeln, Ausstellen und Vermitteln von Kulturgut, sondern auch mit benachbarten Disziplinen wir der Linguist, der Botanik, der Anthropologie und so weiter.

Das andere wäre, dass man auch versucht, an den hiesigen Museen eine diversitätsorientierte Organisationsentwicklung voranzutreiben, also Museen auch hier zu verändern und zu dekolonialisieren.

Sie haben bei der Vorstellung des Projekts gesagt, das "MuseumLab" komme genau zum richtigen Zeitpunkt. Ist es aber nicht eher so, dass die Initiative eigentlich viel zu spät kommt?

Kamel: Das kann man natürlich so sehen. Die ersten Rückgabeforderungen kamen ja in den 60er-Jahren, nachdem viele afrikanische Länder unabhängig geworden sind. Insofern kommt es natürlich zu spät. Aber nichtsdestotrotz sind wir dankbar, dass es überhaupt kommt und dass wir jetzt die Möglichkeit haben, etwas von den internationalen Asymmetrien wieder ein bisschen auszugleichen und global für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Andererseits auch in den hiesigen Kontexten, weil wir auch in einer Gesellschaft leben, die von starken Asymmetrien, von starker sozialer Ungerechtigkeit geprägt ist.

Es passt auf jeden Fall zu dem, was letzte Woche in Berlin verkündet wurde, dass nämlich im kommenden Jahr erste Benin-Bronzen nach Nigeria zurückkehren sollen. Außenminister Heiko Maas sprach er von einem Wendepunkt - was ist das für ein Wendepunkt?

Kamel: Meine Perspektive ist die, dass wir das tatsächlich nächstes Jahr zurückgeben werden. Ich hoffe, dass die Presse dabei bleibt und das verfolgt, ob die Objekte tatsächlich zurückgegeben werden.

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Der Regisseur Lars Kraume sagte auf NDR Kultur, dass für seinen neuen Film "Morenga" noch vor einem guten Jahr keine Investoren gefunden werden konnten. In "Morenga" geht es um die Kolonialkriege der Deutschen in Südwestafrika von 1904 bis 1907. Doch dann kam die "Black Lives Matter"-Bewegung nach Deutschland, und damit fand auch eine Neubewertung dieser Kolonialgeschichte statt. So hatte das Kraume erklärt. War die "Black Lives Matter"-Bewegung tatsächlich eine Art Weckruf mit Blick auf die deutsche Kolonialgeschichte?

Kamel: Die Menschen, die in Deutschland in aktivistischen Gruppen tätig sind, sind ja diesbezüglich schon lange wach. Mein Sohn ist in der neunten Klasse, und es ist erschreckend, was da durch die Schulbücher noch vermittelt wird. Ich hoffe, dass sich da etwas ändert. Das kommt aus aktivistischer Perspektive ziemlich spät, aber alles, was diese Diskussion um Antirassismus in der deutschen Gesellschaft voranbringt, ist natürlich höchst willkommen. Ich hoffe, dass es ein paar Schritte nach vorne geht.

Die Studierenden werden durch das "MuseumsLab" mit einem anderen Bewusstsein für die koloniale Vergangenheit in die Berufswelt einsteigen, oder?

Kamel: Auf alle Fälle. An der HTW in Berlin, wo man Museumsmanagement und -kommunikation im Master studieren kann, ist dieses Thema Diversität, sensible Organisationsentwicklung schon lange mit Curricula verankert. Von den Student*innen bekomme ich immer wieder die Rückmeldung, dass das ihren Blick schärft und es total wichtig ist für die Zukunft, wenn man weiterhin im Bildungsbereich tätig sein möchte. Und dazu gehören auch Museen.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.05.2021 | 18:00 Uhr