Stand: 18.09.2020 16:54 Uhr

"The Juliet Letters": Eine Ode an den Brief

von Juliane Voigt

Elvis Costello hat Anfang der 1990er-Jahre sein Album "The Juliet Letters" aufgenommen. Vertont hat er darin knapp 20 von ihm selbst geschriebene Briefe. Eingespielt hat er es gemeinsam mit der Streicherformation Brodsky Quartett. Es ist eins der legendären Gesamtkunstwerke englischer Musikgeschichte. Choreograf Ralf Dörnen hat zu dieser Musik am Theater Vorpommern mit "The Juliet Letters" einen gleichnamigen Ballettabend auf die Bühne gebracht.

Ein Mann liest einen Brief vor - Damen in roten Kleidern tanzen um ihn herum (Szene aus "The Juliet Letters) © Peter van Heesen
In "The Juliet Letters" sind die Tänzer nicht nur ausdrucksstark, sondern tragen auch ungewöhnliche Briefe vor.

Ein Mann liest ungläubig und fassungslos in einem Brief. Er erfährt, warum seine Frau sich umgebracht hat. Gerade hat er das Papier zwischen ihrer Seidenwäsche gefunden. Auf der Bühne des Greifswalder Theaters liest der Tänzer Davide d´Elia. Um ihn herum bewegen sich Tänzerinnen in roten Seidenkleidern. Es sind die Erinnerungen an seine Frau.

Choreograf Ralf Dörnen hat das Album "The Juliet Letter" von Elvis Costello als Kammerballett auf die Bühne gebracht. "Ich habe diese CD schon seit 20 Jahren im Schrank stehen und wollte das immer schon machen", sagt der Choreograf. "Jetzt bei Corona habe ich gedacht, das ist so eine melancholische Geschichte, so eine vereinzelte Geschichte, wo viele Soli auch möglich sind."

"The Juliet Letters": Inspiriert von Briefen an Shakespeares Julia

Inspiriert war Elvis Costello von den Briefen an Julia Capulet. Viele Menschen schreiben einfach an die Shakespeare Figur aus Romeo und Julia. "Die Briefe sind von Menschen wie Du und ich, die alle möglichen Probleme oder Wünsche oder Herzensangelegenheiten in diese Briefe packen", sagt Dörnen. "Elvis Costello und das Brodsky Quartett haben 20 dieser Briefe selber verfasst, also es sind keine Originalbriefe, sondern sie haben sich selber Briefe ausgedacht. Und dann in eine, wie ich finde, wunderbare Musik gepackt."

Die Tänzer und Tänzerinnen des Ballett Vorpommern sind mit den Briefen mal ganz alleine auf der Bühne. Oder schreiben sich in synchronen Bewegungen gegenseitig. Sammeln flatternde Briefe aus der Luft, zerknüllen oder küssen sie und sind dabei auch schauspielerisch überzeugend.

Aus Rock und Klassik wird Ballett

Eine Frau liest einen Brief vor - vier Personen hören gebannt zu (Szene aus "The Juliet Letters) © Peter van Heesen
Mal ruhig, mal impulsiv: Das Tempo der Inszenierung passt sich an die Briefe an.

Rocklegende Elvis Costello arbeitete für das Album mit dem Brodsky-Quartett zusammen. Ein Steichquartett, das bis heute weltberühmt ist für seine Interpretationen klassischer Musik. Herausgekommen ist ein Gesamtkunstwerk aus poetischen Texten und wunderschönen Melodien.

Es sind Briefe mit ganz unterschiedlichen Inhalten. Mal traurig, mal lakonisch oder völlig abstrus, wie das Lied "Der Keller der Verdammnis". Dort wünscht sich jemand, dass gewisse Berühmtheiten mit einer Zeitmaschine zum Leben erweckt werden, um noch einmal mit ihnen abzurechnen.

In einem anderen Brief fragt ein kleiner Junge, wo seine Mutter ist. "Wahrscheinlich lassen die Eltern sich scheiden und er weiß nicht, ob er geliebt wird von seinen Eltern oder nicht", erklärt Ralf Dörnen. "Es gibt einen Brief, der ganz klar über die Zerstörung der Welt spricht, wenn wir mal nicht mehr da sind un die Erde leer ist."

Wehende Briefe auf der Bühne

Tänzer in weißen Kleidern - synchron mit den Armen nach vorne (Szene aus "The Juliet Letters) © Peter van Heesen
"Wie eine Art Wirbelsturm" beschreibt Bühnenbildnerin Eva Humburg die wehenden Briefe.

Auf der Bühne schweben unzählige Briefe an langen Fäden. Briefe werden in Umschlägen verteilt, rieseln von der Decke auf der ansonten leeren Bühne von Ausstatterin Eva Humburg.

Für Ralf Dörnen ist der Abend auch eine Ode an den Brief schlechthin: "Wir schreiben heute keine Briefe mehr. Wir hämmern das alles in den PC, aber wenn man sich wirklich hinsetzt und mit der Hand schreibt, und jedes einzelne Wort wirklich überlegt, das ist etwas anderes. Ich glaube, das Gefühl, jemandem wirklich etwas mitzuteilen, geht verloren."

Ein Abend, mit wunderbaren Bildern und großartiger Musik und vielleicht sogar der kühnen Idee, sich mal wieder hinzusetzen und einen Brief zu schreiben.

"The Juliet Letters": Eine Ode an den Brief

Choreograf Ralf Dörnen hat das legendäre Album "The Juliet Letters" von Elvis Costello zu einem Ballettabend zusammengewebt. Am Theater Vorpommern wird das Stück nun aufgeführt.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Großes Haus
Anklamer Straße 106
17489Greifswald
Telefon:
(03834) 57 22 224
E-Mail:
info@theater-vorpommern.de
Preis:
20,50 - 28,50 Euro
Besonderheit:
Im Großen Haus in Stralsund wird das Stück ebenfalls zwei Mal aufgeführt (17.10./31.10. 19.30 Uhr).
Hinweis:

Choreographie und Inszenierung: Ralf Dörnen
Bühne und Kostüme: Eva Humburg
Licht: Thomas Haack
Choreographische Assistenz: Adonai Luna
Musikalische Assistenz: Peter Hammer
Dramaturgie: Inga Helena Haack
Inspizienz: Nadim Hussain
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 18.09.2020 | 19:00 Uhr