Stand: 01.02.2018 16:38 Uhr

"Balagan Body": Wie fühlt sich Terror an?

von Peter Helling

Wenn ein Körper in einen Terroranschlag gerät, was genau passiert dann mit ihm? Wir kennen nur die furchtbaren Bilder danach - oder Bilder von Menschen in Panik. Die junge Hamburger Choreographin Patricia Carolin Mai untersucht diese Momente und hat jetzt ein Tanzstück darüber gemacht: "Balagan Body" heißt es. Am Mittwoch hatte es auf Kampnagel Premiere.

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"Balagan Body" von Patrica Carolin Mai ist noch bis zum 3. Februar auf Kampnagel zu sehen.

Zwei junge Menschen stehen auf dem weißen Bühnenboden. In bunten Turnsachen, rot und blau. Sie scheinen sich zu umarmen. In Zeitlupe, ganz vorsichtig - lösen sich dann wieder. Links steht ein Mann mit E-Gitarre und reibt über seine Saiten. Und rechts ein Schlagzeuger, der über das Becken streicht. Die beiden jungen Tänzer Patricia Carolin Mai und Eyal Bromberg lassen fast unmerklich aus der Umarmung etwas entstehen: ein Zucken, das sich wiederholt. Die Spannung baut sich ganz langsam auf, überträgt sich. Das Zucken nimmt zu - dann treibt es die beiden Körper auseinander. In den Raum. Der Schweiß beginnt zu fließen. Der Beat ist hart.

"Ein einziger Rausch in jeglicher Hinsicht"

Plötzlich lächeln die beiden mitten in der Bewegung ins Publikum. Tanzen auf die Zuschauer zu. Euphorie liegt in der Luft. Immer leicht gebückt, die Arme nach oben gehoben. Ein Mann im Publikum beschreibt das als einen "einzigen Rausch in jeglicher Hinsicht". Aber auch diese Situation löst sich wieder auf. Die Musik treibt den Druck hoch.

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Patricia Carolin Mai und Eyal Bromberg haben sich selbst choreographiert.
Persönliches Erlebnis gab den Anstoß

Die beiden Tänzer haben sich selbst choreographiert. Patricia Carolin Mai kommt aus Hamburg, Eyal Bromberg aus Tel Aviv. Dort entstand auch die Idee zu "Balagan Body" - übersetzt: "Chaoskörper". Denn Mai hat 2012 hautnah miterlebt, wie sich Terror anfühlt. Ein Anschlag in der lebensfrohen Stadt am Mittelmeer, plötzlich Alarm. Was macht ein Körper dann? Wenn alles auf den Kopf gestellt ist?

Mehr als eine Stunde lang lassen Mai und Bromberg ihre Körper zucken - bringen sie in Gleichklang, werfen sie auf den Boden - tanzen ganz nah heran an das atemlose Publikum, das sie förmlich riechen kann. "Es war auf jeden Fall purer Ausdauersport auf der Bühne, mich hat es total beeindruckt", meint einer der Zuschauer.

Bewegungen erzählen vom losbrechenden Chaos

Die Schlagzeug-Beats prasseln auf die Tänzer ein. Sie reißen ihre Blicke in den Himmel, als flöge da etwas nach oben. Dann wieder legen sie ihren Kopf in den Nacken, als schraube er sich vom Rumpf. Körper, die in Stücke gehen: Der Terror kehrt die Welt um. Die Tänzer machen das ohne einen billigen Schock-Effekt. Nur ihre Bewegungen erzählen den unfassbaren Moment, den keine Kamera festhalten kann - wenn das Chaos losbricht. Großartig. Ganz zum Schluss sind beide fast nackt, den Kopf nach vorne gebeugt, kreisen die nackten Schultern, wie verwandelt. Unheimlich. Dann ist es still. Die Tänzer stehen mit dem Rücken zum Publikum. Lösen sich erst wieder aus der Starre, als der Applaus beginnt. Der Abend reißt mit. Und langsam, ganz langsam entspannt sich auch wieder der eigene Körper.

"Balagan Body": Wie fühlt sich Terror an?

Wie erleben Menschen Extremzustände wie einen Terroranschlag? Die Hamburger Choreographin Patricia Carolin Mai hat ein Tanzstück darüber gemacht. Am Mittwoch war Premiere auf Kampnagel.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Kampnagel K1
Jarrestraße 20
22303  Hamburg
Preis:
15 Euro (erm. 9 Euro, [k]-Karte 7,50 Euro)
Öffnungszeiten:
Kasse
Montag bis Sonnabend 16 -19 Uhr 
An allen Veranstaltungstagen ab eine Stunde vor Vorstellungsbeginn.
Kartenverkauf:
Montag bis Sonnabend 10 - 19 Uhr  
Tel: +49 (0)40 27 09 49 49
Mail: tickets@kampnagel.de
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 01.02.2018 | 19:00 Uhr

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