Die amerikanische Dichterin Amanda Gorman liest ein Gedicht vor während der 59. Amtseinführung des Präsidenten im US-Kapitol. © AP Pool/dpa Foto: Patrick Semansky

Streit um Amanda Gorman-Gedicht: Wer darf wen übersetzen?

Stand: 12.03.2021 16:59 Uhr

Wer darf wen übersetzen? Um das Gedicht "The Hill To Climb" von Amanda Gorman ist eine neue Debatte entbrannt. Die Übersetzerin Pieke Biermann hat zu diesem Thema eine eindeutige Meinung.

Pieke Biermann © dpa - Report Foto: Karlheinz Schindler
Beitrag anhören 7 Min

Die ursprünglich für die Übertragung des Gorman-Gedichts ins Niederländische vorgesehene Marieke Lucas Rijneveld hat den Auftrag zurückgegeben. Im Internet war ihre Berufung kritisiert worden - denn: "Rijneveld ist nicht schwarz". Während dieser Rückzug noch heftig diskutiert wurde, kam am Mittwoch noch ein Rauswurf hinzu: Der katalanische Verlag in Barcelona kündigte seinem Übersetzer Victor Obiols mit der Begründung, er habe "das falsche Profil". Obiols ist männlich und weiß.

Frau Biermann, wenn Sie gefragt worden wären, hätten Sie den Auftrag angenommen, dieses Gedicht zu übersetzen?

Pieke Biermann © dpa - Report Foto: Karlheinz Schindler
Die Übersetzerin Pieke Biermann erhielt 2020 für die Übersetzung von Fran Ross "Oreo" den Preis der Leipziger Buchmesse.

Pieke Biermann: Nein, das hätte ich auf gar keinen Fall, weil ich das nicht könnte. Ich bin mit Lyrik ganz schlecht zu Fuß.

Aber es hat nichts damit zu tun, dass Sie nicht schwarz sind, oder?

Biermann: Nein.

Was halten Sie von dieser ganzen Diskussion, von der Rückgabe des Übersetzungsauftrag von Frau Rijneveld?

Biermann: Ich bin fürchterlich unzufrieden damit, wie das überhaupt so läuft. Für mich ist das wieder alles in die falsche Fragerichtung gedrängt. Es geht doch nicht darum, ob jemand etwas übersetzen darf oder nicht. Übersetzen ist doch nicht etwas, was staatlich genehmigt werden muss. Man hat einen Text, und man bringt den in eine andere Sprache. Das ist im Grunde wie eine Rolle, die man als Schauspielerin oder als Schauspieler übernimmt. Das ist ein mimetischer Vorgang. Man versetzt sich hinein in eine Rolle, beim Übersetzen in die Literatur, in den Text, und versucht mit seinen eigenen Mitteln das so nachzubilden, dass es nicht identisch ist, sondern in die jeweilige Kulturumgebung passt.

Aber ist es nicht von Vorteil, wenn man als Übersetzerin der Autorin einigermaßen entspricht - vom kulturellen Hintergrund, vom Alter, von der Gesellschaft, in der wir leben - und man so ein anderes Verständnis für den Text entwickeln kann?

Biermann: Nein, das glaube ich überhaupt nicht. Texte sind nicht durch irgendeine Lebenserfahrung, durch eine kulturelle Brille ein für allemal zu verstehen. Dazu braucht es sehr viel mehr. Man muss auch eine ganze Menge Ahnung von der Umgebung von Texten haben, der historischen Umgebung zum Beispiel. Gerade Amanda Gorman zitiert und und referenziert alles Mögliche aus amerikanischer schwarzer wie weißer Kultur. Das muss man drauf haben. Das kann man nicht mal eben so aus dem Ärmel schütteln und es besser können, bloß weil man dieselbe Hautfarbe wie die Autorin hat. Das ist ein Trugschluss.

In den Niederlanden hat die Übersetzerin selbst zurückgezogen, in Katalonien ist der Übersetzer rausgeworfen worden. In Deutschland hat man einen Kompromiss gefunden: Man hat drei Frauen drangesetzt: eine Schwarze, eine Muslimin und eine ausgewiesene Übersetzerin. Da ist man fein raus, oder?

Biermann: Wemgegenüber ist man da fein raus? Denen, die das Geschäft mit dem Identitätsspiel machen, sicherlich. Man hat keine Angriffsfläche geboten, man hat zugkräftigen Namen genommen. Kübra Gümüsay ist natürlich berühmt, die dann auch mitzieht, und Strätling ist eine hervorragende Übersetzerin - aber ich kann mir nicht vorstellen, dass man zu dritt Gedichte übersetzen kann. Wir werden sehen, was dabei herauskommt, aber ich bin da skeptisch. Ich finde, das ist mit der Wurst nach der Speckscheibe geworfen. Übersetzen ist eine mimetische Kunst, das heißt, ich muss mich anverwandeln können. Und das geht nur, wenn ich jemand anderes bin. Ich darf ja gerade nicht identisch sein, weil ich mich dann nicht mehr anverwandeln kann. So eine Identität existiert nicht. Mit diesem Begriff "Identität" wird für meinen Geschmack viel zu viel Schindluder getrieben.

Das findet aber auch auf anderen Feldern statt: Bei der Verfilmung von "Unorthodox" für Netflix heißt es: Die Schauspielerin muss eine Jüdin sein, um eine jüdische Protagonistin zu spielen. Ist das nicht ein richtiger Anspruch?

Biermann: Das ist genau die richtige Richtung, die das kriegen muss. Leute, egal welchen Geschlechts, egal welcher Hautfarbe, müssen gleichermaßen beteiligt werden an diesem kleinen Geschäft namens Übersetzten. Das ist nun auch keine Machtposition, die wir haben. Natürlich müssen die Zugang dazu haben, und dafür müssen wir auch kämpfen. Das tun wir auch, egal welcher Hautfarbe wir sind. Aber man kann das nicht damit eins zu eins setzen, dass man identisch sein sollte. Das ist Quatsch, das ist absurd, das ist surreal.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Weitere Informationen
Plenarsaal im Deutschen Bundestag © dpa Foto: Kira Hofmann

Essay: Grundrechte und Parlamentarismus in Krisenzeiten

Seit Ausbruch der Corona-Krise hat vor allem die Exekutive das Heft des Handelns in der Hand. Was macht das mit unserer Demokratie? mehr

Die amerikanische Dichterin Amanda Gorman liest ein Gedicht vor während der 59. Amtseinführung des Präsidenten im US-Kapitol. © AP Pool/dpa Foto: Patrick Semansky

Amanda Gorman: Die Stimme bei Bidens Amtseinführung

Sie kam auf Wunsch des neuen Präsidenten: Amanda Gorman. In einem Gedicht sprach sie über Wunden der Vergangenheit und Versöhnung. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 12.03.2021 | 18:00 Uhr